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Der Wolkensammler
Jean Odermatt - San Gottardo
Iwan Schumacher
DVD-Taufe am Samstag 30. September 14Uhr in La Claustra auf dem Gotthard
Für den Künstler Jean Odermatt ist der Gotthard Quelle und Antriebskraft einer Obsession. Der Film von Iwan Schumacher macht sich diese Kraft zu Nutzen, indem er die Geschichte dieser Leidenschaft erzählt. Seit seiner frühsten Kindheit fühlt sich Odermatt auf magische Art und Weise vom Gotthard angezogen und seit über 20 Jahren setzt er sich als Künstler mit diesem territorialen Stück Heimat auseinander. Der Film zeigt Odermatt als Figur im Grenzland zwischen äusseren und inneren Landschaften, in der Sehnsucht, die Sprache der Erde und der Natur zu entschlüsseln.
Mit Walter Keller, Verleger, Walter Pfaff, Theater-Regisseur und Helmut Stalder, Autor.
Bald ein Vierteljahrhundert schon währt die Beschäftigung Jean Odermatts mit dem Gotthard. Indem Iwan Schumacher nun in «Der Wolkensammler» Fotografien aus Odermatts über 250 000 Aufnahmen des Bergs montiert, gelangt er zu einer intensiven Vergegenwärtigung dieser umfassenden gedanklichen Erfassung des «Zentralmassivs» der Schweiz.
Christoph Egger, Neue Zürcher Zeitung
Jean Odermatt, ein Sysiphus der Alpen, beschäftigt sich seit 1983 mit etwas, was ihm, wie er meint, stets wie Wolken zwischen den Fingern entgleitet, dem Gotthard. Beschäftigt sich? Nein, sagt der Mann, den Schumacher begleitet, wenn er gleich einem Felsen auf Alpwiesen liegt, die Herztöne des Massives aufzeichnen will und die Handlinien der Natur – nein, sagt Odermatt, er beschäftigt sich nicht, er wird beschäftigt... Iwan Schumacher ist der teilnehmende Beobachter, der Odermatts Obsession kommentarlos registriert. Besonders schön gelingt es ihm, die Zeitlichkeit des ephemeren Kunstwerkes einzufangen.
M.D. Neue Zürcher Zeitung
Jean Odermatt und sein Lebenskunstwerk Gotthard
Seit 1983 beobachtet der Künstler und Soziologe Jean Odermatt einen Berg, der selbst keinen Namen hat, dessen Mythos jedoch ein ganzes Territorium umfasst: das Gotthardgebirge.
Jean Odermatt: Ich habe 20 Jahre gebraucht, bis ich den Gotthard in meinem soziologischen Sinn überhaupt fassen konnte, dass er eben mit Wasser zu tun hat, dass er mit Wetter, dass er mit Verkehr, mit Energie und Sicherheit zu tun hat. Aber das sind nur äusserliche Versatzstücke hinter denen sich Geschichten verbergen, Bilder, letztlich auch Träume.
1948 in Luzern geboren, wächst Jean Odermatt, sein Vater ist Schweizer, die Mutter Italienerin, am Vierwaldstättersee auf und träumt davon als Lokomotivführer auf der Gotthardstrecke in den Süden zu fahren. Später will er Ingenieur werden, zeichnet Pläne und baut Modelle von Brücken und Strassentunnels für eine zukünftige Autobahn über den Gotthard. Während andere diese Pläne in die Wirklichkeit umsetzen, zieht er nach Zürich und studiert Kunstgeschichte und Literatur. Seinem intellektuellen und künstlerischen Naturel entsprechend drängt es ihn von der Theorie bald zur Praxis und umgekehrt: nach dem Besuch der Kunstschule F & F in Zürich und der School of Radical Theatre in London folgt ein Studium in Soziologie und Volkskunde an der Universität Zürich, das er 1977 mit einer Arbeit über „Kunst und Gesellschaft abschliesst.
Der Zufall führt Jean Odermatt 1982 zurück ins Land seiner Kinder- und Jugendträume.
