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DVD-R Kopie
PAL 4:3
Region 0
Sprachen: Deutsch
Untertitel: -
Ursula oder das unwerte Leben
CH 1966 88'
Regie: Reni Mertens, Walter Marti
Kamera: Rolf Lyssy, Hans-Peter Roth
Ton: Georges Juon
Schnitt: Rolf Lyssy
Produktion: Teleproduction
Stichworte
Gesundheit
Behinderte
Dokumentarfilm
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Ursula oder das unwerte Leben
Reni Mertens, Walter Marti
Ein ergreifender Kinofilm über die Entwicklung der taubblinden und geistig behinderten Ursula, ergänzt mit vielen Situationen aus dem Rhythmikunterricht und aus Begegnungen mit schwerst geistig- und körperlich behinderten Kindern und Erwachsenen. Ein grosses Dokument der Menschlichkeit.
Als der Film 1966 in die Kinos kam, erregte er grosses Aufsehen, weil er nicht nur die Misstände von Behinderten-Betreuung aufzeigte, sondern auch demonstrierte, welche Entwicklungsmöglichkeiten in schwerstbehinderten Menschen angelegt sind. Ueberdies ist der Film ein historisches Dokument, weil er die Einzigartigkeit der Pädagogin Mimi Scheiblauer (1891-1968) bei ihrer Arbeit festhält und Auslöser war für eine schrittweise Verbesserung der Therapien und Behandlungsmethoden, nachdem sich die Wellen des Schocks, ja Skandals, als der Film ins Kino kam, geglättet hatten. Und: er zeigt den Mut der beiden Filmemacher, damals dieses Filmvorhaben auszuführen.
Aus einem Gespräch mit Richard Dindo
Walter Marti: Beim Filmemachen, wie wir das verstehen, sind der Kameramann und der Cutter nicht einfach Techniker, sondern Mitgestalter, Mitkünstler, Mitautoren in entscheidendem Maße.
Ich will hier sagen, welche Bedeutung Henry Brandt für uns gehabt hat. Als echter Filmautor hatte er schon in den fünfziger Jahren bedeutsame ethnographische Filme in Afrika gedreht. Dann aber ging er mit «Quand nous étions petits enfants» an schweizerische Wirklichkeit heran. Mit diesem Film reiste Brandt im Welschland von Stadt zu Stadt, von Dorf zu Dorf. Zum ersten Mal traf ein Schweizer Filmautor sein Publikum unmittelbar.
Brandt hat uns und anderen Beine gemacht. Er eröffnete den Weg zu dem, was dann der neue Schweizerfilm genannt wurde und damals hieß: nationale, wirklichkeitsbezogene Stoffe, bescheidenes Budget, direkter Kontakt mit dem Publikum.
«Cinéma vérité» lag in der Luft. In Lyon gab es ein Symposium – Rouch, Ruspoli, Leacock, Pennebaker, Brault, die Gebrüder Maisle, der Filmhistoriker Sadoul, der geniale Techniker Kudelski, auch Tanner, Goretta und ich waren dabei – wo über «cinéma direct», über Vertov, über die neuen Techniken der leichten Ausrüstung diskutiert wurde. Bei den Welschen keimte da die Idee von dem, was später «Groupe des 5» wurde.
Man hatte das Bedürfnis, die Köpfe zusammen zu stecken. Ein Treffen fand statt in Neuenburg bei Henry Brandt (Tanner, Goretta, Lagrange, Bardet, Reni und ich). Wir analysierten die Lage: um international zu sein, mussten wir nationale Filme machen; um sie machen zu können, mussten sie billig sein.
Die «Expo 64», die Landesausstellung in Lausanne, war im Anzug: ein Anlass, den Schweizerfilm zu zeigen. «Wenn wir der neue Schweizerfilm sind – sagte ich -müssen wir deklarieren, dass der alte gestorben ist.» Die Notwendigkeit einer filmfördernden Gesetzgebung war evident. Es lag an uns, sie zu erwirken. Der Filmgestalterverband, den wir da also gründeten, sollte nicht welsch, sondern schweizerisch sein. Alexander Seiler, der an «Siamo italiani» arbeitete, wurde beigezogen.
Die Politik des Verbandes wurde, wenn ich mich recht erinnere, von Tanner aktiv an die Hand genommen, der im Welschland mit Politikern redete, dann in die Filmkommission gewählt wurde, und in der deutschen Schweiz von Seiler, der das Filmzentrum auf die Beine stellte und sich überhaupt um die kulturpolitische Infrastruktur des Schweizerfilms bemühte.
