Deutsch   English   Français  Anmelden  

Musiques en mouvement






Als noch keine Radios und Grammophone existierten, gaben Musikdosen den Ton an. Seit 1811 werden in schweizerischen Jura-Städtchen Sainte-Croix solche Spieldosen hergestellt, und das mit weltweitem Erfolg. Doch die Rezession in den siebziger Jahren machte auch dieser feinmechanischen Industrie schwer zu schaffen. Man stand am Rande des Abgrunds.

1988 übernimmt ein junger Manager die Leitung der maroden Spieldosenfabrik Reuge-Music im Sainte-Croix. Stefan Müller will den letzten grossen Spieldosenhersteller der Schweiz modernisieren und gegen die marktbeherrschende Konkurrenz aus Japan für die Zukunft fit machen. Von der ersten Planungssitzung bis zur Inbetriebnahme der vollautomatischen Fertigungsstrasse protokolliert MUSIQUES EN MOUVEMENT über sechs Jahre Ängste udn Zweifel, Hoffnungen, Rückschläge und neue Zuversicht von Arbeitern, Angestellten und Management im Kampf ums Überleben des Unternehmens.

Die Autoren zu ihrem Film

Erst wenn Industrien zusammenbrechen und ganze Regionen plötzlich vor dem wirtschaftlichen und sozialen Aus stehen, reagieren die Medien mit Analysen, Hintergrundberichten und Betroffenenprotraits. Wir wollten einmal rechtzeitig vor Ort sein und von Anfang an miterleben, ob und wie eine traditionsreiche, aber auf des Messers Schneide stehende Industrie gerettet werden kann. In Sainte-Croix fanden wir eine Miniaturausgabe europäischer Industriegeschichte und -gegenwart, und in Stefan Müller einen Manager mit Mut zum Risiko. Unbehindert von jeder Zensur konnten wir über sechs Jahre mit der Kamera in Werkhallen und Büros ein- und ausgehen, an vertraulichen Plansitzungen teilnehmen, die Entwicklung neuer Produkte und Maschinen dokumentieren und die Reaktion der Arbeiter auf die Umstrukturierung protokollieren. Während der Arbeit an diesem Film entdeckten wir eine Welt, die mehr und mehr aus dem öffentlichen Bewusstsein schwindet.

Überlebenskampf auf Kino-Leinwand

"Realistisch wurden Momente des Zweifels und das Zugeben von Fehlern des Jungunternehmers Müller aufgezeichnet. In seine Produktionsplanung gehörte die neueste Disney-Filmmelodie ebenso wie das Beobachten der Golfkrise. Das Publikum kann die Überlegungen des Unternehmers mitdenkend nachvollziehen. Eingestreute Portraits zeigen persönliche Schicksalsmomente der Angestellten. Die Kamera ruht auf Elisabeths Gesichtsausdruck, als deren Arbeit nach 21 Jahren durch eine Maschine ersetzt wird, bis alle Emotionen sichtbar werden. Die Kamera erfasst die Verbitterung des 58jährigen Meisters Jean-Paul, als er degradiert wird, und ist auch dabei, als Müller später dieses Urteil mit der Begründung revidiert, er habe den Faktor "Erfahrung" zu wenig berücksichtigt."
Bieler Tagblatt

"Der Film zeigt nicht nur in eindringlicher Weise die Wechselbeziehung zwischen Menschen und der Welt der Maschinen auf, sondern auch das Leben der Menschen in ihrer Region. Trotz der Fülle an Information vermittelt der Film neben klar verständlichen technischen Details ausserdem abwechslungsreich wirtschaftliche, geschichtliche und gesellschaftskritische Aspekte. Die Umsetzung - die sich eines Kommentars gezielt enthält - besticht durch ihre saubere Kameraführung und die geschickte Auswahl von Zwischenschnitten bis hin zur gelungenen Musikauswahl."
Dokumentarfilmpreis der IG-Metall Lübeck

Geschichte der Spieldose in Sainte-Croix

Die Spieldose wurde 1796 in Genf durch den Uhrmacher Antoine Favre erfunden. In Sainte-Croix im Schweizer Jura verdrängte ab 1811 die Spieldosenindustrie die Uhrmacherei und die Fertigung von textilen Spitzen. Das Dorf Sainte-Croix entwickelte sich seither zum weltweiten Zentrum der Spieldose. Gegen 1850 machte dieser Wirtschaftszweig 10% der gesamten Schweizer Exporte aus. Zum Vergleich: die Schweizer Uhrenindustrie hat heute etwa einen gleich grossen Exportanteil.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts erfand Edison den Plattenspieler. Bei den eigentlichen Musikliebhabern ersetzte er die Spieldose sehr rasch. Die Spieldose wurde zu einem Geschenkartikel und einem Sammlerobjekt.

Dank den in Europa stationierten amerikanischen Soldaten erlebte die Spieldose nach dem Zweiten Weltkrieg einen neuen Aufschwung. Produzenten aus Japan profitierten von diesem neuen Boom. Um sich auf dem Markt zu positionieren, konkurrenzierten sie die Produkte aus dem Jura vehement. 1989 werden weltweit 100 Millionen Spieldosen verkauft. Damit erreichte die Produktion einen noch nie dagewesenen Rekord.

Zwischen den 60er Jahren und 1989 verkleinerte sich die Gruppe der aktiven Schweizer Spieldosenmacher von etwa 30 auf lediglich 3.

Die Unternehmensgeschichte von Reuge begann 1865 mit dem Gründer Charles Reuge. Als Antwort auf die japanische Konkurrenz lancierte er Spieldosen im Hochpreissegment und Spezialitäten wie Spieldosen mit Vogelgesang und Spieldosenuhren. 1988 verkaufte die Familie die Unternehmung an eine Westschweizer Aktionärsgruppe, die die im Film beschriebene Umstrukturierung durchführte. Die Produktion der kleinen Spieldosen wurde automatisiert.