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critic.de - AMOUR

25.5.2012

Texte

Wenn die Sprache ihre Macht verliert und nur das Handeln bleibt. Haneke schaut dem Leben zu.
Zwischen ihrem physisch intensiven Schauspiel und den resignierten, fast spröde daher gesagten Dialogen öffnet sich mit zunehmender Filmdauer ein weiter Graben. AMOUR erzählt so auch die Geschichte einer allmählichen Ablösung der Sprache von der Welt: Das Leiden, aber auch das Lieben bleibt, selbst wenn die Worte ihre Haftung verlieren. Am Ende, kurz vor dem Tod, ist die Sprache nur noch Klang, eine beruhigende Melodie.
Michael Haneke scheint diesmal seinen Kontrollwahn und seine schneidende intellektuelle Brillanz hintanzustellen, um stattdessen gänzlich von seinen Figuren ausgehend zu erzählen. Vorbei die Zeiten der hochkomplizierten, auch hochgradig arrangierten Narrative von CACHE (2005) oder FUNNY GAMES US (2008). Eine unvermutete Bescheidenheit und Schlichtheit grenzt AMOUR von den bekanntesten Werken des Österreichers ab.
Was nicht heißen soll, dass Haneke seine präzise, unverkennbare Arbeit an Bildkomposition, Einstellungsdauer und Montagen gegen simple Dokumentation getauscht hätte. Er trifft weiterhin starke, entfremdende Entscheidungen, hält die Aufnahme eines leeren Zimmers viel länger als nötig, zerschneidet das Appartement in disparate Stücke, die sich erst sehr langsam zu einem erschlossenen Raum zusammenfügen, verweigert Einsichten und Gegenschüsse, um die Ambivalenz der Situation zu bewahren. Aber diese Entscheidungen scheinen nicht länger einer primär filmisch-formalistischen, sondern einer humanistisch aufgeladenen Logik zu folgen. Nur wenn Georges alleine ist mit seiner leidenden Frau, zeigt sich ihr Elend in Großaufnahmen. Selbst die Tochter bekommt nur weite Winkel, so dass sich ihre innerliche Distanzierung von den Eltern auf die Leinwand und den Zuschauer überträgt.
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