NZZ - «Radikale Projekte sind bei uns mehr als willkommen»

6.8.2009

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Stunde null des Schweizer Films zum Auftakt des Filmfestivals Locarno. Im Schweizer Filmschaffen herrscht Unruhe, die marktbetonte Förderung durch den Bund steht in der Kritik. Das frühere «cinéma copain» der gegenseitigen Unterstützung unter Filmschaffenden habe sich auf die Ebene der öffentlichen Filmförderung verlagert, heisst es.(...)
Es herrsche Intransparenz und Wirrnis im Umgang der Sektion Film mit verschiedensten Vertretern der Branche, sagen Leute, die nicht zitiert werden wollen. – Schwachstellen der Filmsektion werden in der Kommunikation mit der Filmszene und in der oft etwas vorlauten Ankündigung von grossen Hoffnungsträgern geortet – und darin, dass sich diese gehäuft als finanzielle und inhaltlich-qualitative Enttäuschung herausstellten. Nicolas Bideau selbst betrachtet Letzteres im Gespräch als ein «Risiko des Business», während er den Vorwurf der Intransparenz energisch zurückweist: Er pflege eine sorgfältige Vernehmlassungspolitik und höre sich unparteiisch sämtliche Vertreter der Branche an: «Ich konsultiere sehr sorgfältig», erklärt er.
Bestimmt liegt nicht alle Verantwortung an der gegenwärtigen Misere bei der Sektion Film und ihrem Leiter, dem selbsternannten «Monsieur Cinéma». Dass die Schweizer Spielfilmproduktion oft harmlose Komödchen ohne Aussage auf unsere Leinwände hievt, die das Publikum nicht in Horden in die Kinos locken, dafür kann das BAK nichts.
«Radikale Projekte sind bei uns mehr als willkommen», erklärt Bideau. Woran aber liegt es dann, dass ein solches Ächzen und Harzen das Spielfilmschaffen quält? Wo sind die Filme, deren Inhalte – wie die mantrahaft zitierten Autorenwerke Alain Tanners, Claude Gorettas und Michel Soutters in den siebziger Jahren – das Kinopublikum bewegen, stechen, faszinieren und die so auch international Aufmerksamkeit auf sich ziehen? Weshalb gibt es keine Margarethe von Trotta, keinen Lars von Trier oder Michael Haneke in der Schweiz?
Pascal Trächslin, Geschäftsführer der Produktionsfirma Cineworx, weist auf mangelndes Geld für das Filmschaffen hin – und darauf, dass eine stete Konzentration des wenigen Geldes auf immer weniger, grössere Produzenten stattfinde. «Dadurch nimmt der Druck auf die einzelnen Akteure in der Branche immens zu», sagt Trächslin. Eine künstlerische Schwachstelle ortet die Filmemacherin Bettina Oberli, deren (ohne Bundesgelder finanzierter) Zweitling DIE HERBSTZEITLOSEN 2006 sämtliche Zuschauerrekorde eines Schweizer Films gesprengt hatte: «Wir nehmen uns in unseren Filmprojekten zu wenig ernst.» Man spüre aus den Geschichten keine Dringlichkeit, keinen Willen zur Aussage, meint Oberli. Dokumentarfilmer Matthias von Gunten (MAX FRISCH, CITOYEN) führt diesen Gedanken weiter: «Das Hauptproblem liegt darin», so von Gunten, «dass der klassische Autorenfilm als unprofessionell in Verruf geraten ist.» Professionell hingegen bedeute jetzt Filmindustrie, Arbeitsteilung, eine wichtigere Rolle der Produzenten – dabei habe man übersehen, dass die internationalen Erfolge etwa an den grossen Filmfestivals wie Cannes und Venedig immer Autorenfilme seien: «In ihren Versuchen, Filme zu machen, die aussehen wie richtige Blockbuster, sind den Filmemachern ihre inhaltliche Ernsthaftigkeit und ihre eigene Sprache abhandengekommen.» Auch für Produzent Christian Davi von der Zürcher Produktionsfirma Hugofilm (VITUS) liegt das Problem in einer künstlerischen Verunsicherung, die nach mehr Mut zum Inhalt verlange. Nur sieht er die Lösung gerade umgekehrt in einer verstärkten Zusammenarbeit zwischen Autoren und Produzenten.

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