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critic.de - PARADIES - LIEBE

25.5.2012

Texte

Liebe und Geld. Ein kulturelles Missverständnis aus den Augen von Ulrich Seidl. PARADIES: LIEBE wird nie zur reinen Leidensgeschichte seiner Protagonistin und erzählt auch nicht mit gespielter Empörung von der sexuellen Ausbeutung junger Afrikaner. Ständig verschieben sich zwischen den Szenen die Machtverhältnisse und damit auch die Sympathien des Zuschauers. Kaum entwickelt man für Teresa Mitgefühl, weil sie bei ihrer ersten Begegnung mit einem einheimischen Gigolo fast vergewaltigt wird und unter Tränen das Stundenhotel verlässt, wendet man sich schon wenig später mit Abscheu wieder von ihr ab, wenn sie sich wie eine Kolonialherrin aufführt. Die Männer behandelt sie mitunter wie ein Stück Fleisch, macht sich über das Fremde lustig und führt einen verlegenen Kellner vor, der wie ein Papagei österreichische Wörter nachplappern soll, damit sie und ihre Freundin sich vor Lachen wegwerfen können („Sag amal Blunzngröstl!“). Mit Hauptdarstellerin Margarete Tiesel, die bisher vor allem im Theater und in kleinen Nebenrollen zu sehen war, hat Seidl eine Schauspielerin gefunden, die keine falsche Scham besitzt und sich den gesamten Film über buchstäblich wie im übertragenen Sinne nackt macht. (...)
Der Mangel an Innovation ändert aber nichts daran, dass PARADIES: LIEBE wieder ein großartiger Film geworden ist. Seidl arbeitet einfach anders. Er hat die für ihn angemessene Art und Weise, auf die Welt zu blicken, schon gefunden und verschiebt mit jedem neuen Film nur den Fokus. Im Prinzip praktiziert Seidl so etwas wie einen aufrichtigen Humanismus, denn seine Figuren stehen nicht unter dem Zwang, immer nett und sympathisch sein zu müssen. Menschlichkeit ist für ihn keine romantisch verklärte Idealvorstellung, sondern beinhaltet auch die scheußlichsten Seiten unseres Daseins.
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