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The Moon Inside You

Semaine de la Critique Locarno 2009

The Moon Inside You

CH 2009 75'

Regie: Diana Fabiánová
Drehbuch: Diana Fabiánová
Kamera: Jerónimo Molero
Ton: Blazej Vidlicka
Schnitt: Tatjana Jankovic
Musik: Olivier Samouillan


Internet:
Website THE MOON INSIDE YOU

Direct sound rencontre Semaine de la Critique








Man kann davon ausgehen, dass das Publikum der Semaine zu gleichen Teilen aus Frauen und Männern besteht. Die eine Hälfte wird sich mit dem Thema des Films gut auskennen, es mehrfach erlebt und – vielleicht – reflektiert haben. Die andere hat keine direkte Erfahrung damit, sich womöglich nur am Rande damit beschäftigt. Und viel darüber reden, besonders in der Öffentlichkeit, tun beide Geschlechter nicht. THE MOON INSIDE YOU thematisiert eines der letzten Tabus, diese Sache halt, von der etwa 12 Prozent der Menschen, die diesen Text lesen, gerade betroffen sind und für die der Synonym-Duden auch verschleiernde Bezeichnungen wie «Unwohlsein» und «Migräne» anführt: Die Menstruation. Das monatlich wiederkehrende Ereignis, wenn Blut aus der Vagina fliesst. So einfach ist die Tatsache. So komplex, verschwiegen, mysteriös und manchmal verlogen ihre gesellschaftliche Verarbeitung.
Diana Fabiánová geht das Thema ebenso leicht wie ernsthaft an. Viele Feigenblätter fallen weg, ohne dass es dabei reisserisch oder voyeuristisch würde. Es ist auch kein Schulfilm, und doch lernen wir viel. Am meisten beeindruckt das Werk aber durch seinen ungemeinen Facettenreichtum, der sich auf jeder Ebene ausdrückt. Inhaltlich berührt der filmische Parcours alle erdenklichen Aspekte: Physiologische und medizinische, psychologische und kulturell vergeistigte, religiöse und anthropologische. Da gibt es einen Arzt, der die Regel als eigentlichen faux pas der Natur deklariert und ihr medizinisch an den Kragen will. Oder eine Frau, die in den Menstruationsleiden einen symbolhaften Schmerz des Menschseins erkennt, den die Frauen für uns alle tragen. Und manchmal kommt sogar eine gewisse Sinnlichkeit der Monatsblutung auf. Vielschichtig entwickelt sich der Film auch in seiner Erzählweise, die mal informativ und reportagenartig ist, mal als Videotagebuch daherkommt, mal das Interview sucht, dann wieder die Provokation und den Schalk. Schön auch die visuelle Gestaltung, die sich – natürlich alles andere als zufällig – gern auf die Suche der Farbe Rot macht und auch mit klug eingesetztem Archivmaterial arbeitet. Bestechend zuletzt der über weite Strecken vorhandene spielerische Gestus, der nicht so sehr dazu dient, das Unstatthafte des Themas, die Berührungsangst zu entschärfen, als vielmehr ihre Falschheit zu entlarven.
Fast tut es mir leid, dass der Mond nicht bei mir haust. Aber nur fast.
Till Brockmann, Semaine de la Critique Locarno 2009