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Ricardo, Miriam y Fidel




Wie Tausende anderer Kubaner will Miriam Martínez mit ihrer Familie aus Kuba emigrieren. Als Tochter eines Mannes, der massgeblich zum Sieg der Revolution beigetragen hat, ist dies kein einfacher Entschluss. Vor fast vierzig Jahren, als sie noch ein kleines Mädchen war, hat ihr Vater in Havanna seine Stellung als Radiojournalist aufgegeben und ist in die Sierra Maestra gezogen, um sich den Rebellen um Fidel Castro anzuschliessen. Unter der Leitung von Che Guevara gründete er Radio Rebelde. Die nächtlichen Sendungen wurden zum effizientesten Mittel zur Verbreitung der revolutionären Ideen. Heute ist der Glanz der damaligen Aufbruchstimmung verblasst. Ricardos Traum hat sich nicht erfüllt. Für Miriam gibt es kein Zurück mehr. Sie will ihr Leben verändern, auch wenn sie bereits erahnt, dass ihr Aufbruch in die «freie Welt» wenig mit den Idealen ihrer Jugend gemein hat.

Über Ricardo un Miriam - Vater und Tochter

Ricardo Martínez und die Zeit von Radio Rebelde
Miriam Martínez und die Zeit von Radio Marti

Miriam Martínez wird 1955 in Havanna geboren. Es ist die Zeit der Diktatur Fulgencio Batistas. Während das kubanische Volk brutal unterdrückt wird, landen Abend für Abend die Flugzeuge aus Miami, um reiche Amerikaner in den Nachtclub "Tropicana" oder in Havannas Bordelle zu bringen. Miriams Vater Ricardo ist bei ihrer Geburt erst 19 Jahre alt. Er arbeitet in einem kleinen privaten Radiosender in. der Hauptstadt. Miriam ist noch keine zwei Jahre alt, als ihr Vater von einem Tag auf den andern seine gut bezahlte Stellung aufgibt und sich den Rebellen um Fidel Castro in den Bergen der Sierra Maestra anschliesst.

Achtzehn Monate später kehrt Ricardo nach Havanna zurück. Mit seinem Radio Rebelde hat er wesentlich zum Triumph der Revolution beigetragen.

"In den Abendstunden versammelt sich die ganze Familie vor dem Radio, dreht es so leise auf, dass man das Ticken einer Uhr hören kann, denn immer sind Spitzel in der Nähe. Zuerst hört man nur Störgeräusche, doch dann ertönt, worauf alle gewartet haben: "Hier ist Radio Rebelde!". Alle hören ergriffen zu und nähern sich noch mehr, um ja kein einziges Wort zu verpassen." Ricardo Martínez in seinem Buch "La historia de Radio Rebelde".

In den 60er Jahren reist Ricardo als Funktionär in die kommunistischen Bruderstaaten, nach Ostberlin und Prag. Miriam sieht ihren Vater in dieser Zeit selten; um so mehr bewundert, ja vergöttert sie ihn. Miriam wird Mitglied der kommunistischen Jugendorganisation "Pioniere".

Anfang der 70er Jahre ist Kubas Landwirtschaft reformiert. Es gibt keine Analphabeten mehr, Krankenhäuser sind für alle da. Miriam ist jetzt fünfzehn Jahre alt. Es ist die Zeit der ersten Konflikte mit ihrem Vater. Miriam fragt Ricardo, warum in Kuba die Beatles und westliche Rockmusik verboten seien. Die Antwort ihres Vaters befriedigt sie nicht.

Ricardo wird Herausgeber und Chefredaktor der Zeitschrift "Moncada", dem offiziellen Organ des Innenministeriums.

1980 besetzen über 10'000 Kubanerinnen und Kubaner das Gelände der peruanischen Botschaft in Havanna. Sie fordern die Ausreise aus Kuba. Fidel Castro lässt schliesslich alle gehen, die gehen wollen. Über den Hafen Mariel verlassen 120'000 Menschen Kuba und emigrieren in die USA. In diesem Jahr beendet Miriam ihr Studium und beginnt als Lehrerin an der Kunstgewerbeschule zu arbeiten. Sie ist glücklich verheiratet und hat mit ihrem Mann Augusto zwei Kinder: den Sohn Arian und die Tochter Ayleen. Doch auch Miriam und ihr Mann Augusto haben Auswanderungspläne. In der Schule erfährt man davon.

Die Schulleitung organisiert vor Miriams Haus einen "Repudio-Akt", eine "Ausgrenzungs-Aktion", zu der Miriams eigene Schülerinnen und Schüler abkommandiert werden. Gleichzeitig wird Miriam mitgeteilt, dass sie ab sofort nicht mehr als Lehrerin arbeiten darf. Dieses Erlebnis prägt Miriam für das ganze Leben.

Miriam, die sich nicht als Dissidentin fühlte und viele Errungenschaften der Revolution anerkennt, wird nun gesellschaftlich stigmatisiert. Miriam, die nur zögernd mit dem Gedanken an Ausreise spielte, will nun wirklich gehen. Über Verwandte in Miami beginnen sich Miriam und Augusto intensiv um ein Visum für die Vereinigten Staaten zu bemühen.

1992 entstehen erste Kontakte zum Schweizer Autor und Regisseur Christian Frei. Die Idee eines Filmprojekts erzeugt sowohl bei Miriam wie auch bei Ricardo die Angst, dass die kaum verheilten Wunden wieder aufbrechen. Beiden erscheint zunächst undenkbar, sich vor einer Kamera ihren Gefühlen und ihren politischen" Differenzen zu stellen. In Kuba sind die Menschen gewohnt, solch heikle Themen entweder ganz zu vermeiden oder dann nur in Andeutungen darüber zu sprechen. Viele kubanische Spielfilme leben von dieser Kunst der Andeutung und schlagen ein hohes satirisches Potential daraus.

Es dauert drei Jahre und es braucht die Einwilligung von Fidel Castro selbst, bis die Dreharbeiten zu Ricardo, Miriam y Fidel im April 1995 schliesslich beginnen können.