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Die grosse Stille

Prix du cinéma européen 2006 - Meilleur documentaire
Sundance Film Festival 2006 - Prix spécial du Jury

Die grosse Stille

CH/D 2005 162'

Regie: Philip Gröning
Drehbuch: Philip Gröning
Kamera: Philip Gröning
Ton: Philip Gröning
Schnitt: Philip Gröning
Produktion: Philip Gröning, Ventura Film SA

Philip Gröning 2005 162'

Die Grande Chartreuse, das Mutterkloster des legendären Karthäuserordens, liegt in den Französischen Alpen. Der erste Film, der jemals über das Leben hinter den Klostermauern gedreht wurde ist eine sehr strenge, fast stumme Meditation über das Klosterleben in sehr reiner Form. Keine Musik, bis auf die Gesänge der Mönche, keine Interviews, keine Kommentare, kein zusätzliches Material. Nur der Lauf der Zeit, der Wechsel der Jahreszeiten und das sich stetig wiederholende Element des Tages: das Gebet. Ein Film über Bewusstsein, über absolute Präsenz – und über Menschen, die ihre Lebenszeit in aller Klarheit Gott gewidmet haben. Kontemplation.

"Selten hat der Titel eines Filmes derart ins Schwarze getroffen. Der Titel und die Tatsache, daß wir vor der Pressevorführung dazu aufgefordert wurden, während des Film gerne zu meditieren, bringt das Thema auf den Punkt. Das große Schweigen 162 Minuten lang. Keine Musik, keine Kommentare und keine Interviews sind der Leitfaden durch die vier Jahreszeiten. Stumme, lange Bilder von sich ständig wiederholenden Ritualen dominieren das nichtvorhandene Geschehen."
schnitt.de

"Eine langjährige Beziehung mit dem Prior der Grande Chartreuse und 15 Jahre Geduld bis zur Dreherlaubnis bilden den Grundstein für „Die grosse Stille“. Es ist ganz unerhört, was sich hier während des Besuches im Kloster abspielt: Bilder im Lauf der Jahreszeiten werden durchlässig für das was hinter den Dingen verborgen liegt, eine gefüllte Stille breitet sich aus. Mit dem Dokumentarfilm ist eine reine Meditation christlicher Prägung im Kino angekommen. Er porträtiert die Mönchsgemeinschaft des Karthäuserklosters in der Nähe von Grenoble mit grossem Respekt und Sinn für die kleinen alltäglichen Dinge. Vorherrschend ist die Stille, die in einer phänomenalen Tonspur zum Schwingen kommt. Wer sich an diesen filmischen Ort begibt, kehrt mit einer neuen Sensibilität in der Wahrnehmung zurück. Und wer Klostererfahrung hat erkennt, dass hier ein Wissender seine Erfahrung mitteilt."
Charles Martig, Filmbeauftragter Katholischer Mediendienst

" Es ist ein Nullpunkt der Kommunikation, der hier geschaffen ist, ein Freiraum für Formen einer anderen, von unserer gesellschaftlichen Logik und Ökonomie unabhängigen Kommunikation, Formen von unerwarteter Schönheit. Immer wieder gibt es Einstellungen, die wie animierte klassische Genregemälde wirken, Zellen-, Küchen- und Bibliotheksräume, in denen man gar nicht glauben mag, dass sie ohne künstliches Licht entstanden sind. Eine Szene in einem Schuppen wird zu einem verzauberten Katzenballett - die gebückte Silhouette des alten Mönchs, die verhuschten Katzen, das nur von wenigen Lichtflecken aufgehellte Tiefschwarz des Raumes, die verwirrten Rufe des alten Mönchs. Sie ist nicht selbstverständlich, die große Stille dieses Klosterlebens, und sie beschwört keine falsche Idylle. Sie ist kraftvoll, denn sie muss reagieren auf das Getöse der Welt um sie her."
Fritz Göttler, Süddeutsche Zeitung

"Das erstaunlichste Mitbringsel, das man aus dieser Reise zu den Grundlagen des Christentums vor die Kinotür nehmen kann, dürfte etwas gar nicht Existentes sein: die Abwesenheit von Angst innerhalb der Klostermauern. Dieser Urgrund von Vertrauen in einen gütigen Gott ist Europa im Lauf der Jahrhunderte verloren gegangen, abgegraben von den Ablaßverkäufern und den großen Kriegen und den Predigern des Leistungsethos. In der GROSSEN STILLE könnte man fast zum Glauben zurückfinden."
Hanns-Georg Rodek, Die Welt

