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Bab'Aziz




Zwei einsame Gestalten in einem Meer aus Sand: Ishtar, ein lebensfrohes Mädchen, und Grossvater Bab'Aziz, ein blinder Derwisch. Ihr Ziel ist das grosse Derwisch-Treffen, das alle 30 Jahre stattfindet, dessen Ort sich aber nur jenen offenbart, die mit dem Herzen der unermesslichen Stille der Wüste zu lauschen vermögen und sich von ihr leiten lassen. Auf dem Weg durch die endlose Weite begegnen sie anderen: Osman, der sich nach den schönen Mädchen verzehrt, die er am Grunde eines Brunnens gefunden hat; Zaid, der mit seinem Gesang eine hinreissende Frau verführt und wieder verloren hat; dem Prinzen, der sein Reich aufgibt, um Derwisch zu werden. Ein uraltes Märchen, das Bab'Aziz Ishtar auf ihrer Wanderung erzählt. Der alte Mann gibt seiner Enkelin noch einen letzten Kuss, bevor er sie mit Zaid in den Strudel aus wilden Farben und betörenden Klängen schickt, durch den sich das Treffen in den Ruinen der Stadt Bam von ferne ankündigt. Für Bab'Aziz ist die Zeit gekommen, mit dem Sand zu verschmelzen.

Das Bild der arabischen Welt ist heute viel zu stark belastet durch Fanatismus und Gewalt, die ihre Wurzeln in der Intoleranz haben und im mangelnden Respekt vor der anderen Kultur. Eine Wechselwirkung wohlverstanden, die hin und her geht zwischen West und Ost und sich mit jeder Gegenbewegung verstärkt. Darunter leiden die kulturellen Beziehungen und die menschlichen, damit werden Vorurteile geprägt. Der Tunesier Nacer Khemir versucht, dem aufbauend etwas entgegenzuhalten. Der Erzähler von Geschichten aus dem arabischen Raum, der auch bei uns bekannt geworden ist und der mit dem märchenhaften Spielfilm «Le collier perdu de la colombe» einen der erfolgreichsten Filme aus dem arabischen Raum gestaltet hat, taucht ein in eine mystische Welt, die sich vom Iran bis in den Maghreb erstreckt und bis in den andalusischen Süden Spaniens, der 800 Jahre lang islamisch war. Er führt uns mit der Reise eines alten, blinden Derwischs und seiner Enkelin quer durch die unüberschaubaren Wüsten vor Augen, wie im Zentrum des Sufismus die Liebe steht, jenes Wort, für das sie arabische Sprache allein sechzig verschiedene Begriffe kennt.

Man geht bei den meisten Sufis davon aus, dass in den verschiedenen Religionen dieser Welt so etwas wie eine gemeinsame und damit grundlegende Wahrheit gefunden werden kann, was auch bedeuten würde: Dass die verschiedenen Religionen eine gemeinsame Basis haben. Vom Christentum, dem Islam und dem Judentum weiss man, dass es sich um die drei abrahamischen Religionen handelt, die denselben Urvater haben. Manche Sufis sagen, dass eben auch der Sufismus nicht eine ausschliessliche Sache des Islams sei, sondern als Mystik über den Religionen stehe und von Grundlegendem künde. Der Sufismus wiederum bildet mit seiner Lehre der Liebe das innere Lot im neusten Film von Nacer Khemir. Der grossartige Erzähler von kleinen Geschichten ist noch immer in alter Tradition unterwegs, in seinen Schilderungen schwebend leicht pendelnd zwischen dem Gewesenen und dem Erdachten. Er hat eine einzige Landschaft des Traums gezeichnet, jenseits der Geographien und Zeiten.

In BAB'AZIZ singt er uns in einem ausgesprochen musikalischen Sinn eine Ode an die Wüste und die Sehnsucht nach Liebe. Der alte Derwisch, der da mit seiner Enkelin unterwegs ist, sieht aussen nichts mehr, dafür ist sein inneres Auge scharfsichtig. Er kündet uns von den Geschichten, die in Geschichten schlummern, vom Glück, das in uns ruht und vom Weg, den wir gehen, um an jenem Punkt anzukommen, an dem wir eins werden mit unseren Träumen. Für Bab'Aziz ist dies das Einssein mit dem Sand der Wüste, seinen Tod bezeichnet er als «Hochzeit mit der Ewigkeit». Khemir erzählt uns vom Prinzen, der die Welt des Sichtbaren verliess und in die unsichtbare Welt eintauchte, indem er seine Seele innig betrachtete.

Walter Ruggle, trigon-film