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Wer keinen Pass hat, ist ein Hund

Bertold Brecht und die Schweiz

Bruno Moll

Die Geschichte der gespaltenen und schwierigen Beziehung Bertolt Brechts (1898-1956) zur Schweiz. Die hat den deutschen Dramatiker zwischen 1923 und 1956 mehrfach beherbergt und eine Reihe bedeutender Werke uraufgeführt. Von bestimmten Kreisen verehrt und willkommen geheissen, von anderen gefürchtet, als kommunistischer Agent verdächtigt und vom Staatsschutz bespitzelt. Ein Film über eine der polarisierensten Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts. Nicht die historischen Fakten stehen im Vordergrund der Filmerzählung, sondern die Stimmungslage, in denen sich Brecht in diesen Zeiten des Exils befand. Nicht das vermeintlich Korrekte, sondern das Vermutete, die Andeutung, das in den Wolken Geschriebene, das sich in der Wahrnehmung dauernd Verändernde. Ein Film auch über die Schweiz in schwierigen Zeiten.

Mit Benno Besson, Alois Bommer, Ettore Cella, Andreas Kriegenburg, Regine Lutz, Bruno Margadant, Valeria Steinmann, Halard Thor und Werner Wüthrich.

Brecht floh vor den Nazis – Bruno Moll zeigt, warum. Er lässt Adolf Hitler in Berlin 1933 zu Wort kommen. Hitler (sachlich): «Am 30. Januar sind in Deutschland die Würfel gefallen ...» – Hitler (plärrt): «...und ich glaube nicht, dass die Gegner, die damals noch gelacht haben, heute auch noch lachen.» Hitlers Machtübernahme hatte Bücherverbrennungen zur Folge. Der Film zeigt Dr. Joseph Goebbels vor Publikum: «Der kommende deutsche Mensch wird nicht nur ein Mensch des Buches, sondern auch ein Mensch des Charakters sein. Und dazu wollen wir euch erziehen. Und deshalb tut ihr gut daran um diese mitternächtliche Stunde, den Ungeist der Vergangenheit den Flammen anzuvertrauen.» Auch Werke von Bertolt Brecht wurden verbrannt. Seit 1935 ist der Künstler staatenlos, seit 1933 lebt er im Exil, seit 1941 in Kalifornien. Nach der «grössten Blutorgie der menschlichen Geschichte» will der Schriftsteller nach Westberlin einreisen, darf das aber nicht, weil das FBI ihn als «eine die innere Sicherheit gefährdende Person» einstuft.
Brecht hegte keine besonderen Sympathien zur Schweiz, trotzdem bemühte er sich um eine Einreisebewilligung. Die Behörden hatten grösste Zweifel, mit Hilfe des Zürcher Schauspielhauses, der Intervention eines Filmproduzenten und eines Gutachtens des Schriftstellervereins wird sie dennoch erteilt. Brechts Frau Helene Weigel und Tochter Barbara dürfen mit einreisen. Warum die Schweiz? Für Regisseur und Zeitzeuge Ettore Cella war Brechts Entscheid verständlich. Er war ein deutscher Dichter, er wollte, dass seine Sprache verstanden wird. Überdies war die Schweiz nach dem Krieg der einzige Ort, in dem Theaterhäuser in deutscher Sprache nicht geschlossen beziehungsweise zerbombt waren. Brechts Entscheid hing vielleicht auch mit Erinnerungen ans Tessin zusammen, die erste Station seines Exils, 1933, oder mit seinen Erinnerungen an Uraufführungen einiger seiner bedeutendsten Stücke während des Krieges. Max Frisch hierzu: «Ich erinnere mich, wie ich Brecht im November 1947 wenig Tage nach seinem Eintreffen in Europa zum ersten Mal gesehen habe, in der kleinen bücherreichen Wohnung von Kurt Hirschfeld, Dramaturg des Zürcher Schauspielhauses, das drei Brechtstücke uraufgeführt hat: 1940 ‹Mutter Courage›, 1942 ‹Der gute Mensch von Sezuan›, 1943 ‹Galileo Galilei›. Brecht sass da, wie man ihn von wenigen Fotos kannte, auf der Bank ganz in der Ecke. Grau, still, schmal, wach, etwas verkrochen. Ein Mann in der Fremde, die aber wieder seine Sprache spricht.»
In Feldmeilen lebte die Familie in armen Verhältnissen. Max Frisch bemerkt: «Brechts wirtschaftliche Lage war miserabel. Die Reise nach Europa wurde finanziert aus dem Verkauf von Haus und Möbel in Amerika. Die damaligen Einnahmen hätten kaum für einen Studenten gereicht. Zwar begannen Verhandlungen mit Peter Suhrkamp, der aber damals auch kein Kapital hatte. Vielleicht täuschte mich sein einziger Luxus – die guten Zigarren und seine Gastlichkeit. Brecht wirkte nicht mittelloser als später. Später nicht wohlhabender als damals.» 1948 wurde die «Antigone des Sophokles» im Stadttheater Chur aufgeführt. Die Schauspielerin Regine Lutz, die mit Brecht arbeitete, erinnert sich: «Ich wusste ja nicht einmal, dass sie arm waren. Ich sah, dass er sonderbar, aber immer tadellos, massgeschneidert gekleidet war. Dass seine Schuhe auch sonderbar waren, aber es waren Massschuhe. Und daraus habe ich gefolgert – es ist Geld da. Ich hätte nicht im Traum daran gedacht, dass sie in Not waren.» Brecht wird von Behörden beobachtet, von Nachbarn denunziert – zu Unrecht wird er verdächtigt, in seiner Wohnung regelmässig kommunistische Treffen zu organisieren. Die Behörden befürchteten, einen kommunistischen Agenten in die Schweiz geholt zu haben, für sie war Brecht ein «gefährlicher Ausländer.» Als er seinen Aufenthalt verlängern will, schreibt die Fremdenpolizei nach Bern: «Familie Brecht kann unseres Erachtens ohne Schwierigkeiten Aufenthalt in der früheren Heimat nehmen. Kommunisten internationaler Prägung haben nämlich in unserem Land nichts zusuchen.» Der Dichter zieht sein Fazit: «Die Schweiz war ein guter Zufluchtsort, wie ein Haus mit mehreren Türen, sie schlossen sich dann eine nach der anderen. Nun sind alle geschlossen.» Brecht geht nach Berlin Ost. Vor seiner Abreise wirbt er um Schauspieler für das Berliner Ensemble. «Das, was aus Amerika kommt, wird furchtbar. Es wird uns überschwemmen, es wird oberflächlich sein. Wenn man etwas Künstlerisches machen will, muss man es im Osten machen», waren seine Worte, so die Schauspielerin Valerie Steinmann.
tpd, Vorwärts

