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Pommerland

Visions du Réel Nyon 2008

Pommerland

D 2008 89'

Regie: Volker Koepp
Kamera: Thomas Plenert
Ton: Bernd von Bassewitz
Schnitt: Gudrun Steinbrück
Musik: Rainer Böhm
Produktion: Vinetta Film


Pomorze "Land am Meer" - so nannten slawische Siedler im 9. Jahrhundert diese Gegend. Im Hinterland Moränen, dazwischen eingestreut malerisch sich verzweigende Seenlandschaften und Urstromtäler. Weite Kornfelder und Kartoffeläcker, zerteilt von schönen, ausgedehnte Alleen, die bis zum Horizont reichen, ein Landstrich, der eigentlich Gelassenheit und Ruheausstrahlt.

Heute herrschen in weiten Teilen Arbeits- und Perspektivlosigkeit. Menschen und Landschaft, Erzählungen und Lebensgeschichten in bester "Koeppscher" Manier - manchmal skurril, bisweilen melancholisch und immer mit Gespür für das Nicht-Gesagte.

"Ohne «Maikäfer flieg, der Vater ist im Krieg, die Mutter ist in Pommerland, Pommerland ist abgebrannt...» geht es selbstverständlich nicht. Ein melancholisches Schlaflied, aber in der kindlichen Diktion wirkt es durchaus auch boshaft. Das muss schon sein, denn es gibt im Land zwischen Oder und Memel einiges an alten Wunden auf polnischer, wie auch auf deutscher Seite. Ausschließlich damit soll man sich aber auch nicht aufhalten, zu schwierig ist die Gegenwart und zu ungewiss die Zukunft. Volker Koepp schaut ihnen allen in die Augen. Geduldig, lakonisch und manchmal auch ein wenig schalkhaft. Er findet Protagonisten, die zu erzählen vermögen, aber auch Pausen setzen und aushalten können. Die einzigartige und unnachahmbare Art des Stellens oder ins Bild Setzens dieser Menschen, sie mitnichten groß etwas zu fragen und gerade dadurch Antworten zu bekommen, trägt auch hier Früchte. Es geht nicht vergessen, dass jede Szene, jede Einstellung zuerst immer auch einmal ein Dokument ist. Aus der Montage und der Gestaltung entsteht dann eine Erzählung, die ihren Widersprüchen gerecht wird. Es ist spürbar Herzblut bei allen Beteiligten dabei und trotzdem, oder vielleicht gerade deswegen, ist kein Film der schnellen Antworten und einfachen Wahrheiten entstanden.
Und wie immer, wenn Koepp mit seinem Team losfährt, ist es auch diesmal ein sehr schöner Film geworden. Keine falsche Scheu vor großen Bildern aus dem großen Land mit dem hohen Himmel, der einsamen Küste, den schönen Seen und den zerfallenden Gutshöfen. Pferde und Gänse sind noch da und selbstverständlich auch die Störche und ganz gewiss die Menschen. Den meisten geht es nicht besonders gut. Die Arbeitslosigkeit erreicht ein Ausmaß, dessen Elend ein Vergleich mit der unproduktiven LPG-Wirtschaft des polnischen Kommunismus nicht zu scheuen braucht. Doch dann gibt es auch Überraschungen, Dinge die man erhoffen aber nicht erfinden kann. Ein polnisches Paar, das perfekt Deutsch spricht und sich weder der deutschen noch der polnischen Geschichte und Zugehörigkeit verschließen mag. Kein Wunder, dass Herr von Arnim, der aus der UCKERMARK – Wiedersehen macht Freude – sie auf seiner Eisenbahnreise nach dem symbolischen ersten Mai 2004, dem Tag der EU-Erweiterung, aufzuspüren vermag. Oder vielleicht hat der Film sie auch zusammengebracht. Wer weiß. Manchmal soll ja Film auch etwas verändern können. In POMMERLAND ist auf eine Zukunft zu hoffen."
Visions du Réel Nyon 2008