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Le souffle du désert

Visions du Réel Nyon 2005

Le souffle du désert

CH 2005 80'

Regie: François Kohler
Drehbuch: François Kohler
Kamera: Denis Jutzeler, Camille Cottagnoud
Ton: Eric Ghersinu
Schnitt: Hélène Girard
Musik: Anthony Rozankovic
Produktion: XL Production, Heinz Dill, Xavier Grin

François Kohler 2005 80'

Am Rande der Sahara, im Grossen Östlichen Erg in Tunesien, wandern 13 Männer, darunter Schweizer, Franzosen, Belgier und Kanadier, in Begleitung eines Moderators und 10 einheimischer Kameltreiber, durch die Wüste. Die Reise dauert 15 Tage, während denen sie zwischen Steppen, Sanddünen und Felsebenen umherziehen und dabei Sandstürmen sowie glühender Hitze bei Tag und klirrender Kälte bei Nacht trotzen.

Zu dieser körperlichen Prüfung kommt ein emotionales Wagestück hinzu, der Vorstoss in die männliche Seele. Nach vier bis fünf morgendlichen Marschstunden und aufgeschlagenem Biwak setzt man sich zusammen, um anhand der persönlichen Erfahrungen der anwesenden Teilnehmer das zu erforschen, was nach heutigem Verständnis Männlichkeit ausmacht. Der Moderator unterstützt die Dynamik des Gruppengesprächs und hilft jedem Einzelnen, seine Überlegungen zu Themen wie Vatersein, Sexualität, Beziehungen zu Frauen oder auch Gewalt und Abhängigkeit zu vertiefen.

Dieser Austausch wird abends am Lagerfeuer fortgesetzt und endet oft mit Tänzen und Gesängen zur Musik der wüstenstämmigen Begleiter.

Die Lager im Freien, die beeindruckende Landschaftskulisse, die Energie der Wüste und die Unterstützung des Moderators haben die Teilnehmer dazu bewegt, sich nach und nach zu öffnen und rückhaltlos mitzuteilen.

Eine physisch und psychisch strapaziöse Reise, eine innige Suche nach dem, was Männlichkeit ist.

"Was bedeutet eigentlich Männlichkeit? Wie wichtig ist das väterliche Vorbild? Welche Rolle spielt dabei die Mutter? Wie gehe ich mit meiner Sexualität um? Darf ein Mann weinen?
Es sind keine aussergewöhnlichen, keine beschämenden Fragen, sondern alles Fragen, die sich jeder schon gestellt hat – und darauf immer öfter keine Antworten mehr findet. Die aktuelle Verunsicherung des Mannes ist das Thema, über das erfahrene, reife Männer in Kohlers Film sinnieren. Nichts ist inszeniert, alles echt, eins zu eins aus dem Leben: Die Copains reden über alles, streiten, lachen und tanzen nachts am Lagerfeuer. Sie ziehen sich aus und diskutieren, wieso sie ihren Po knackig finden, ihren Penis zu klein oder wieso ihnen ihre Brüste weiblich erscheinen. Einige weinen das erste Mal öffentlich – unter Männern. Manchmal raufen sie sich wie übermütige Jungs und wälzen sich im Sand. In dem 80-minütigen Streifen werden die Copains der Wüste zu Botschaftern der Männer der westlichen Zivilisation. François Kohler ist damit ein Stück Zeitgeschichte gelungen, das nicht nur Männer, sondern auch viele Frauen bewegen wird. In der Kargheit der unberührten Landschaft und im gleissenden Sonnenlicht wird jede Persönlichkeit zum tragenden Element des einzigartigen Films.
«Unsere Reise neigt sich dem Ende zu, für uns alle beginnt der Weg erst jetzt. Jeder führt seine Suche fort, auf seine Weise, in seinem Tempo und für sich allein. Aber vielleicht etwas weniger isoliert», sagt Alexis Burger zum Abschied. Wieder stehen die Männer im Kreis auf der gleichen Düne wie vor zwei Wochen. Diesmal brennt kein Feuer. Sie fühlen sich befreit und sind innerlich gestärkt, um in der gnadenlosen Hektik der Zivilisation ihren Mann stehen zu können.
Franca Siegfried, Sonntagsblick SIE und ER

