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Crips, Strapped'n Strong

Semaine de la Critique Locarno 2009

Crips, Strapped'n Strong

NL 2009 85'

Regie: Jost Van der Valk, Mags Gavan
Kamera: Marco Nauta, Jost Van der Valk
Ton: Mags Gavan
Schnitt: Patrick Janssens


Internet:
Website CRIPS

Website PvHfilm

Direct sound rencontre Semaine de la Critique Locarno

Ihre Narben zeugen von gewalttätigen Auseinandersetzungen.; doch die Mitglieder der Den Haager Gang, die Joost van der Valk und Mags Gavan in „Crips“ porträtieren, sind stolz darauf. Ein aufwühlender Ethnofilm der etwas anderen Art.

«Wir haben einen anthropologischen Ansatz gewählt: Wir beobachteten die Gangmitglieder, als würden sie einem fremden Volk angehören.»
Joost Van der Valk

Schwarze Männer zeigen der Kamera ihre nackten Oberkörper – jede Narbe steht für einen Schusswechsel. Offensichtlich stellt sich hier eine Gang vor. Nicht der Inhalt ihrer Erzählungen erstaunt, sondern die Sprache der Männer: Holländisch. Crips begleitet die Mitglieder der gleichnamigen kriminellen Gang in Den Haag, die ihren Namen von den grossen Brüdern in Los Angeles übernommen haben. Das Acro­nym “Crips“ steht für «Community Revolution in Progress» und ist Programm: Die Gang bezeichnet sich als Familie, Loyalität ist ihr höchstes Gut. Die Revolution freilich besteht hauptsächlich darin, sich durch Drogendeals oder bewaffnete Überfälle zu bereichern. Die Mitglieder stammen aus ehemaligen holländischen Kolonien: Suri­name im Nordosten von Südamerika und Antillen-Inseln in der Karibik. Sie sind mit gewalttätigen, kriminellen Vätern in Armut aufgewachsen und – das macht der Film besonders deutlich – haben in Holland keine Heimat gefunden. Es ist allerdings fraglich, ob das Vaterland mehr Geborgenheit bietet: Das Gangmitglied Santos flüchtet nach Suriname und lässt dort indigene Rituale über sich ergehen. Geläutert wirkt er danach nicht. Neben ihm rückt “Crips“ zwei weitere Mitglieder in den Vordergrund: Da ist Ganggründer Keylow, der in den Achtzigern unschuldig mit Breakdance begonnen hat. Für ihn steht die Gemeinschaft über allem; Verrat wird geahndet. Das macht er deutlich, als Santos einen Deal ohne die Gang abwickeln will.
Den grössten Einblick geben die Filmemacher in das Leben von Main C. Er hat soeben mehrere Jahre wegen Mord ab gesessen und will endlich in der Legalität leben, seiner vier Kinder willen. Doch er kommt von seiner anderen Familie nicht los; immer wieder trifft er Keylow.
Es erstaunt, wie nahe die Filmemacher den Kriminellen kommen. Sie werden Zeugen von der Planung eines Banküberfalls, filmen das Verpacken von Drogen und begleiten die Crips nach Los Angeles, wo sie auf ihre Vorbilder treffen. Und desillusioniert wieder abreisen. Diese Nähe kann irritieren – schliesslich handelt es sich bei den Porträtierten mehrheitlich um Schwerverbrecher –, sie bietet aber einen ungewohnten Einblick in eine normalerweise abgeschirmte Welt. Dass die Gang mit selbstgeschriebenem Hip-Hop den Soundtrack zum Film liefert, wirkt mancherorts verherrlichend. Und stimmt traurig: Gäbe es für diese Gangster dank ihrer Kreativität und Wortgewandtheit nicht eine Alternative zum Leben in der Gewalt?
Flavia Giorgetta, Semaine de la Critique Locarno 2009