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Un lugar en el mundo



Es gibt im Film des Argentiniers Adolfo Aristarain eine mehrfach wiederkehrende Szene, in der ein Knabe mit einer Pferdekutsche gegen die Eisenbahn um die Wette fahren. Er rast dabei nicht nur auf dem holprigen Weg neben dem Zug dem Geleise entlang, er will auch noch beim fernen Bahnübergang der erste sein. Das geht, bisweilen knapp, immer gut aus. Ein Rennen in der Zeit gegen die Zeit, ein Rennen, bei dem die Vergangenheit es noch einmal mit der Gegenwart aufnehmen kann. Die Vergangenheit, genauer: Die Tage der Jugend im argentinischen Bergdorf San Luis, stehen im Mittelpunkt von UN LUGAR EN EL MUNDO. Ernesto (Gaston Batyi), ein Städter, der mit seiner Mutter in Buenos Aires lebt, kehrt in jenes Dorf zurück, in dem er aufgewachsen war, wo ein Grossgrundbesitzer herrschte und die Suche nach Erdöl einen anderen Menschenschlag in den verlassenen Flecken verschlug.

Adolfo Aristarain, der bei uns am ehesten noch mit seiner 1981 herausgekommenen Marquez-Adaptation TIEMPO DE REVANCHA bekannt ist, versucht, in diese Vergangenheit vorzudringen. Es sind die Orte, die in seinem Film das Gewesene evozieren, die die Bilder wieder auftauchen lassen und in den Bildern die Menschen. So lange ist es gar nicht her, seit Ernesto mit dem spanischen Geologen Hans das Wettrennen gegen die Zeit veranstaltet hatte. Hans, ein abgeklärt wirkender ehemaliger Politaktivist, und Ernestos Vater Mario waren gegensätzliche Naturen: Der letztere ein Idealist, der sich für die Kooperative einsetzte und für die Rechte der Bauern. Der erstere, ein Ironiker, der für den Idealismus nur ein Staunen übrig hat. "Wenn wir den Krieg nicht gewinnen können", meint Ernestos Vater einmal, "so können wir zumindest eine Schlacht gewinnen."

Der Torbogen steht noch immer da, an den Landschaften hat sich nichts verändert. So tauchen im Bewusstsein des mittlerweile dreissigjährigen Mannes etwa anhand eines eingeritzten Spruches die Erinnerungen wieder auf, und der Torbogen, auf dem der Spruch sich immer noch findet, ist am Anfang und am Ende einem Rahmen gleich da. UN LUGAR EN EL MUNDO zählte zu den Vorboten eines erstarkenden argentinischen Kinos, das sich neben dem mexikanischen damals als einziges auf dem lateinamerikanischen Kontinent halbwegs behaupten konnte. Bei den Argentiniern hatte der Film eingeschlagen, und wenn man sah, wie dünnhäutig die europäische Adaptation eines lateinamerikanischen Buches im Kino werden konnte (Das Geisterhaus), so war man glücklich, ein direktes Bild zu erhalten.

Aristarain lebte jahrelang im spanischen Exils und gehört der Generation der Heimkehrer an, die nach der Demokratisierung im Land und nach dem Abgang des Militärs erfahren haben, wie es um die einst hochgehaltenen Ideale bestellt ist. Begriffe wie Ehre, Würde und Gerechtigkeit erscheinen in seinem Film denn auch wie das Echo aus einer anderen Epoche. Er glaube nicht, hat Aristarain in San Sebastian gesagt, dass "die Ideologien und die Utopien tot sind." Die Nostalgie, die seinen Film prägt, liess dies bereits ahnen.

Walter Ruggle, trigon-film