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Züri brännt

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Videoladen 1980 100'

Es dauerte lange, bis Zürich brannte und als es endlich Feuer gefangen hatte, fand dieses keine Nahrung.

Der legendäre Film der Zürcher Bewegung von 1980 ist ein wortgewaltiges Pamphlet und Dokumentation zugleich des Befreiungsschlages einer ganzen Generation. Strassenschlachten, Nacktdemonstrationen, Punk-Musik, gelebte Autonomie: Die Zürcher Bewegung sagte sich los von den Zwängen des zwinglianischen Zürichs und forderte Leben, Raum, Geld, Alles und Subito. Die Bewegung setzte ein beträchtliches kreatives Potential frei und hat Zürich tiefgreifend verändert. In der heutigen multikulturellen und event-orientierten Stadt kann man sich dies fast nicht mehr vorstellen.

Denn der Beton tönt hohl und will nicht brennen, ein Supersicherheitsklotzgefängnis ist kein Scheiterhaufen, aber modern. Modern viereckig, grau und in Ordnung sind auch die von plastifizierten Hollywood-Monstern belebten Kinderspielplätze. In Ordnung ist überhaupt alles was glatt, kahl und sauber ist. Gähnende Wüste unter Industriedunst, gegen oben elegant sich verjüngende Turmarchitektur. Reduzierte Bildwelt. Andächtige Monotonie von Beamtenschritten in den öden Gängen der Registraturbehörden. Riesige planierte Flächen vor den Einkaufszentren, so leer und wunschlos wie die Köpfe der Familienväter am Sonntag.

Der schwarz-weisse Videofilm des Videoladens wurde 2005 restauriert. Es treten frei-und unfreiwillig auf: Emilie Lieberherr, Sigi Widmer, Alfred Gilgen, Trachtengruppe Urania alias Stadtpolizei, Hans Frick, Dölf Trachsel, Max Koller, Andreas Blum, Jan Kriesemer, Samir, John Wayne, Herrn und Frau Müller und viele Bewegte.

Doch unten, wo der Verputz zu bröckeln beginnt, wo verschämte Rinnsale, Kleenex-sauberer Menschenärsche zu stinkenden Kloaken zusammenfliessen, da leben die Ratten, wild wuchernd und fröhlich, schon lange. Sie spreechen eine neue Sprache. Und wenn diese Sprache durchbricht, ans Tageslicht, wird gesagt, nicht mehr getan sein, schwarz auf weiss wird nicht mehr klipp und klar sein, alt und neu wird ein Ding sein. Krüppel, Schwule, Säufer, Junkies, Spaghettifresser, Neger, Bombenleger, Brandstifter, Vagabunden, Knackis, Frauen und alle Traumtänzer, werden zusammenströmen zur Verbrennung der Väter.

"Ein streckenweise hervorragend gemachtes Pamphlet, das unübersehbar and die Vorbilder des revolutionären russischen Kinos anknüpft. Seine expressionistische Emphase und dadaistische Bürgerschreckattitüde sind jedoch nicht im geringsten an auch nur einigermassen objektiver Informationsvermittlung über die Vorgänge im Verlauf des letzten Sommers interessiert."
NZZ, 31.1.1981

Der Aufstand der Kulturleichen

"ZÜRI BRÄNNT ist wenigere eine Chronik der Ereignisse. Vielmehr ist der Film ein Dokument der Vorstellungen, wie sie in der Jugendbewegung herrschten. Für sie wurde ZÜRI BRÄNNT eine Art Kultfilm, dessen wilde, vom Text fundierte Dynamik einzigartig ist im Schweizer Film."
Camera, Berlin 1989

Nieder mit den Alpen. Freie Sicht aufs Mittelmeer

"Ich war aufgeregt. Da waren viel mehr Leute vor dem Opernhaus, als ich mir gedacht hatte. Als dann die Schmier aus dem Opernhaus herauskam und die Demonstranten die Treppe hinunterdrängte, nahm ich das alles durch den Sucher der Kamera wahr. Ein merkwürdiges Gefühl, mittendrin zu stehen und gleichzeitig Fernseh zu schauen! Was nach dem Filmen geschah, weiss ich nicht mehr genau. Ich weiss nur, dass ich am andern Tag zur Arbeit gehen musste und beim Schnitt des Krawallfilms nicht dabei sein konnte. Und nachher ging es in Zürich so richtig ab, sodass mich Video und unser Uniprojekt nicht mehr sonderlich interessierten."
Patricia Loggia