"Vor kurzem machten die Mönche der Grande Chartreuse etwas, das sie noch nie getan hatten: Sie sahen zusammen einen Film, Grönings Film. DIE GROSSE STILLE hat ihnen gefallen. Sie mussten sehr lachen; vor allem über sich, über ihren Mitmönch zum Beispiel, der oben auf dem Dachboden der Grande Chartreuse plötzlich eine atemlose Beredsamkeit entwickelt: Er spricht mit den Dachboden-Katzen, so unbefangen wie jeder Nicht-Mönch mit seinem Haustier. Nur einem hat DIE GROSSE STILLE nicht gefallen. Da fehlt doch der Off-Kommentar, und überhaupt ist hier viel zu wenig Action, kritisierte ein Novize. Er war noch ganz neu in der Grande Chartreuse.
Tagesspiegel

Zur Geschichte des Karthäuser-Ordens und der „Grande Chartreuse“

Der Orden der Karthäuser wurde im Jahr 1084 vom Heiligen Bruno von Köln (1030 - 1101) gegründet und gilt als strengster Orden, den die katholische Kirche je hervorgebracht hat. Seit der Ordensgründung wohnen die Einsiedler in den Felsmassiven unweit von Grenoble – und widmen sich in ständigem Schweigen ganz dem Gottesdienst und dem geistlichen Leben. 1132 wurde das Kloster von einer Lawine getroffen, achtmal in seiner Geschichte um ein Haar ein Raub der Flammen. Die jetzigen Gebäude entstanden 1688.

Jede Karthäuser-Gemeinschaft ist wirtschaftlich selbständig und soll grundsätzlich selbst für ihren Unterhalt aufkommen. So sind die Mönche in der Landwirtschaft und im Handwerk tätig oder erhalten Messstipendien. Auf der Ordensebene gibt es ein Ausgleichssystem, über das ärmere Häuser unterstützt werden – vorwiegend dank der Produktion des berühmten Likörs. Bis heute hat sich die Lebensform der Eremiten, die aus Gebeten, Studien, aber auch körperlicher Arbeit besteht, kaum verändert.

Heutzutage gibt es noch 19 Karthausen – in Europa, den USA, Lateinamerika und Südkorea – in denen schätzungsweise 370 Mönche leben. Darüber hinaus bestehen in Frankreich, Italien und Spanien fünf Frauenkonvente, in denen etwa 75 Nonnen leben.

In Deutschland existiert nur noch eine einzige Karthause: In Marienau in Baden-Württemberg. Diese wird seit 1964 von Mönchen bewohnt. Gegründet wurde sie als Ersatz der 1869 in Maria Hain bei Düsseldorf errichteten Karthause, da deren Bewohner der sich ausdehnenden Großstadt weichen mussten. Rings herum ist die Karthause von Wald sowie einer zweieinhalb Meter hohen und 1250 Meter langen Klausurmauer umgeben, was der Karthause eine noch größere Abgeschiedenheit von der Welt bietet. Mittelpunkt der etwa zehn Hektar großen Klosteranlage ist die schlichte Kirche mit ihrem einfachen hölzernen Glockenturm. Wie alle Karthausen kann auch Marienau nicht besichtigt werden.

Über das Leben der Karthäuser

Der Karthäusermönch sucht Gott in der Einsamkeit, die sich auf drei Bereiche erstreckt: die Trennung von der Welt, das Ausharren in der Zelle sowie die innere Enthaltsamkeit und die „Enthaltsamkeit des Herzens“, wie es die Mönche nennen.

Nur zum Spaziergang – bei dem geredet werden darf – verlassen die Karthäuser einmal in der Woche das Kloster, sie erhalten grundsätzlich keine Besuche, haben weder Radio noch Fernseher. Über das Geschehen in der Welt informiert der Klostervorstand, der Prior. So sind die notwendigen äußeren Bedingungen gegeben, die das Schweigen fördern. Zweimal im Jahr – während der so genannten Besinnungszeit – dürfen die Mönche Besuch von Familienangehörigen empfangen.

Der Mönch lebt in einer so genannten Zelle, die aus einem einstöckigen Haus, das ein Garten umgibt, besteht. Dort verbringt der Karthäuser den Großteil des Tages – allein. Gemeinschaftsleben findet in der täglich in der Kirche gesungenen Liturgie und sonntags beim Mittagessen statt. Während des Spaziergangs von mehr als vier Stunden dürfen die Mönche miteinander reden, um sich kennen zu lernen und die „gegenseitige Zuneigung zu festigen und die Vereinigung der Herzen zu fördern, wobei für eine gute physische Entspannung mitgesorgt ist“, wie es auf den Internetseiten des Ordens heißt.

Die tägliche Liturgie der Karthäuser zeichnet sich im Vergleich zur römischen Liturgie durch Einfachheit und Nüchternheit aus. Charakteristisch sind viele Zeiten der Stille, der gregorianische Choral als Träger der Innerlichkeit sowie das Verbot jeglicher Musikinstrumente. Das um Mitternacht gefeierte Offizium besteht aus Psalmengesang, Bibellesungen, Fürbittengebete und wieder Zeiten der Stille.