J. O.: Ursprünglich waren es nicht die Berge, sondern die Wolken die mich fasziniert haben. Ich sass ja in den ersten Jahren wirklich viel da oben, ich habe eigentlich nur geschaut, überhaupt nicht fotografiert. Die Fotografie ist zu einem Hilfsmittel geworden um überhaupt gegenüber dieser Landschaft eine eigene Position zu halten. Und ich frage mich natürlich immer wieder: was mach ich da überhaupt.
Seine erste Fotoarbeit entsteht im Herbst 1983, seither verbringt Jean Odermatt Wochen und Monate auf dem Gotthard. Der Ort wird ihm zur Obsession. Einem Jäger gleich erschliesst er sich die Landschaft immer wieder von neuem: zu Fuss, auf den Skiern, mit dem Geländewagen. Das körperliche Durchmessen, das Begehen der Berge gehört zum seinem Programm und wird zum Ritual.
J. O.: Irgendwann wollte ich mal einen ganzen Winter an diesem Ort verweilen. Da ist jemand mitgekommen, Gabriela, die dann später meine Frau geworden ist. Wir haben zwei Winter auf dem Hospiz verbracht, das war und ist die verrückteste und auch schönste Zeit meines Lebens. Das war so ein paradiesischer Zustand.
Jean Odermatt ist sich bewusst, dass seine Auseinandersetzung mit dem Thema „Berg“ keine schnellen Resultate für den Kunstmarkt abwerfen wird.
J. O.: Natur ist amorph, nur Schutt und Geröll, weder nutzbar noch prädestiniert für ein gedankliches Konzept. Ein äusserliches und schnelles Bezwingen ist unter solchen Voraussetzungen undenkbar. Also übe ich mich im Stillehalten, in ein Mich-Einlassen auf dieses Territorium. Es wird zu einem Kampf, jahrelang, gegen mich selbst und gegen die Unerbittlichkeit der Zeit.
Auf immer neuen Pfaden und mit immer neuen Fragen will er das Geheimnis dieses Ortes erfahren und verstehen. Ziel, sofern überhaupt ein konkretes formuliert werden kann, ist kein sichtbares und greifbares, in sich geschlossenes Kunstwerk „über den Gotthard“, sondern ein umfassendes Erkenntnisverfahren, das Geist und Berg, Kultur und Natur zusammenführt und das Zwiegespräch oder das Schweigen erforscht und durch künstlerische Strategien und Formen darstellt und kommuniziert.
Jean Odermatt hat diese Strategien in verschiedene Teilprojekte eingebunden, in denen er viele Wege der Annäherung an diesen spezifischen Ort entwickelt. In dem als CAMERA bezeichneten Projekt beobachtet er mit fotografischen Mitteln die äussere Gestalt der Erde. An mehr als 500 Positionen im Gelände, das sich auf eine Fläche von rund 20 x 20 Kilometer erstreckt, registriert er mit seinen Kleinbildkameras zu allen Tages- und Jahreszeiten – in immer gleich bleibenden Ausschnitten – Steinformationen, Felsen, Horizonte, Gipfel und Zeichen der Zivilisation. CAMERA zeigt die Landschaft in ihrer Wandelbarkeit im Fluss der Zeit, des Wetters und des Lichts und lässt sie als lebendigen Organismus erscheinen. Bis heute umfasst das fotografische Werk von Jean Odermatt über 250'000 Fotografien.
J. O.: Ich glaube das ist das, was mich am meisten interessiert: wie verändert sich etwas, wie kann man aus einem Zustand in einen andern gehen, wie verwandelt sich Erde zu Feuer, wie verwandelt sich eine militärische Anlage in einen Kommunikationsort wie verwandelt sich ein Gebirge aus Felsmassen in ein aquarellartiges Gebilde, das ständig ein anderes Gesicht hat.
