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Stille Liebe

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Stille Liebe (Trailer)


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Stille Liebe (DVD)




Christoph Schaub 2001 90'

Die gehörlose Nonne Antonia arbeitet in einem Obdachlosenheim und fährt jeden Tag mit dem Zug vom Kloster in die Stadt. Eines Tages trifft sie Mikas. Durch Mikas öffnet sich für Antonia eine neue, spannende Welt, denn Mikas ist wie sie gehörlos und sie können sich in Gebärdensprache unterhalten. Antonia und Mikas verlieben sich. Antonia weiss jedoch nicht, dass Mikas als Taschendieb sein Geld verdient. Er wird von der Polizei verhaftet. Beim Versuch zu fliehen, kommt Mikas ums Leben. Auch wenn Antonia sehr verwirrt und traurig ist, gibt ihr das Erlebte endlich das Gefühl, auch ihr würde die Welt offenstehen. Sie beginnt ein neues Leben und reist nach Washington DC, um an der Gehörlosenuniversität Gallaudet zu studieren.

"STILLE LIEBE ist ... ein echter Glücksfall, denn angemessen leise erzählt Schaub die Geschichte von Emotionen und Sehnsüchten, die sich ganz einfach in Worte fassen liessen, aber in solchen Grenzfällen der Kommunikation hört eben nicht immer im richtigen Moment jemand zu. Man wird aus dem Hotel geschmissen, weil man zu laut war, und in einer anderen Situation kann man nicht um Hilfe rufen - Über diese kleinen und manchmal unüberwindbar groß erscheinenden Problem handelt der Film, und auch wenn man gut hören kann und mit Religion nichts am Hut hat, kann man sich schnell in eine ganz andere Welt hineinversetzen. Und das ist es doch, was wir im Kino suchen."
Thomas Vorwerk, satt.org

"Das Packendste an STILLE LIEBE aber ist der souveräne Umgang mit der Gebärdensprache, die durchgehend untertitelt wird. Gerade weil sie nur teilweise die Dramaturgie des Sprechens ersetzen kann, konzentriert sich alles auf Gestik und Mimik. Beides setzt die gehörlose Schauspielerin Emmanuelle Laborit anschaulich ein – ob wütend über das Kloster-Verbot, in ein Gehörlosentheater zu gehen, ob innerlich zerissen nach der gemeinsamen Nacht mit Mikas oder auch glücklich tanzend in seinen Armen. Lars Otterstedt spielt seine erste Filmrolle nicht weniger überzeugend, etwa wenn er mit seinem auch in der Gebärdensprache verblüffend gut funktionierenden Wortwitz die schüchterne Nonne bei einem Kaffee im Bahnhofsbistro aus der Reserve lockt.
Zu den Gebärden wird fast nie gesprochen, und nur selten werden Szenen mit Musik unterlegt. Lieber arbeitet Schaub mit knappen und einprägsamen Bildern: die Nonnen vertieft ins Morgengebet oder bei der Arbeit im Klostergarten, Antonia, wie sie grübelnd im Zug zur Arbeit fährt, Mikas wartend am Bahnhof. Irgendwann muss sich Antonia gegenüber der besorgten Oberin rechtfertigen. Fast ein Ausbruch in der Gebärdensprache, deren wichtigste Zeichen die Oberin gelernt hat, fast ein Aufschrei die Worte, die Antonia in die Luft malt: „Ich kann alleine leben!“
Franziska Richter, Tagesspiegel

"Wenn sich Christoph Schaubs vierter Langspielfilm zunächst durch seine klare, aufs Essenzielle reduzierte Erzählstruktur auszeichnet, erlangt STILLE LIEBE seine Tiefe zweifellos aus Emmanuelle Laborits Fähigkeit, ihre Darstellung Antonias zu sublimieren. Schaub stützt sich hierbei optimal auf ihre bewegende, zwischen Wild- und Sanftheit oszillierende Interpretation, um seiner Figur jene Tragik zu verleihen, die einst auch Fassbinders grosse Frauenporträts auszeichnete. Selten hat ein Schweizer Film mit ähnlicher Präzision die Grenzen und Möglichkeiten einer weiblichen Hauptfigur nachempfunden."
Patrick Straumann, CINEMA