"Ich kam eher so vom Journalistischen her und habe auch eher noch gedacht, man mußden Leuten etwas vermitteln, ihnen erklären, um was es geht. Aber die vier Jungs haben dasbeim Schneiden mal alles eher vergessen: keine Erklärung, einfach nur sagen, wie es ist.Der Mut zu dieser radikalen Subjektivität kam dabei sicherlich aus der Bewegung und zwarweil es wirklich eine große Bewegung war. Es interessierte überhaupt nicht mehr, daß Leutedas nicht verstanden, denn wir waren bereits ein Massenphänomen, wir waren genug Leute.Natürlich haben wir auch bestimmte Stilelemente der Bewegung übernommen. Es gab soeine Lust die Graphik der Flugblätter mit hinein zunehmen. Schrift hat für uns immer auch ineinen Film gehört. Dieses Element haben wir bis heute weitergeführt. Einen Schriftgeneratorhaben wir dabei nie benutzt. Wir haben richtig Masken gemacht, am Reprotisch gesessenund mit dem Mischer rumgetüftelt. Auch diese ganzen Überblendungen waren unheimlichschwierig. Man mußte das mit extra Kameras vom Bildschirm abnehmen, dann live Mischen,wieder aufzeichnen, schlaufen."
Werner Schweizer

"Vieles, was die Aktivistinnen forderten, ist in Zwischenzeit Wirklichkeit geworden - wenn auch nicht immer in der erhofften Form. «Lieber blutt als kaputt!» ist man jetzt an der Streetparade und die Ästhetik der damaligen Sponti-Flugblätter und Pamphlete kennt man heute aus der Werbung für Mineralwasser und Versicherungen. Ein Beispiel dafür, wie die Gesellschaft des Spektakels auch noch für die Waffen ihrer schärfsten Kritiker einen produktiven Verwendungszweck findet. Immerhin: Ein Auftritt wie derjenige zweier Aktivistinnen, die als Herr und Frau Müller eine Sendung des Schweizer Fernsehens zum Thema «Widerstand gegen die Staatsgewalt» durch Überaffirmation ad absurdum führten, kann der Kommunikationsguerilla noch heute als Lehrbeispiel dienen."
Jürg Tschirren, Cineman

Macht aus dem Staat Gurkensalat

"Durch eine einfallsreiche Montage, die sich Erklärung und Chronologie verweigert, wird Dokumentarisches, Satirisches, Text, Sprache und Musik zu einer mitreißenden Mischung zusammengestellt. Dabei unterstützt die schäbig-verwaschene Schwarzweiß-Ästhetik der Bilder der ersten mobilen Videokameras (sogenannte Portapaks im 1/2-Zoll Format, Japan Standart 1) trefflich die Darstellung von Zürich als triste, verkehrsüberflutete Betonwüste und fördert zudem den Eindruck des Authentischen. Auf der Tonebene sind die eingesprochenen Kommentare von Silvano Speranza bemerkenswert. Kämpferische Lyrik, polemische Anklagen gegen ein ignorantes Bürgertum und kluge Selbstreflektionen der Bewegung verdichten sich zu einer Sprachqualität, wie sie in Schweizer Produktionen nur selten vorkommt."
Kyros Kikos, schnitt.de

