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Lynx

Visions du Réel Nyon 1990
Zürcher Filmpreis

Lynx

CH 1990 82'

Regie: Franz Reichle
Drehbuch: Franz Reichle
Kamera: Gisela Tuchtenhagen, Franz Reichle
Ton: Ingrid Städeli, Franz Reichle
Schnitt: Franz Reichle, Myriam Flury
Musik: Joseph Haydn, Carl Maria von Weber
Produktion: Franz Reichle

Franz Reichle 1990 82'

"LYNX ist ein Tierfilm, der den üblichen Rahmen sprengt. Denn eine wesentliche Eigenart des Luchses ist, dass er sich den Blicken (und den Kameras) verbirgt. So macht sich Franz Reichle auf eine äusserst ertragreiche Spurensuche, lässt Zoologen, Wildhüter und Bauern zu Worte kommen. Der Luchs gilt aber auch als Barometer für das ökologische Gleichgewicht; die Natur überhaupt wird zum eigentlichen Thema dieses Films. Die Suche nach dem Luchs entwickelt sich zu einem Essay über unseren Umgang mit dieser Wildkatze und ihren Lebensräumen, die auch die unseren sind. So akribisch und differenziert, wie die Luchsforscher ihrem Objekt nachstellen, befragt und kritisiert Franz Reichle unser Naturverständnis. Dabei erweisen sich sowohl die Argumente der Luchsforscher wie diejenigen der Gegner des Luchses als fragwürdig; der Luchs hat wohl weder in einer hochtechnisierten noch in einer vorurteilsbehafteten bäuerlichen Welt Platz. Es ist das grosse Verdienst dieses Films, aufzuzeigen, dass mit Reflexionen dieser Art letztlich mehr über das Wesen des Luchses ausgesagt wird, als dies in einem traditionellen Tierfilm überhaupt möglich gewesen wäre."
Jury des Zürcher Filmpreises

Das Besondere, nicht das Typische

"Vom Luchs" handelt der Film, wie es im Vorspann heisst, aber auch "vom Wald, vom Wild, vom Schaf und von der Wissenschaft'. Es ist das zugleich Bedeutende und Erschreckende an LYNX, wie er sichtbar und begreifbar zu machen versteht, wie der Luchs, dieses in den natürlichen Lebenszusammenhängen autonom existierende Tier, in unser restlos verwalteten und besetzten Umwelt fremdbestimmt ist: als blosse Funktion der Ängste und Vorurteile der Schafhalter und Jäger, des Wohlwollens und Interesse der Förster und Ökologen. Sein Format gewinnt der Film dadurch, dass ihn zwar das Allgemeine interessiert, dass er aber nicht das vermeintlich "Typische" sucht (und bloss noch zu illustrieren brauchte), sondern das Besondere zeigt.
Christoph Egger, NZZ

Tierfilm über den Menschen

Martin Schaub, Wochenzeitung WoZ

Über drei Jahre Recherchen, Planung, Drehbuchschreiben, Reisen, Lauern und Wartenfür einen bei weitem nicht „perfekten“ Dokumentarfilm; das ist selten geworden, und daskann das Fernsehen nie leisten: Franz Reichles Film über den Luchs, den König derWälder.

LYNX von Franz Reichle, dem Filmemacher, der sich die Arbeit nie leicht gemacht hat,lebt und berührt durch seine Vorsicht und Unsicherheit, durch die prekäre Offenheit.Dieses Tasten und Suchen ist das Wesen des Films, das Wesen, das mit dem bis zumSchluss unsichtbaren Hauptdarsteller zu tun hat, dem Nachttier Luchs, das ein Geheimnisist und eines bleiben muss, damit der Film funktioniert.

Der Film nämlich handelt nicht nur von dem einzigen (seit 1972 wieder) einheimischenRaubtier ohne natürlichen Feind, sonder viel mehr von dem Umgang, den die Menschenmit dem Ungeheuren pflegten und pflegen. Der Luchs selbst wird in Reichles Film zurChiffre jener Natur, die sich der Mensch noch nicht „untertan gemacht“ hat. Angst hat zurAusrottung der Raubkatze geführt, Angst lässt den wieder eingesetzten „König“ derWälder überleben. Er ist so raffiniert und naturgescheit, dass er sich kaum fassen lässt.Orten lässt er sich bloss mit sophistiziertem technologischem Gerät. Trügen die in derSchweiz lebenden Luchse keinen Sender im Halsband, sähen wir nur seine Spuren: dieAbdrücke seiner Tatzen und die Überreste der Schafe und Rehe, die er gerissen hat. Einwunderbares Tier.

Alles Wunderbare allerdings hat ein schweres Leben. Was man (das heisst der Mensch)nicht beherrschen kann, muss beseitigt werden. Wenn es nach den Schafhirten undJägern ginge, gäbe es keinen Luchs mehr. Man hätte ihn geschossen und notfalls (wieden tollwütigen Fuchs) vergiftet, vergast. Zum Glück ist der Luchs einerseitsForschungsgegenstand, anderseits – für hellhörige Zeitgenossen wie Franz Reichle –Symbol des Sinnes für das Ganze, den der moderne Mensch (seit der Renaissance)verloren hat. Und den er wieder finden muss, wenn er überleben will. Aber das wissennoch wenige, und deshalb gibt es jetzt diesen Film. Und deshalb hat „Lynx“ vielleicht auchdiesen absoluten Einstieg mit Schöpfungsgeschichte und „Macht-euch-die-Erde-untertan“-Ideologie. Ich verzeihe sie dem Autor, schätze aber mehr die dokumentierte Filmodysseeauf den Spuren des Luchses, auch ihre selbstironische Dimension.

Franz Reichle hat wie die Sozialdokumentaristen zuerst auch mit einem Team arbeitenwollen, doch die spannendsten Sachen sind ihm gelungen, als er als Filmbastler allein mitKamera und Tonband unterwegs war. Der Luchs hat ihn zum Improvisieren gezwungen.Welch Kluges Tier! Zum Schluss sehen wir es dann doch noch. Ein magischer Moment:nichts als der Wärmekörper des abwesenden Helden, aufgenommen mit höchst raffinierterWärmebildtechnologie.

Die junge Lüchsin, die von den WissenschafterInnen noch nicht registriert und mit Senderausgerüstet ist, tritt in die Falle. Und jetzt finden wir das Tier, das Geheimnis, den Sinn derNatur im Netz. Es wird vermessen; es bekommt einen Namen und einen Sender und wirdauf freien Fuss gesetzt. Franz Reichle übertrifft die Einlösung der Spannung – dieErscheinung des Luchses – noch einmal. Was heisst da „Reichle“? Der Luchs ist es, derzum Schluss die optimistische Wende bringt. Er hat seinen Sender abgestreift – man siehtdas Senderhalsband in einer inszenierten Einstellung – und ist wieder unsichtbargeworden. Der Film zeigt sein mutmassliches Revier in einer Flugaufnahme.

LYNX ist – ich komme an den Anfang zurück - ein tröstlicher Film, weil er etwas auf denPunkt bringt, ohne es in den Griff zu bekommen. Vielleicht sind jene Filme die stärksten,die das Unsichtbare präsent machen. Der Film führt das Tier im Titel und spricht vomMenschen. Damit dies möglich wurde, musste Franz Reichle zum Luchs werden.