Chartreuse

„Chartreuse“ ist ein Bergmassiv in den französischen Alpen zwischen Grenoble und Chambéry, außerdem heißt der dort 1084 gegründete Einsiedlerorden der Karthäuser so und auch der von den Mönchen produzierte Kräuterlikör nennt sich „Chartreuse“.

Karthause

Eine Karthause ist ein Kloster des Karthäuserordens. Der Begriff stammt vom lateinischen cartusia für das französische La Chartreuse, Gründungsort der ersten Karthause. Charakteristisches Architektur-Element aller Karthausen ist der Große Kreuzgang, um den herum die Einsiedeleien der Patres gruppiert sind. Im Hochmittelalter kam es zu prachtvoll ausgestatteten Stiftungen. Moderne Gründungen bezeugen jedoch eher das Ordensideal von Armut und Einfachheit.

Mit mehr als 30 Zellen gehört La Grande Chartreuse – worauf der Name bereits hinweist – zu den „großen Häusern“, die in der jetzigen Form im 17. Jahrhundert erbaut wurden. Dagegen zählt die Karthause Portes im Département l'Ain mit zwölf Zellen zu den „kleinen Häusern“. Die Zellen sind um den Friedhof gruppiert und haben so den Anblick der ursprünglichen Karthausen bewahrt.

Kloster

Das Gebäude einer Gemeinschaft von zölibatär lebenden Christen wird als Kloster (lat. claustra oder claustrum: „Verschluss, Schloss“) bezeichnet. Die früheste Klostergründung datiert man ins vierte Jahrhundert. Bereits damals bestand die von einer Mauer umschlossene Anlage aus Kirche, Speisesaal, Küche, Kleiderkammer, Bibliothek, Krankenort, Gästehaus und Werkstätten. Die Bewohner hielten sich an eine gemeinsame Lebensregel; sie nannten sich Mönche, und der Vorsteher hieß Abbas, Vater.

Der Heilige Bruno von Köln

Um 1030 in Köln geboren, geht Bruno schon früh als Student an die Kathedralschule von Reims, absolviert ein Doktorat und wird 1056 zum Rektor der Universität ernannt. Der Mann, der als einer der bedeutendsten Gelehrten seiner Zeit gilt, will ein Leben führen, das ausschließlich Gott gewidmet ist. Auf der Suche nach dem geeigneten einsamen Platz bietet der Heilige Hugo, Bischof von Grenoble, Bruno und seinen sechs Gefährten einen Ort in den Bergen seiner Diözese an. Im wilden Tal der Chartreuse errichten sie ihre aus Holzhütten bestehende Einsiedelei. Seinen Brüdern diente Bruno als lebendes Beispiel, Lebensregeln schrieb er den Mönchen keine – die Statuten des Karthäuserordens wurden sehr viel später verfasst. Nach sechs Jahren Eremitenlebens ruft Papst Urban II. Bruno als Berater zu sich nach Rom. Bruno fühlt sich im Vatikan jedoch nicht zu Hause und bleibt nur einige Monate. Mit dem Einverständnis des Papstes errichtet er in den Wäldern Kalabriens eine neue Einsiedelei, in der er 1101 auch stirbt.

Likör der Karthäuser

Bereits 1605 bekamen die Mönche der La Grande Chartreuse das Rezept eines „Elixiers für langes Leben“ geschenkt. Da jedoch die Mix-Anleitung mit über 130 Zutaten äußerst kompliziert war, dauerte es mehr als 100 Jahre, bis ein Apotheker der Karthause das Rezept entschlüsselt und den ersten Trunk produziert hatte. Dieser besteht bis heute aus – in Weinalkohol gelösten – Würzpflanzen, Heilkräutern, Blumen- und Wurzelextrakten.

Schon bald wurde das grüne Elixier mit 71 Vol.-Prozent Alkohol mehr zum Genuss getrunken als zur Medikation genommen. Als 1832 die Cholera in Frankreich wütete, wurde Chartreuse indes wieder als Heilmittel eingesetzt. Wenige Jahre später entwickelten die Mönche mit 55 Vol.-Prozent Alkohol eine mildere Variante des Kräuterlikörs, den man wegen seiner Farbe gelben Chartreuse nennt. Der Trank wird fünf Jahre in Eichenfässern zur vollen Reife entwickelt, bevor er abgefüllt wird. Noch heute mischen allein die in das Geheimnis eingeweihten Mönche die Kräuter – mittlerweile mit Hilfe moderner Computertechnik.

Zelle

Die Zelle ist eine Klause, die so eingerichtet ist, dass der Karthäuser darin eine möglichst vollständige Einsamkeit leben kann, wobei ihm das Lebensnotwendige zugesichert ist. Jede Zelle besteht aus einem einstöckigen, von einem Garten umgebenen Häuschen, worin der Mönch den größten Teil des Tages während seines ganzen Lebens allein bleibt.