Auszüge aus einem Gespräch mit Christoph Schaub

Wie kam es zur Idee der Geschichte?
Der Drehbuchautor Peter Purtschert und ich hatten zwei Interessen, welche wir zusammenführen konnten: Jenes einer dramatischen und intensiven Liebesgeschichte und das Interesse an der Gebärdensprache.Die Gebärdensprache hat mich schon immer unheimlich fasziniert: eine visuelle Sprache im Raum! Die Gebärdensprache kann ebenso die Relativitätstheorie von Einstein erklären, als eine differenzierte Liebeserklärung machen. Sie leistet genau das gleiche wie eine orale Sprache. Zudem ist die Gebärdensprache international. Auch wenn es über 50 verschiedene Idiome gibt, können sich Gehörlose aus aller Welt sehr schnell mit Hilfe der 'International Sign Language' verständigen.Also: Warum nicht eine Liebesgeschichte zweier gehörloser Menschen erzählen? Eine Geschichte , die allen passieren kann - nur reden die Protagonisten nicht deutsch, chinesisch oder französisch, sondern sie reden Gebärdensprache.

Was stand hinter der Idee des 'Liebesfilms'?
Antonia hat eine Sehnsucht. Sie will ein Leben führen, welches ihr bis jetzt nicht erlaubt wurde oder sie sich selber nicht erlauben konnte.Sie hält sich am falschen Ort auf, sie hat die 'falschen Kleider' an... . Die Liebe weckt ihr Interesse und macht ihr Mut, in ihrem Leben einen radikalen Bruch zu vollziehen. Antonias Liebe zu Mikas endet zwar tragisch, doch das kann sie nicht mehr daran hindern, ihr Leben in ihre eigenen Hände zu nehmen.Vielleicht kann man sogar sagen, dass die Liebe nur dann wirklich wahr ist, wenn sie etwas bewirkt, wenn etwas daraus entsteht ... .

Wie lange dauerte es, die geeignete Besetzung für den Film zu finden ?
Ich sah Emmanuelle Laborit spielen und mir war schnell klar, dass sie die ideale Besetzung für Antonia ist. Als ich sie danach in Paris erstmals persönlich traf, war ich überzeugt, dass sie ein Glückstreffer für die Hauptrolle des Filmes ist. Emmanuelle trägt diese Unruhe in ihren Augen und in ihren Bewegungen, welche ich mir für die Figur immer vorstellte. Und sie gebärdet sehr schön, fast musikalisch.Für die Besetzung von Mikas hatte ich ebenfalls klare Vorstellungen zu seiner Ausstrahlung. Das Drehbuch definiert zudem seine äussere Erscheinung relativ stark.Ich suchte bei allen europäischen Theatern für Gehörlose, doch kein Schauspieler passte durch die äussere Erscheinung auf die Figur von Mikas. Den entscheidenden Tip für Lars Otterstedt gab mir dann der gehörlose Regisseur Shan Mow aus Santa Fe (USA). Ich traf Lars in Sunne, in Mittelschweden. Nach einem gemeinsamen Kaffee und einem Spaziergang am kleinen See und ein paar Probeaufnahmen wusste ich, dass Lars die richtige Besetzung für Mikas ist.