Im Gegensatz zu diesem „die Erde beobachten“, will Jean Odermatt mit einem anderen Projekt „die Erde pflügen“: LA PRIMA LINEA verbindet auf einer geraden Linie und über die Distanz von 130 Kilometern das Gotthardhospiz und den Mailänder Dom. Die lombardische Metropole ist der kulturelle und religiöse Ursprungsort des Hospizes. Jean Odermatt plant auf dieser Strecke in Abständen von einem Kilometer 129 mit Acryl umhüllte Bleiplatten zu vergraben.
J. O.: Die Prima Linea betrachte ich als eines meiner wichtigsten Projekte, weil sie einfach unbarmherzig eine Linie geht durch das Gelände und ohne nachher irgendwie sichtbar zu sein und dennoch einen Bezug schafft. Weil eben diese Platten verlegt sind, ich an diesen Orten war, ich mit diesen Orten eine Geschichte schreibe, eine imaginäre Verbindung schaffe. Es heisst im übrigen auch Prima Linea, da sind noch andere Linien. Wenn man den Zirkelschlag macht mit 128 Kilometern, dann trifft man auf Augusta Raurica auf Aventicum und auf Ardez. Zufällig jetzt A-Namen, aber Orte die eigentlich alle im gleichen Abstand zum San Gottardo sind. SZENOGRAFIEN sind ein weiters Teilprojekt. Es sind tableaux vivants, unter Einbezug von Ausdrucksformen der Sprache, des Theaters, der musikalischen Improvisation und der Lichtprojektion.
J. O.: Neben den doch einsamen Arbeiten in der Fotografie, mit Radierungen, mit Texte schreiben, habe ich Ende der 80er Jahre eine neue Ausdrucksform entwickelt. Ich habe sie scenografia genannt oder Szenografie. Das kommt aus dem Italienischen, ‚Bühnenmalerei’. Ich hab das aber verstanden als Theater in der Landschaft. Es war mir wichtig, dass möglichst viele Leute an diesen vielfältigen Äusserungen die in dieser Landschaft wahrnehmbar sind, teilnehmen können. Ich habe zuerst in den grossen Weiten auf Posmeda inszeniert und bin dann sukzessiv zurückgegangen hier in diese gefässartigen Kammern der Lucendro Staumauer. Wir haben dann sehr viel mit Licht gearbeitet, mit Musik, mit Schauspielern, mit Texten. Das ist für mich ein wunderbarer Theaterraum geworden.
Jean Odermatts zuletzt realisiertes Projekt, LA CLAUSTRA (rätoromanisch für Kloster), ist ein aussergewöhnliches Kommunikationszentrum kombiniert mit einem modernen Hotelbetrieb für 25 Gäste. Odermatt hat nach einer Umbauzeit von über vier Jahren das ehemalige Artilleriewerk San Carlo für mehrere Millionen Franken in einen skulpturalen Ort transformiert: die Gestaltung der unterirdischen Anlage schafft im Zusammenspiel mit natürlichen Elementen – Fels, Wasser, Licht und Ton – ein Ambiente, in dem die gewohnten Vorstellungen von Raum und Zeit ausser Kraft gesetzt werden.
J. O.: Ich hab in der Kindheit schon solche Höhlen gebaut. In der Schule hab ich dann vom Lehrer Schläge gekriegt, weil er erfahren hat, dass ich am Wochenende hinter einer Muttergottes Grotte zu graben begann und da meine eigene Höhle hinter dieser katholischen Welt entwickeln wollte. Und ich liess mich nie davon abhalten. Ja, jetzt sind die Höhlen halt auch grösser geworden.
Mit LA CLAUSTRA hofft Jean Odermatt ein Nervenzentrum geschaffen zu haben, ein Gehirn für den ganzen Organismus seines seit 1983 andauernden „Gotthardprojekts“. Von hier aus will er seine bestehenden Projekte weiter treiben und neue starten. Sein jüngstes Projekt ist die Verwandlung eines noch grösseren Bunkers: aus der Festung Sasso da Pigna soll der Themenpark Sasso San Gottardo werden.
