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Closed Country

Festival del Film Locarno 1999
Berlinale 2000: Panorama

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CH 1999 82'

Regie: Kaspar Kasics
Drehbuch: Stefan Mächler, Kaspar Kasics
Kamera: Matthias Kälin
Ton: Laurent Barbey
Schnitt: Myriam Flury, Kaspar Kasics
Musik: Mich Gerber
Produktion: eXtra-Film

Kaspar Kasics 1999 82'

Erstmals stehen sie sich gegenüber: Charles Sonabend und Fritz Straub, Sabine Sonabend und die Nonne Anne-Marie. Vor über 50 Jahren war Straub für die Grenze verantwortlich, an der die Familie Sonabend aus der Schweiz in die Hände der Nazis ausgewiesen wurde. Er und die Klosterschwestern verhielten sich, wie Polizeichef Heinrich Rothmund es angeordnet hatte. Stunde der Wahrheit für Verschonte und Verfolgte, Täter und Opfer. Stunde der Überraschung dagegen für die Familie Popowski, die damals von Rothmund persönlich an der Grenze empfangen wurde. Das Schicksal der Sonabends und Popowskis ist eng miteinander verbunden. Auf eine Weise, die nicht einmal Heinrich Rothmund vorausahnen konnte.

Tödliche Obsession – Polizeichef Heinrich Rothmund

Heinrich Rothmund war Beamter „mit Leib und Seele“. Er wirkte 35 Jahre lang als Chef der eidgenössischen Fremdenpolizei. 1919 beginnt er, dynamisch und mit Begeisterung, die eben erst gegründete zentralstaatliche Organisation der Fremdenpolizei aufzubauen. „Kampf der Überfremdung!“ heisst die Parole, mit der er eine neuartige Bevölkerungspolitik einleitet. Dieses Anliegen vertritt er – unterstützt von Regierung und Parlament – selbst dann noch unerbittlich, als Nazi-Deutschland die Juden verfolgt und schliesslich in die Todeslager deportiert. Ihrer Gefährdung zum Trotz gelten ihm die Juden „im Verein mit anderen Ausländern als Überfremdungsfaktor“ und nicht als asylwürdige Flüchtlinge. Ende 1954 geht er, inzwischen vom Bundesrat fallen gelassen und von der Presse zu Unrecht als Erfinder des J-Stempels bezeichnet, in Pension.

Mit dem Unfassbaren leben – Sabine Sonabend

Sabine Sonabend lebt heute wieder in Brüssel. 1942, als die Deutschen in Belgien mit der Deportation der Juden begannen, war sie fünfzehnjährig. Damals wurde für sie und ihre Familie die freie Schweiz zur letzten Hoffnung – zumal Vater Sonabend dort Geschäftsfreunde besass. Doch die Hoffnung war vergeblich: Nach einwöchiger, lebensgefährlicher Flucht durchs besetzte Frankreich wurden die Eltern und ihre zwei Kinder von den Schweizer Behörden in die Hände ihrer Verfolger zurückgewiesen. An die damit verknüpften Erfahrungen wollte oder konnte Sabine sich jahrzehntelang nicht erinnern. Bei unserer ersten Begegnung aber wurden wir mit erschütternden Schilderungen konfrontiert. Wie sehr für Sabine die unterlassene Hilfe in der Schweiz zum Kristallisationspunkt ihrer Lebenstragödie wurde, erfahren wir aber erst bei ihrem Treffen mit Soeur Anne-Marie.

Prinzipientreu und gradlinig – Grenzwachtoffizier Fritz Straub

Fritz Straub überwachte 1942 als Sektoroffizier die Grenze im Jura, wo sich das Schicksal der Sonabends und der Popowskis entschied. Später wurde er zum Chef der gesamten schweizerischen Grenzwache befördert. Die Vergangenheit lässt ihn nicht kalt. Zwar bedauert er die von ihm kontrollierten Abweisungen heute. Aber prinzipienfest steht er zu den Befehlen, die man als Beamter eben auszuführen gehabt habe. Über die heutige internationale Kritik am Verhalten der damaligen Schweiz ärgert er sich. Und er erinnert immer wieder an die allgemeine politische Lage und die schwierige Situation der Grenzwächter. Er ist aber bereit, die Geschwister Sonabend und Popowski persönlich zu treffen, um ihnen Red und Antwort zu stehen – allein die Kluft zu den Erfahrungen der Flüchtlinge bleibt.

