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Tulpan




Abstehende Ohren können ein Riesenproblem sein, wenn man nicht gerade Prince Charles ist. Als der Matrose Bulat zur Familie seiner Schwester in die kasachische Steppe kommt, will er Schafhirte werden. Und dazu braucht er eine Frau. Aber die schüchterne Tulpan, die ihn sofort bezaubert, findet seine Ohren völlig unakzeptabel. Verzweifelt will Bulat sich erhängen, aber selbst das ist nicht einfach in der baumlosen Weite. So nimmt der tolpatschige junge Mann den Kampf auf: mit seinen Ohren, mit dem Unmut seines Schwagers und mit den Schafen, die plötzlich alle ihre Lämmer zur Welt bringen…

Sergey Dvortsevoy schreckt nicht davor zurück, seinem Film den Namen einer Frau zu geben, die man nie zu Gesicht bekommt. Sie entzieht sich Asas Blicken, der ernsthaft in sie verliebt ist und der den Filmemacher dazu einlädt, seinen Traum im Herzen der riesigen kasachischen Steppe zu teilen. So erzähltTulpan von einer schmerzhaften Abwesenheit und von der Einführung ins Leben als Schafhirt, das den frisch von seinen militärischen Pflichten (bei der Marine!) befreiten jungen Mann zum künftigen Familienoberhaupt reifen lassen wird.
TULPAN ist in derWirklichkeit jener feindseligen Steppe verwurzelt, deren Hirten ein Leben als Halbnomaden führen, das von Sandstürmen, Trockenheit, Krankheiten, die die Herden befallen, aber auch vom Familienglück bestimmt wird. Sergey Dvortsevoy bleibt der Filmemacher der langen Einstellungen, die die Wirklichkeit in Erzählungen verwandeln, in denen Mensch und Tier mit erstaunlicher Präsenz hausen. Die Fiktion erhärtet nichts! Der Stil verfeinert die Darstellung. Einstellungen und Schnitt verleihen der Geschichte ihr tiefes Zeitmass. Die wunderbare Nacht in der Jurte, das Einschlafen des Kindes, das Lied der Mutter, weibliche Sanftheit; die spektakuläre Niederkunft des Schafes, die kein unpassender Schnitt beschleunigt. Worin besteht die Kunst von Sergey Dvortsevoy? Er schafft ein Universum im Gleichgewicht zwischen erzählerischen Regeln und der Untersuchung der Bewegungen des Lebens selbst, dessen vertraute Rhythmen er in all ihrer unerschöpflichen Schönheit zeigt.
Visions du Réel Nyon 2009