"Die Wüste erweist sich für der «Suche nach der Männlichkeit» als stimmige Kulisse. Die unwirtliche Umgebung macht es den Teilnehmern offensichtlich einfach, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen. Es gibt sozusagen kein Versteck im endlos scheinenden Sand. Aber auch für den Zuschauer bringt die Kargheit der Wüste die seelische Nacktheit der Reisenden auf den Punkt.
Es ist im alltäglichen Leben - und auf der Leinwand erst recht - eine Seltenheit, Männer in ihrer ganzen Verletzlichkeit zu erleben. Wo hört man(n) schon, dass das Gegenüber gern nachts im Freien pinkeln geht oder kaum je Freude beim Sex verspürt. François Kohler gelingt es, dem Film die nötige Tiefe zu verleihen, ohne ihm stilistisch durch zuviel Methodik den nötigen Charme zu nehmen."
Pascal Lüthi, Cineman

"Hier wird die Geschichte einer Suche erzählt. Sie sind dreizehn an der Zahl: Männer mit unterschiedlichster Vergangenheit und an verschiedenen Lebensstationen. Gemeinsam unternehmen sie einen zweiwöchigen Trek durch die Wüste. Damit reihen sie sich ein in die lange Tradition der Anachoreten und Mönche, welche sich seit unvordenklichen Zeiten in die Weiten der Wüste zurückziehen, um in sich zu gehen.
Heute aber ist Einsamkeit nicht mehr angesagt, und die Sorgen der Männer des 21. Jahrhunderts haben sich auch etwas geändert. Nachdem die Beziehungen zwischen den Geschlechtern durch einen rapiden Wandel erschüttert wurde, bereitet es oft Mühe, sich wieder mit seiner männlichen Identität anzufreunden. Die von François Kohler gefilmten Männer haben dies gemein: Das dringende Bedürfnis, diese Facette ihrer Persönlichkeit neu zu entdecken. Lange haben sie sie verleugnet, vernachlässigt oder im Gegenteil überinterpretiert. LE SOUFFLE DU DESERT: DES HOMMES EN QUÊTE DE SENS beobachtet die Gruppe als Ganzes, lässt aber auch Männer einzeln zu Wort kommen. Von einer dominanten Grossmutter traumatisiert hat einer Schwierigkeiten, mit Frauen eine Beziehung aufzubauen. Ein anderer hat lähmende Komplexe im Umgang mit Menschen. Und so weiter. Müdigkeit, Hitze und fehlende Hygiene verstärken die Auswirkungen der Gruppentherapie. Ein erstaunlicher Demaskierungsprozess geht vor sich und fördert die wahren Charaktere allmählich zutage. Affinitäten deuten sich an, neue Perspektiven zeichnen sich ab. Am Ende steht eine destabilisierende Reflexion zum Rollenwechsel des modernen Mannes.
Visions du Réel Nyon

Drei Fragen an den Moderator Alexis Burger

Was bedeutet Männlichkeit?
„Männlichkeit ist nicht leicht zu definieren. Es stellt sich die Frage, ob es eine „natürliche“ Männlichkeit gibt, die es unabhängig von der Lebenssituation zu finden gilt, oder ob die Männlichkeit von dem kulturellen und historischen Kontext abhängt, so dass man sie in jeder Epoche der Menschheitsentwicklung neu definieren muss. Vielleicht trifft ja beides zu. Die Männlichkeit will immer wieder neu entdeckt werden. Sie ist Teil des historischen und kulturellen Wandels der Geschlechterrollen.“

Wie sollte man diesen Wandel denn angehen?
„Was uns betrifft, geht es darum, ihn bewusst anzugehen, indem wir uns Fragen stellen und die praktischen Erfahrungen der einzelnen therapeutischen Ansätze und persönlichen Entwicklungsmethoden unter die Lupe nehmen. Diese Arbeit erfordert die Durchleuchtung der männlichen Konditionierung (Konkurrenz, Aggressivität, eroberndes Sexualverhalten, Angst vor Homosexualität), um anschliessend zu sensibleren Erfahrungen überzugehen, in denen die Beziehung zu anderen Männern und die Beziehung zur eigenen Männlichkeit einander gegenseitig aufdecken helfen.“

Warum haben Sie gerade bei diesem Film mitgemacht?
„Ich verstehe zwar nicht viel vom Filmemachen, aber die Vorstellung, dass eine solche Arbeit gefilmt und vorgeführt wird, gefällt mir sehr. Ich halte es für sehr wertvoll, einen aufrichtigen, einfallsreichen und tiefschürfenden Ansatz vor Augen zu führen, der die Männlichkeit zu erfassen versucht, indem er sich von dem Bild des männlichen Durchschnittsmenschen entfernt.