"Von hundert Stunden Bildmaterial auf neunzig Minuten konzentriert, dank eines Trickmischers mit allen technischen Raffinessen spielend (Überblendungen, Doppelbelichtungen, Solarisationen, Zwischentitel, Sprechblasen usw.), wird ZÜRI BRÄNNT zu einem Pamphlet, das Dokumentarisches und Satirisches, Lyrik und Musik zu einer völlig neuen Mischung zusammenzwingt, in dem nur die Aufnahmen selbst zum Teil noch in einer konventionellen TV-Ästhetik verharren. Aber diese Bilder sind nur ein Bestandteil des Werks, sie sind verfremdet, in neue Zusammenhänge gebracht. Ganz entscheidend ist dabei der Text, der den Untergrund nach oben spült gegen die peinlich sauberen Betonwüsten: 'Doch unten, wo der Verputz zu bröckeln beginnt, wo verschämte Rinnsale Kleenex-sauberer Menschenärsche zu stinkenden Kloaken zusammenfliessen, da leben die Ratten, wild wuchernd und fröhlich, schon lange. Sie sprechen eine neue Sprache. Und wenn diese Sprache durchbricht, ans Tageslicht stösst, wird gesagt nicht mehr getan sein, schwarz auf weiss nicht mehr klipp und klar sein, alt und neu wird ein Ding sein' . ZÜRI BRÄNNT ist sicher das virtuoseste, in seiner formalen Radikalität ungewöhnlichste Videoband in der bisherigen politischen Videopraxis, vergleichbar eher experimentellen Bändern. Gerade dadurch aber bringt es die anarchistische Phantasie, die weit über die konkrete Kritik an einzelnen Erscheinungen der Gesellschaft hinausgreift, vollendet zum Ausdruck."
Wilhelm Roth, Der Dokumentarfilm seit 1960

Limagination au pouvoir

1969 kam ein tragbares, batteriebetriebenes Aufnahmegerät mit dem merkwürdigen Namen 'Portapack' auf den Markt. Dieses Portapack ermöglichte es, Ton und Bild zusammen auf ein Magnetband aufzuzeichnen und schon unmittelbar nach der Aufnahme oder zu einem beliebigen späteren Zeitpunkt wiederzugeben. Das Portapack bestand aus einem Aufnahmegerät (Recorder) und einer leichten, elektronischen Kamera mit einer Bildröhre.
Aus diesem ersten tragbaren Bild/Ton-Aufzeichnungsgerät entwickelte sich später der Heimvideorekorder (VCR). Das Portapack war aber auch das magische technische Novum, das am Anfang der Videobewegung, des Alternativen oder Anderen Videos, stand und einen neuen, partizipatorischen Umgang mit Bildern und Tönen versprach.
In den USA und in Kanada interessierten sich sofort KünstlerInnen, StudentInnen, Hippies, kreative "Tüftler" und politisch Engagierte aus dem Umfeld der 68-er Bewegung für das Portapack. In New York etablierte sich eine erste Videoszene, deren Aktivitäten ab 1970 im Magazin 'Radical Software' dokumentiert wurden. 'Radical Software' enthielt eine Fülle von technischen Informationen, Erfahrungsberichten und neuen Ideen für Videoeinsätze: in der Stadtteilarbeit, in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen und in Protestbewegungen. ‘Die alternative Fernsehbewegung' stand als Untertitel auf der ersten Nummer und im Editorial hiess es programmatisch: "Macht wird nicht mehr nur in Form von Boden, Arbeit oder Kapital gemessen sondern durch den Zugang zu Informationen und zu den Mitteln, diese zu verbreiten. So lange die wirksamsten Werkzeuge in den Händen derer sind, die Informationen horten, kann keine alternative kulturelle Utopie ("vision") erfolgreich sein. Wenn wir nicht alternative Informationsstrukturen entwerfen und ausprobieren, welche die bisher existierenden durchbrechen und umbilden, werden andere alternative Lebensstile nichts weiteres sein als ein Produkt des schon Existierenden."
Im Vergleich zum 16mm-Film war Video relativ billig. Mit den mehrmals überspielbaren Zwanzigminuten-Bändern konnten die teuren Filmmaterial- und Entwicklungskosten eingespart werden. Die gedrehten Aufnahmen mussten nicht mehr zur Entwicklung ins Labor geschickt, sondern konnten sofort angeschaut werden. Kamera und Rekorder waren nach einer kurzen Einführung in die Handhabung der Geräte leicht zu bedienen. In Versammlungsräumen, in Restaurants, auf der Strasse oder im privaten Rahmen einer Wohnung - überall konnten die Videoaufnahmen gezeigt werden. Diese Eigenschaften machten das neue Medium auch für Filmlaien und Gruppen attraktiv. Die Arbeit an der Kamera konnte von andern mitverfolgt, kommentiert und mitgestaltet werden. Video hatte den Charakter eines Werkzeugs, das ohne grossen Aufwand, ohne überhöhten Kunstanspruch und ohne die Aura des Kinofilms für die verschiedensten Zwecke im soziokulturellen und politischen Alltag benutzt wurde.
Heinz Nigg, Sozialarchiv

Fotos: Olivia Heussler und Klaus Rosza