Was war aussergewöhnlich bei den Vorbereitungen für die Dreharbeiten ?
Die beiden Hauptdarsteller Emmanuelle Laborit und Lars Otterstedt sind gehörlos, kommen aus Frankreich und Schweden und gebärden verschieden.Wir brauchten daher zwei Dolmetscher. Für Emmanuelle fanden wir Christelle Feig aus Strassburg, welche deutsch und französisch spricht und die französische Gebärdensprache kann. Für Lars fanden wir Michel Dominick, einen schwedischen Übersetzer, welcher auch englisch spricht.
Die Voraussetzungen waren geschaffen, dass ich und alle anderen sich uneingeschränkt und differenziert mit den Schauspielern unterhalten konnten. Allerdings ist 'Stille Liebe' ein deutschsprachiger Film. Deshalb muss Antonia auch mit deutschen Gebärden sprechen können. Emmanuelle Laborit hat während der Filmvorbereitung mit einem Gehörlosen aus Berlin die deutschen Gebärden gelernt, sowie einzelne deutsche Wörter, die auf ihren Lippen als Bewegungen zu lesen sind.
Renate Becker spielt im Film die Oberin Verena. Da sie die langjährige Begleiterin von Antonia ist, muss sie einzelne Gebärden können, die sie als Unterstützung im Gespräch mit Antonia einsetzen kann. Sie hat deshalb Unterricht in deutscher Gebärdensprache genommen. Treffen sich Antonia und Mikas, gebärden sie auf Internationale Gebärdensprache (ISL). In dieser Sprache unterhalten sich Gehörlose, wenn sie aus verschiedenen Ländern kommen. ISL ist für Gehörlose leicht erlernbar, und sie können sich damit schnell verständigen. In den zweiwöchigen Proben vor dem Dreh haben Emmanuelle und Lars ihre gemeinsamen Dialoge auf internationale Gebärdensprache (ISL) erarbeitet.

Wie war es mit gehörlosen Schauspielern zu arbeiten?
Vor den Dreharbeiten habe ich zwei Wochen mit Emmanuelle und Lars intensiv geprobt und schnell gemerkt, dass ich es mit zwei sehr professionellen Schauspielern zu tun hatte. Der einzige Unterschied war die Präsenz der beiden Dolmetscher, welche die Kommunikation möglich machten. Die Proben nahmen mir die Angst vor einem möglichen 'Kommunikations-Gau', denn wir konnten uns auf eine schnelle und effiziente Art differenziert unterhalten und verständigen. Emmanuelle und Lars waren gewohnt mit Dolmetschern zu arbeiten, und beide waren sehr schnell im Adaptieren der Situationen.
Bei den Dreharbeiten habe ich schon nach wenigen Tagen realisiert, welch ein Gewinn es ist, mit gehörlosen Schauspielern zu arbeiten: Emmanuelle und Lars waren auf sich konzentriert und ihre ruhige Art hat die Stimmung auf dem Set stark mitbestimmt. Die beiden hatten keine Probleme, ihre Ruhe und Konzentration auch in der grössten Hektik zu bewahren. Ich war auch voller Bewunderung, wie sie mit der äusserst komplizierten Kommunikationssituation auf dem Set umgingen, und vor allem: klar kamen. Auch wenn immer ein angeregtes Sprachengewirr von Deutsch, Französisch, Englisch und Gebärdensprache herrschte, gab es kaum Leerläufe.
In der Regel standen die Dolmetscher in meiner Nähe und haben das Geschehen aufmerksam beobachtet. Wenn ich etwas zu den Schauspielern sagen wollte, suchten sie den Blickkontakt zu ihnen. Darauf setzten sich neben mir Arme, Hände und Finger in Bewegung, um zu übersetzen. Dies hat bereits das effiziente Gefühl ausgelöst, dass nicht nur geredet, sondern tatsächlich 'mit den Händen' gearbeitet wird !
Im Laufe der Drehzeit entstand zwischen Emmanuelle, Lars und mir auch eine direkte Kommunikation. Wir fanden ein System von Gesten, Berührungen, Bewegungen und Blicken, welches uns ohne Worte ein grosses Verständnis ermöglichte.
Ein anderer interessanter Punkt: Thomas Hardmeier, der Kameramann und ich diskutierten während der Vorbereitungsarbeit oft über die Decoupage. Reden zwei Personen mit Gebärden, bewegt sich die Sprache im Raum. Es gibt also nicht die Möglichkeit, Teile von Sätzen oder ganze Sätze ins 'off' zu verlegen. Gebärden, die man nicht sieht, kann man auch nicht hören! Wir haben deshalb die Proben auch dazu benutzt, Cadragen, respektive Auflösungen zu finden, welche uns für die Montage des Films eine möglichst grosse Freiheit geben, um einen interessanten Rhythmus zu finden.
Um Nahaufnahmen von Lars und Emmanuelle drehen zu können, mussten wir auch einen Weg finden, dass die beiden ihre Gebärden im Raum verkleinern konnten. Dies war vor allem für Lars ungewohnt, weil er zum ersten Mal in einem Film spielte. Das Gebärden im kleinen Raum, nahe des Gesichtes wirkte für Emmanuelle und Lars, als müssten sie dauernd nur leise und intim reden. Ein vergleichbarer Prozess durchläuft wohl ein Bühnenschauspieler, der nahe vor der Kamera steht und redet und nicht mehr auf einer Bühne, wo er auch noch in der hintersten Reihe gehört werden muss.