Auf der Suche nach Gerechtigkeit – Charles Sonabend

Sabines Bruder Charles war elfjährig, als er 1942 mit seiner Familie in der Schweiz vergeblich Schutz vor dem Naziterror suchte. 1997 reichte er eine Klage gegen die Schweizer Regierung ein und verlangte Genugtuung dafür, dass die damalige Asylpolitik an der Ermordung seiner Eltern mitverantwortlich war. Die Ausweisung seiner Familie habe gegen die Grundsätze von Menschlichkeit und Gerechtigkeit verstossen, auch wenn sie in Übereinstimmung mit damals in der Schweiz geltendem Recht erfolgt sei. Der Bundesrat und das Bundesgericht lehnten die Klage ab, sie sei verjährt und materiell nicht begründet. Den Geschwistern Sonabend wurde nur eine Parteikostenentschädigung zugesprochen, die der Höhe ihrer Klageforderung entsprach. Immerhin wurden sie von den Bundesräten Kaspar Villiger und Ruth Dreifuss zu einer versöhnlichen Audienz empfangen.

Vom Zeitgeist geprägt – Sibylle Schürch

Als Ehefrau von Oscar Schürch, dem Leiter der Flüchtlingssektion in der eidgenössischen Polizeiabteilung, war Sibylle Schürch mit der damaligen Asylpolitik vertraut. Manchmal verteidigt sie diese, dann wieder betont sie, dass sich „alle – nicht nur die oben im Bundeshaus – schuldig gemacht“ hätten. Sie weist auch immer wieder auf die inneren Konflikte hin, die ihren Mann und sie gequält hätten. Dass ihr Mann persönlich bei der Ankunft der Popowskis anwesend gewesen war und per Telefon auch der Ausweisung der Sonabends zugestimmt hatte, konnte sie nicht wissen. In der Begegnung mit den Sonabends zeigt sie sich erschüttert über das Vorgefallene, wofür sie sich spontan bei ihnen entschuldigt. Andererseits weist sie immer wieder darauf hin, dass die Abweisung der Juden auch einem „gesunden Menschenverstand“ entsprochen hätte, denn "alle hätte man ja nicht aufnehmen können". Und Illoyalität gegenüber den Behörden sei damals nicht in Frage gekommen.

Wundersame Fügung – Max und Gaston Popowski

Sonabends und Popowskis verbinden viele Gemeinsamkeiten: jüdische Herkunft, Auswanderung aus Polen, Wohnquartier St. Gilles in Brüssel, Bedrohung durch die Nazis, Flucht im August 1942, Zufluchtsziel Schweiz. Aber dann erleben sie unterschiedliche Schicksale. Erst in der Begegnung mit Grenzwachtoffizier Fritz Straub erfahren die Popowskis, den Grund ihrer wundersamen Rettung und den Zusammenhang mit der fatalen Ausweisung der Sonabends. Nach der glücklichen Aufnahme in der Schweiz verbrachte der damals zehnjährige Gaston drei Jahre in verschiedenen Basler Gastfamilien. Daran hat er gute Erinnerungen, die nur getrübt werden, wenn er an seine Trennung von der Familie zurückdenkt oder an die Entbehrungen und Krankheiten seines in Arbeitslagern internierten Vaters. Auch sein damals siebzehnjähriger Cousin Max verbrachte längere Zeit in verschiedenen Lagern, akzeptierte aber die schwierige Situation: "Hauptsache, wir waren gerettet.“

