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Watermarks – Three Letters from China

Der Film erzählt in drei Stationen von den Brüchen, denen die Menschen im heutigen China durch die rasante Entwicklung ausgesetzt sind: im trügerisch-idyllischen Yangshuo im regenreichen Süden; im apokalyptischen Kohlebaugebiet von Wuhai im ausgetrockneten Norden und in Chongqing, dem urbanen Moloch am Jangtsekiang. Die Protagonisten sprechen über die unbewältigte Vergangenheit, die schwierige Gegenwart und ihre zaghaften Schritte in die Zukunft. Der Film zeichnet dabei ein vielschichtiges Bild der Befindlichkeit der Menschen dieses komplizierten Landes.

«Seit der Niederschlagung der Demokratiebewegung im Jahr 1989 verfolge ich den Umbruch Chinas so erstaunt wie irritiert: Das Land gleicht einer Grossbaustelle und scheint sich auf der überstürzten Suche nach sich selbst zu befinden. In dieser vertrackten Gegenwart unternehmen die Protagonisten zaghafte und zugleich mutige Schritte in die Zukunft.»
Luc Schaedler

Semaine de la Critique Locarno

Wasser – das kostbarste Gut: in Luc Schaedlers so sinnlichen wie besinnlichen «drei Briefen aus China» wird es offenbar. Wo das Wasser versiegt, wo es verschmutzt wird, gerät das Leben aus dem Lot. Auf dem versteppten Boden seines verlassenen Dorfs Minqin im nördlichen Gansu kann Bauer Wei Guanzei gerade noch Schafe halten und Fenchelsamen zum Verkauf anbauen. Die meisten Bewohner der ehemals fruchtbaren Oase sind weggezogen; Wei sagt, er hätte auch gehen sollen.
Szenenwechsel in den Süden: Hinter den malerischen Karstbergen des Dorfes Jiuxiancun nahe des Touristenmagnets Yangshuo plätschert das Wasser idyllisch in den Reisfeldern. Die roten Inschriften von Maos wild wütenden Rotgardisten haben sich noch immer nicht ganz von den Mauern waschen lassen. Deutlich wird, wie schwer und langsam nur die Wunden des damaligen Terrors in der Dorfgemeinschaft verheilen. Wenn überhaupt je. Li Yuming, Sohn eines früheren Grossgrundbesitzers, erinnert sich daran. Und abermals Szenenwechsel: Wie schmackhaft die Fische sind, die Chen Zaifu auf seinem Hausboot in der Millionenstadt Chongqin in Zentralchina aus dem Netz holt, mag man sich ungern vorstellen. Professor Wu, ein alter Umweltaktivist, kauft aber immer noch bei ihm und singt unverdrossen ein Lied von früher. Chen sagt: Wäre ich zur Schule gegangen, müsste ich nicht fischen.
Drei, vier Regionen im Riesenreich der Mitte, Schicksale über zwei Generationen. Das Wasser und die mit ihm verfliessende Zeit verbinden die Geschichten. Die Wasserzeichen, die watermarks des Titels, verweisen auf eine vergleichbare Befindlichkeit im heutigen China, die von Fragilität und Ungewissheit geprägt ist. Regisseur Luc Schaedler, selber an der Kamera, und sein in China lebender Co-Autor und Interviewer Markus Schiesser haben die Menschen 2011 während Monaten in ihrem Alltag beobachtet, bei ihnen gelebt, mit ihnen gegessen, geraucht, gewartet und sie so ruhig zum Erzählen gebracht.
Da ist Bauer Weis Sohn, der an der heimatlichen Scholle von Minqin hängt, mit seiner Frau ein Mal im Jahr dem Vater bei der Ernte hilft, um dann wieder 600 Kilometer weit entfernt in Wusutu als Baggerfahrer in staubigen Kohlenminen als Wanderarbeiter sein Auskommen zu suchen. Dort wiederum fühlt sich seine junge Frau zuhause, und nicht bei den Schwiegereltern fernab. Eine kleine brüske Handbewegung beim Erzählen, eine verdrückte Träne ihrerseits, oder die Art, wie der Mann beim Eintreten in die Mietskasernenwohnung auf den Küchenboden schaut, sprechen diskret Bände. Können die beiden mit ihrem kleinen Sohn als Paar überleben?
Wird es, im trügerisch schönen Mittelteil des Films, Li Yunchuang, dem pensionierten Parteisekretär in Jiuxiancun, gelingen, im Dorf den Gemeinschaftssinn und verbindende Bräuche lebendig zu erhalten? Schliesslich die burschikose Chaomei, adoptiertes Findelkind des Fischers Chen und seiner Frau in Chongqing, das dem Paar wegen eines beargwöhnten Verstosses gegen die Ein-Kind-Politik Ungemach bescherte: Wird sie, die im heutigen China lieber Mann als Frau wäre und uns in ihrer zarten Eigenständigkeit sofort ans Herz wächst, sich in der «Freiheit» der Megalopolis behaupten können?
«Mich interessieren die Menschen hinter den Strukturen», sagt Luc Schaedler. Erst hätte es ein Film zum Thema Wasser werden sollen, daraus sind offene, in der Schwebe belassene Lebensgeschichten geworden, die uns dieser bewegende, ruhige Film erzählt. Geschichten zwischen Verpasstem und Erhofftem in Zeiten gewaltiger Umbrüche.
Martin Walder