Bruno Moll

Geboren 1948 in Olten. Lehre als Maschinenzeichner. Ab 1972 Ausbildung zum Fotografen bei Achilles B. Weider in Zürich. Ab 1974 Arbeit als freier Fotograf, Kameraassistent und Kameramann. Seit 1978 als freier Autor und Filmemacher tätig. Realisiert seit 1984 auch Dokumentarfilme fürs Fernsehen.

2012 ALPSEGEN
2010 PIZZA BETLEHEM
2007 DIE TUNISREISE
2007 ZU FUSS NACH SANTIAGO DE COMPOSTELA
2005 ERINNERN
2005 VENEDIG SOLL SEHR SCHÖN SEIN
2004 WER KEINEN PASS HAT, IST EIN HUND - BERTOLD BRECHT UND DIE SCHWEIZ
2003 DIE TROMMELN VON HARAR
2002 TROMMELN UND TRANCE
2001 DER TUNNEL - 24 STUNDEN UNTER DEM GOTTHARDMASSIV
2000 ERICH VON DÄNIKENS TRAUM - EIN RÄTSELPARK FÜR DIE IRDISCHEN
2000 KLANKÖRPER - DER SCHWEIZER PAVILLON AN DER EXPO 2000 IN HANNOVER
1999 MIGRÄNE - INFERNO IM KOPF
1998 BRAIN CONCERT
1997 GOLF & GOLF - ZWEI MÄNNER AM BALL
1996 MÜESLILAND
1995 MEKONG
1995 DER TRAUM VON DER EIGENEN FIRMA
1995 CHAOSPILOTEN
1993 DIE BÖSEN BUBEN
1992 GENTE DI MARE
1989 FEUER FREI!
1988 DER SCHUH DES PATRIARCHEN
1987 HUNGERZEIT
1985 HAMMER
1984 ZWSICHEN HIMMEL UND HÖLLE
1982 DAS GANZE LEBEN
1980 SAMBA LENTO
1978 GOTTLIEBS HEIMAT - SKIZZEN EINER AUSWANDERUNG

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Sprachen: Deutsch
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Wer keinen Pass hat, ist ein Hund
CH 2004 57'
Regie: Bruno Moll
Drehbuch: Bruno Moll
Kamera: Fritz E. Maeder
Ton: Rolf Büttikofer
Ausstattung: Kathrin Brunner
Schnitt: Christof Schertenleib
Produktion: PS Film

Stichworte
Geschichte
Flucht
Literatur
Dokumentarfilm

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