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Gori Vatra




Der heimliche Sieger im Wettbewerb von Locarno, Publikumsliebling, der eine stehende Ovation erhielt bei seiner Premiere, eine irrwitzige Komödie über das Leben am Anfang des 21. Jahrhunderts. Tesanj ist eine kleine bosnische Stadt, deren düstere Realität die vordergründige Bilderbuchidylle Lügen straft: bescheidene, offene und warmherzige Bewohner, fröhliches Leben, ein Marktplatz, Traditionen, gute nachbarschaftliche Beziehungen.

So weit die Fassade. Hinter dieser glatten Oberfläche liegen allerdings ethnische Intoleranz, Kriminalität, Prostitution und Korruption. Die Ankündigung eines bevorstehenden Besuchs des US-Präsidenten Bill Clinton in Tesanj versetzt die kleine Gemeinde in Euphorie: sie erwartet, dass im Scheinwerferlicht der internationalen Gemeinschaft massiv ausländisches Kapital fliesst - man verspricht sich Wohlbefinden und Wohlstand. Hat der US-Präsident nicht akzeptiert, Pate dieses Fleckchens zu werden? Damit der Traum jedoch Realität wird, muss Tesanj sich seiner Schattenseiten entledigen.

Unter der Aufsicht und mit der Hilfe von internationalen Beobachtern unternimmt das bosnische Städtchen einen Wettlauf mit der Zeit, in dem ihm bloss sieben Tage bleiben, um die Demokratie umzusetzen und das friedliche Städtchen zu werden, das es mutmasslich ist! Je schneller die Zeit vergeht, umso mehr verfällt die Gemeinschaft dem Irrsinn: die Prostituierten verwandeln sich in Revuetänzerinnen, die den verschiedenen Religionen und Kulturen huldigen, die Feuerwehr gründet hastig ein Orchester, und man holt das Gemeindewappen hervor, das für diese Gelegenheit dem amerikanischen Geschmack angepasst wird.

Pjer Zalica schuf einen scharfsinnigen und poetischen Film, in dem die Ironie der liebevollen Beschreibung von Filz und Zynismus im Nachkriegs-Bosnien gegenübersteht. Tatsächlich hat der vom Regisseur gezeigte Horror etwas Amüsantes an sich. Der eigenwillige, bissige Ton entspricht der bittersüssen Melancholie, die den besten Tragikomödien eigen ist.

"Mit tief im Humanen wurzelndem, schwarzem Balkanhumor, wie man ihn ähnlich aus den Filmen von Emir Kusturica kennt, schildert Pjer Zalica den Wettlauf des Städtchens gegen die Zeit, der unter Aufsicht internationaler Beobachter abläuft. Die Feuerwehr gründet ein Orchester, das Gemeindewappen wird vermeintlich dem amerikanischen Geschmack angepasst und auf Vordermann gebracht. Die schwarz eingereisten Prostituierten verwandeln sich in Revuetänzerinnen und zelebrieren auf der Bühne bei Tanz und Musik das friedliche multikulturelle Zusammenleben.
Er habe während des Bosnienkrieges Dokfilme über den Krieg gedreht und sich gewünscht, Filme über den Frieden drehen zu können, meinte Regisseur Pjer Zalica. Er habe nach dem Krieg weiterhin Filme gedreht und entdecken müssen, dass Frieden schlimmer als Krieg sein könne. Dabei lernte Zalica den tragikomischen Optimismus zu verstehen, der den Menschen die Kraft verleihe, sich von einem schrecklichen Krieg und einem bitteren Frieden zu erholen.
Dieser tragikomische Optimismus prägt GORI VATRA, seine geschliffenen Dialoge, die oft ins Absurde führenden Situationen und die herzhaft überzeichneten Figuren . Er macht diesen kleinen Film zu einer berauschend-ironischen Ode an die Hoffnung auf künftig vielleicht tatsächlich friedliche Zeiten.
Irene Genhart