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Cargo - Von Niemandsland nach Anderswo - Alain Tanner wird 80

6.12.2009

Texte

Um die «richtige Distanz» des Zuschauers, um Verfremdung im Brechtschen Sinne geht es immer bei Tanner, der dieses Stilmittel jedoch mit leichter Hand, ohne die Provokationen und essayistischen Verdichtungen seines Landsmanns Godard zu instrumentieren weiß, ganz gleich ob er Travelling und Plansequenzen einsetzt («das Kino ist nicht das Leben, sondern eine Art, es zu betrachten, es zu zeigen – darum muß man den Blick der Kamera spüren»), mit Originalton oder Off-Kommentar arbeitet. Mit LA SALAMANDRE (1971) ist ihm sogar ein heiter verspielter Film über das Filmemachen gelungen – über das Recherchieren und Schreiben, die Unmöglichkeit sich erzählend einem Vorfall zu nähern, der sich «wirklich» ereignet hat, die Reibungen und Versionskonflikte der verschiedenen Ansätze und Ebenen, das Scheitern des Projekts. Ein veritabler «Film-discours», der die Prämissen seiner Entstehung (an der John Berger als Drehbuchautor beteiligt war) so selbstverständlich in Frage stellt und dementsprechend seinen Fortgang modifiziert, daß der Zuschauer die Lektion erst im Nachinein bemerkt. (...)
Seine Figuren kennen weder Termindruck noch Konkurrenzneid, ihre Beziehungen untereinander sind nicht durch Machtspiele der Kontrolle, Verfügung, Beherrschung (oder Verfolgung, Befragung, Entblößung) gekennzeichnet; sie «repräsentieren» nicht diesen oder jenen Typ, Beruf oder Charakter, sondern ein trotziges Fürsichseinwollen jenseits zuordnender, zuschreibender, identifizierender Blicke. Es sind Streuner, Aussteiger, Verlierer, keine Leistungsträger; Zweifler, Melancholiker, Libertins, keine Funktionsträger. Das Experiment utopischer Umgangsformen, das in JONAS QUI AURA 25 ANS EN L'AN 2000 (1976) auf anarchisch-komödiantische Weise den Geist von '68 lebendig hält, durchzieht alle Filme Tanners.
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