Aus einer anderen Welt – Schwester Anne-Marie

Soeur Anne-Marie verspürte schon früh den Wunsch, einmal etwas für Kinder zu tun. Dies war einer der Gründe, warum sie mit 18 ins Kloster der Ursulinen in Pruntrut eintrat, das als eines der ersten eine Mädchenschule führte. Während des Zweiten Weltkrieges beherbergten die Ursulinen (wie auch die benachbarten Schwestern von Niederbronn) Flüchtlinge aus deutschbesetzten Ländern, was ihnen von lokalen Juden schon damals hoch angerechnet wurde. Im Sommer 1942 aber, als Polizeichef Rothmund die vollständige Grenzschliessung anordnete und illegal eingereiste Flüchtlinge ausnahmslos ausweisen liess, gerieten die Klöster in eine schwierige Situation: Juden wurden bei ihnen interniert, um sie – wie die Sonabends – nach einigen Tagen wieder über die Grenze abzuschieben. Die Geschwister Sonabend sind überzeugt, bei den Ursulinen einquartiert gewesen zu sein. Ihren Schmerz und ihre Wut über die unterlassene Hilfe seitens der Schwestern hält Sabine Sonabend bei der Begegnung mit Soeur Anne-Marie, der Historikerin des Klosters, nicht zurück. Umgekehrt kann sich Anne-Marie nicht vorstellen, wie man sich als einfache Schwester den polizeilichen Anweisungen hätte entziehen können.

Lange Schatten der Rettung – Fanny Popowski

Gastons Cousine Fanny glaubte bis heute, was sie sich damals als zehnjähriges Kind zusammengereimt hatte: Sie und die vier Familien der Brüder Popowski seien nur dank Bestechung der Schweizer Beamten gerettet worden. In Wirklichkeit verdankten sie ihre Rettung der zufälligen Begegnung mit Heinrich Rothmund – einem schicksalhaften Moment, der den Sonabends, die sich bei ihren Geschäftsfreunden in Sicherheit wiegten, nicht vergönnt war. Während ihres Asyls in der Schweiz blieb Fanny das Glück aber nicht treu: Im Erziehungsheim „Gute Herberge“ bei Basel erlebte sie schwierige Jahre. In diese strenge Anstalt wurde sie eingewiesen, weil sie eines Nachts von ihrer Gastfamilie weggelaufen war. Bis heute weigert sich Fanny konsequent, über den Anlass dieser verzweifelten Flucht zu sprechen: „Ich frage mich immer, ob es meine Schuld war. Und ich schäme mich dafür.“

Plötzlich in den Schlagzeilen – Zur Entstehung des Films

Als wir 1995 anfingen, den Film über die antisemitische Flüchtlingspolitik der Schweiz im Zweiten Weltkrieg zu projektieren, stiessen wir vorwiegend auf Desinteresse. Diese Haltung änderte sich plötzlich, weil die Schweiz sozusagen über Nacht in die Kritik geraten war. Diese galt zunächst den helvetischen Banken, die über Jahrzehnte höchst unsensibel reagiert hatten, wenn man Auskunft über Konten erhalten wollte, deren Inhaber durch die Nazis umgekommen waren. Kollaboration mit Nazi-Deutschland, Bereicherung an den Vermögen der jüdischen Opfer – das Bild des humanitären, neutralen Musterlandes drohte durch die heftigen Vorwürfe zerstört zu werden. Bald wurde auch die Flüchtlingspolitik Gegenstand der internationalen Debatte. Teilweise bekamen die Auseinandersetzungen polemische Schlagseiten und die Erklärungen erschöpften sich vielfach in Schwarzweiss-Bildern ohne Erkenntnisgewinn. Diese Entwicklung bestärkte uns in unseren ursprünglichen Absichten, die in eine ganz andere Richtung zielten: Uns interessierten die Menschen, die in die Grenzschliessung von 1942 involviert waren – als Opfer oder Gerettete, als Täter oder Zuschauer. Uns interessierte ihre persönliche Geschichte, die sie alle miteinander verbindet und doch trennt. Uns interessierte, was die Vergangenheit mit ihnen gemacht hat und wie sie heute damit umgehen. Und schliesslich interessierte uns, welche Fragen ihr Verhalten und ihre Erfahrungen für die Gegenwart aufwerfen.
Kaspar Kasics und Stefan Mächler