J. O.: Eines der besten Bilder ist für mich, das mit dem Ritt über den Bodensee, wo man über ganz dünnes Eis geht. Das Eis trägt just genau den Moment, wo man absteht, und jedes Verweilen ist eigentlich tödlich, also man kann gar nicht anders als dauernd in Bewegung sein. Bisweilen hat man die Hoffnung irgendwo wieder an sicheres Land zu gelangen.
Über Jean Odermatt
Walter Keller, Verleger: Kennen gelernt habe ich Jean vor über 20 Jahren. Wir machten damals eine Zeitschrift, die hiess „Der Alltag“ und er war von Anfang an eine Person, die sehr schwierig zu lesen war. Und zwar nicht wie bei andern Leuten, wo du das Gefühl hast du kannst sie als Person nicht verstehen, sondern schwer zu lesen, weil er zu viele Dinge gleichzeitig im Kopf hat...Mir kommt es vor, als sei er selbst so ein bisschen – ein abgedroschenes Wort – aber bei ihm stimmt es: ein Gesamtkunstwerk. Und alles was sich dann ergibt sind nur einzelne Facetten.
Helmut Stalder, Autor: Jean Odermatt wird nicht müde mit immer neuen Fragen diesem Gebiet zu begegnen. Hier stellt er sich selbst in eine Tradition, die man wahrscheinlich am besten im Zeitalter der Romantik festmachen kann, damals kamen scharenweise Dichter, Maler, auch Philosophen hier her und setzten sich diesem Gebiet aus. Es war damals eine Art Pilgerstätte für Sinnsuchende, die diese Landschaft als eine Art Spiegel ihrer Seele wahrnahmen. Die Einöden, das Düstere, das Geheimnisvolle auch, das war alles dazu da beim Romantiker einen Gefühlstaumel auszulösen.
Walter Pfaff, Theater Regisseur: Jean ist für mich wie ein Konzeptkünstler, wie ein Bildhauer einer grossen Idee, und alles was er tut, ist aus diesem Stein, dieser Idee, Formen herauszuschlagen. Vieles ist unsichtbar bei ihm, weil die Skulptur langsam entsteht und niemand sie ganz, von allen Seiten sehen kann. Aber dahinter ist immer dieser Mensch, der mit einer unglaublichen Kraft an diesen Formen arbeitet.
Iwan Schumacher
Geboren 1947 in Luzern. Ausbildung zum Fotografen an der Kunstgewerbeschule Zürich. 1967 Teilnahme am ersten schweizerischen Filmarbeitskurs. Fotografierte für die Schweizer Illustrierte, DU und Weltwoche. 1970-72 Lehrer für Fotografie an der Bath Academy of Art, England. Seit 1972 kontinuierliche Filmtätigkeit als Kameramann, Regieassistent, Drehbuchautor und Regisseur. 1977-81 Mitglied der Nemo Film AG. 2000 Gründung der Schumacher & Frey GmbH. Lebt in Zürich.
2011 AMIET
2009 URS FISCHER , (VOD CH-D, VOD D, VOD E, VPD F)
2007 MARKUS RAETZ
2005 DER WOLKENSAMMLER
1999 TRÜMPI
1994 GASSER & GASSER
1990 MATHIAS GNÄDINGER - VIER FIGUREN & EIN PORTRAIT
1984 DER MORD DANACH - TATORT
1982 SCHLAGSCHATTEN
1981 HABSUCHT ODER HAMBURG-MADRID
1978 MAN PROBIERTS, MAN PROBIERT'S
1976 VERGLICHEN MIT FRÜHER
Videos
Internet
Preis: 28.00 CHF
An Lager
DVD5
PAL 16:9
Region 0
Sprachen: Deutsch Italiano
Untertitel: English Français
Der Wolkensammler
CH 2005 61'
Regie: Iwan Schumacher
Drehbuch: Iwan Schumacher
Kamera: René Baumann, Pierre Mennel, Iwan Schumacher
Ton: Ruedi Guyer, Pete Greub
Schnitt: Anja Bombelli
Musik: Stephan Wittwer
Produktion: Schumacher & Frey












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