Ist STILLE LIEBE der erste Film, in welchem Gebärdensprache geredet wird ?
Es gibt einige wenige Filme, in denen ein hörender Mensch auf einen gehörlosen Menschen trifft und sich daraus eine Geschichte entwickelt. STILLE LIEBE soll jedoch, wie mir Emmanuelle Laborit nach der Lektüre des Drehbuches versicherte, der einzige Spielfilm sein, der tatsächlich eine Geschichte zweier Gehörloser erzählt, und die Gebärdensprache dadurch als selbstverständliches und alltägliches Kommunikationsmittel genutzt wird.

Zur Geschichte der Gebärdensprache

Der Geistliche Abbés de l'Epée beobachtet in Paris Mitte des 18 Jahrhunderts die tauben Bettler, die in den Strassen miteinander in Gesten und Gebärden sprechen. Er glaubte erst, so eine 'Universalsprache' gefunden zu haben. Es wurde ihm schnell klar, dass diese Sprache der tauben Bettler die Basis für die Erziehung der gehörlosen Kinder sein könnte.

1755 Gründete Abbés de l'Epée die erste Schule für Gehörlose. Dort wird unter seiner Leitung eine Sprache aus den 'Gassengebärden' der tauben Bettler und der französischen Grammatik entwickelt.

Die Gebärdensprache wird sehr populär und verbreitete sich schnell in Europa.

1789 stirbt Abbés de l'Epée. Zu diesem Zeitpunkt gibt es 21 Schulen für Gehörlose.

1816 lernt der gehörlose Lehrer für Gebärdensprache Laurent Clerc den Amerikaner Edward Gallaudet kennen, ebenfalls ein Geistlicher. Dieser macht zur Erforschung der Gebärdensprache eine Reise durch Europa.

Laurent Clerc entschliesst sich mit Edward Gallaudet nach Amerika zu reisen, um sich dort für die Tauben zu engagieren.

1817 gründen Laurent Clerc und Thomas Gallaudet in Hartford das 'American Asylum for the Deaf'. Es wird die American Sign Language (ASL) entwickelt. Die Gebärdensprache und die damit verbundene Bildung von Tauben wird sehr populär.

1864 verabschiedet der amerikanische Kongress ein Gesetz, dass die 'Columbia Institution for the Deaf and the Blind' in Washington den Rang eines National College erhält. Es entsteht die erste Universität für Gehörlose. Später wird diese Institution unter dem Namen 'Gallaudet-University' bekannt. Ihr erster Rektor ist Thomas Gallaudet, der Sohn von Edward Gallaudet.

Ab 1870 nimmt zunehmend die Meinung überhand, dass die Gehörlosen zum sprechen erzogen werden müssen. Die sogenannten Oralisten, alles Hörende, bekämpfen mit allen Mittel die Gebärdensprache. Sie wird als Affensprache und als dem Menschen nicht würdig angeschaut.

1880 findet ein Mailand ein Kongress statt. Unter dem Einfluss des berühmtesten 'Oralisten' Alexander Graham Bell unterliegen die Anhänger der Gebärdensprache. Vor der entscheidenden Abstimmung sind die Gehörlosen von Stimmabgabe ausgeschlossen worden. Im Anschluss an diesen Kongress wird die Gebärdensprache in verschiedenen Ländern verboten. Bis heute hat die Gebärdensprache nicht mehr die gleiche Akzeptanz wiedergewonnen, wie sie dies im 18. und 19 Jahrhundert hatte. So wurde z. B. in Frankreich erst 1991 das gesetzliche Verbot, Gebärdensprache zu lehren und zu reden, aufgehoben!