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Kommentar - Wo bleibt der Obama des Schweizer Films?

18.1.2009

Texte

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Was sind die Anforderungen an einen Chef der Sektion Film? Das Credo der Website der Sektion Film könnte man eigentlich unterschreiben: "Filme verführen uns zum Träumen, sie unterhalten uns, sie bringen uns zum Nachdenken und manchmal auch in Rage. Damit es weiterhin solche Gefühle gibt, die unser Leben bereichern, braucht der Film immer neue Ideen und Leute, die künstlerisch, technisch und handwerklich tätig sind, Leute, die fest daran glauben, dass das Abenteuer Film weiter laufen soll. In der Schweiz ist das Filmschaffen lebendig und gegenwärtig. Die Sektion Film des Bundesamtes für Kultur trägt im Rahmen ihrer Möglichkeiten zu diesem Erfolg bei, denn sie ist davon überzeugt, dass das wunderbare Spiel von Licht und Farbe, Bild und Ton auch in Zukunft auf den Leinwänden der Kinos, der Festivals und der Open Airs strahlen soll."

Die Bilanz der letzten drei Jahre ist eher düster.

Da ist die gescheiterte Lokomotivenpolitik: Mit stärkeren Mitteln die grossen Filme als Lokomotiven fördern, die dann im Erfolg die anderen Wagons mitziehen. Diese aufwendige Lokomotivenpolitik würde eigentlich mehr finanzielle Mittel benötigen, um diese Lokomotiven auch zu finanzieren. Doch bemüht sich der Filmchef, mehr Mittel zu bekommen? Gleich zu Beginn der Legislaturperiode 2007-2011 hat der Direktor des Bundesamtes für Kultur Jauslin klar gemacht, dass sich das Kulturbudget während vier Jahren nicht ändern werde. Daran hält sich auch Bideau. Wie sollen Parlamentarier, die ständig von Lobbies aller Richtungen belagert werden, dass Budget eines Amtes erhöhen, wenn nicht einmal dessen Vorsteher dies fordert?

Im Gegenteil: Vor Bideau wurde bei der Filmförderung regelmässig überbucht, weil man allgemein weiss, dass nicht alle Filme zustande kommen. Eine Praxisänderung beendete das Überbuchen. Dies ausgerechnet im Moment, wo die Produzenten dazu ermuntert wurden, grösse Projekte zu lancieren mit grösseren Bundesbeiträge und mit einem grösseren Risiko, dass sich das Projekt verzögert oder gar nicht zustande kommt. Dies führte dazu, dass 2006 mehrere Millionen nicht ausgegeben wurden und nur dank einem Bundesratsbeschluss ins nächste Jahr gerettet werden konnten. Die Filmproduktion wurde ausgebremst, mit nachfolgend schwächeren Zuschauerzahlen bis zur vollkommenen Absenz von Lokomotiven im Jahr 2008: Dass kein einziger Spielfilm 70'000 Zuschauer erreicht, da muss man in denm Statistiken bis 1994 zurückgehen.

Da ist die Rechtsunsicherheit. Der jetzige Filmchef hat sein Amt nicht im Griff. Eine Verordnung wird ohne Anhörung der Filmkommission geändert, obwohl das Gesetz diese verlangt. Ausgaben zu Spontanaktionen werden ad hoc und ohne Konzept beschlossen. Da warten Produzenten wochenlang auf Zahlungen und tagelang, um überhaupt mit einer zuständigen Person in der Sektion Film sprechen zu können. Da ändern Reglemente, Formulare und Praxis so schnell, dass man nicht mehr weiss, was gilt. Im Gegenzug wird die Sitzungsfrequenz der Fördergremien in einem Masse reduziert, dass eine vernünftige Produktionsplanung nicht mehr möglich ist.

Da ist die Günstlingswirtschaft. Der jetzige Filmchef versucht nicht einmal ernsthaft zu bestreiten, dass er am liebsten mit seinen "besten" Produzenten zusammenarbeitet. Filmemachern gibt man zu verstehen, dass sie den Produzenten wechseln sollen, wenn sie Bundesförderung bekommen wollen. Doch der Filmchef hat kein Mandat für eine Strukturbereinigung der Schweizer Filmbranche.

Wir brauchen wieder jemanden an der Spitze der Sektion Film, der Vertrauen schafft, mit der Branche zusammenarbeitet und mit ihr zusammen Perspektiven entwickelt, wie sich der Schweizer Film entwickeln, besser und bekannter werden kann. Wir brauchen wieder jemanden, der zuhören und vermitteln kann. Wir brauchen wieder jemanden, der konsensfähig ist und sich an Abmachungen hält. Wir brauchen in Bern keinen Intendanten, Studioboss oder Fussballtrainer. Sondern wir brauchen wieder jemanden, der sich gegenüber der Bundesverwaltung und der Politiker als Anwalt des Filmes und der Filmemacher versteht. Wir brauchen wieder jemanden, der dem Filmgesetz im Wortlaut und im Sinn nachlebt, "die Vielfalt und Qualität des Filmangebots sowie das Filmschaffen fördern und die Filmkultur [zu] stärken".

Bush geht dieses Wochenende. Obama tritt Dienstag an und die USA und der Rest der Welt werden kurz aufatmen. Wann werden wir im Schweizer Film wieder aufatmen können?

Matthias Bürcher

PS: Lionel Baier würde mir wohl antworten: "Zum Glück gibt es noch die Filme." Wie UN AUTRE HOMME, der diese Woche angelaufen ist. Oder die Vielfalt der Filme, die dieses Jahr in Solothurn wieder laufen.