Reni Mertens: Paradoxerweise haben wir von den Strukturen, die da geschaffen wurden und zu denen unsere Filme Anstoss gaben, praktisch nicht profitiert. Es entstand eine staatliche Filmförderung, die sich für Filmer, wie wir es sind, nicht eignete. Wir hatten Mühe, uns gegenüber der zunehmenden Bürokratisierung richtig zu verhalten. URSULA ODER DAS UNWERTE LEBEN entstand vor der Filmförderung (zehn Jahre Bettelei um die Finanzierung). Danach produzierten wir Lyssys ersten Spielfilm EUGEN HEISST WOHLGEBOHREN, zur Zeit, als der Bund zwar den Dokumentarfilm förderte, den Spielfilm aber noch nicht. Nachher waren wir wieder auf dokumentarischer Fährte, als der Trend zum Spielfilm führte. Immer waren wir gegen den Wind. Praktisch heißt das: von der Qualitätsprämie für URSULA bis zu HERITAGE, der zwar keinen Herstellungsbeitrag, aber hinterher eine Studienprämie bekam, das sind 14 Jahre ohne Bundesförderung. Die Kontinuität unserer Arbeit – die auch gewaltige Lücken aufweist – ist jedenfalls nicht von der eidgenössischen Filmförderung gewährleistet worden.
Walter Marti: Wir reichten in Bern gar keine Projekte mehr ein, weil wir wussten, dass sie keine Chance hatten. Bei HERITAGE dachten wir, das ist brav genug, da ist nichts Böses drin, das könnte vom Bund gefördert werden. Aber auch dieses Projekt wurde abgelehnt, übrigens auch vom Fernsehen. Der Film kam trotzdem dank Beiträgen des Aargauer Kuratoriums und der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia zustande.
Beim Schweizer Fernsehen hatten sich ebenfalls Strukturen entwickelt, die für unsere Vorstellung von Film offenbar keinen Spielraum offen ließen. Zwar wurden unsere Filme alle, bis auf einen, zum billigen Kauftarif letztlich ausgestrahlt. Das Studio Zürich zeigte URSULA sieben Jahre nach dem deutschen Fernsehen, das Studio Genf nochmals sieben Jahre später. Und erst zwei Jahre nach Diggelmanns Tod konnte das Deutschschweizer Fernsehen die Ausstrahlung der SELBSTZERSTÖRUNG DES WALTER MATTHIAS DIGGELMANN verantworten, die in Zusammenarbeit mit dem Schriftsteller entstanden war. Wir machten dem Fernsehen unzählige Vorschläge, fanden aber nie den Gesprächspartner, dem an einer Zusammenarbeit gelegen war.
Reni Mertens: Womöglich hätten wir den Kampf aufgegeben, wie andere Kollegen, hätten wir nicht das starke Erfolgserlebnis mit URSULA im Kino im Rücken gehabt. Die Begegnung mit dem Publikum, dank welcher das Tabu «Behinderung» gebrochen werden konnte, die Schlangen an den Kinokassen, die konkreten Auswirkungen, die der Film gehabt hat auf die Praxis der Invalidenfürsorge, auf die Bildung von Elternvereinen, auf die Einstellung zu behinderten Menschen überhaupt, das alles hat unseren Glauben an den Sinn von Filmarbeit gestählt.
Walter Marti: Kein Kinoverleiher wollte URSULA verleihen, so bekamen wir die Ausnahmebewilligung, ihn selber zu verleihen, mit der Begründung, dass der Film keine Einnahmen versprach.
In der ersten Phase der Auswertung lief «Ursula» in der deutschen Schweiz in 116 Kinos. Der Erfolg wurde zur Legende. Ich konnte mit jedem Kino, dem URSULA Geld eingebracht hatte, Vorverträge abschließen für das nächste Vorhaben: Lyssys Spielfilm EUGEN HEISST WOHLGEBOREN. Mit diesen Vorverträgen und einer Kaution bekamen wir Bankkredit. Damit und mit den Verleiheinnahmen von URSULA wurde der neue Film finanziert. Aber wir bekamen diesmal nicht das Recht, den Film selber zu verleihen.
Der uns aufgezwungene Verleiher bekam die Kinoverträge gratis. Er investierte keinen Rappen, auch in die Werbung nicht. Als der Film dann schlecht lief, begnügte er sich damit, anstelle von EUGEN den Kinos Pornofilme aus seiner Staffel zu liefern.
Reni Mertens: Unser Zorn war so groß, dass wir den einzigen Prozess unseres Lebens vom Stapel rissen. Ohne Anwalt bis vor das Bundesgericht, gegen den Verleiherverband. Das Gericht sprach uns schließlich das Recht zu, als Schweizer Filmer in unserem Land auch Verleiher zu sein ... Nur hatten wir keine Kinofilme mehr und keine Aussicht, weitere zu machen. Mit den Schulden von EUGEN lagen wir fünf Jahre lang einfach brach.
Reni Mertens
Reni Mertens, geboren 8. April 1918, gestorben 26. September 2000 in Zürich. Dr. phil. I (mit «L'Antirealismo di Gabriele d'Annunzio»). Italienische Übersetzung der theoretischen Schriften von Bertolt Brecht.
1993 REQUIEM
1988 POUR ECRIRE UN MOT
1985 FLAMENCO VIVO - L'ECOLE DU FLAMENCO
1980 HERITAGE
1977 A PROPOS DES APPRENTIS
1974 GEBET FÜR DIE LINKE
1973 DIE SELBSTZERSTÖRUNG DES WALTER MATTHIAS DIGGELMANN
1966 URSULA ODER DAS UNWERTE LEBEN
1962 KRIPPENSPIEL(2)
1962 UNSERE KLEINSTEN
1961 IM SCHATTEN DES WOHLSTANDES
1958 PARFUM DE PARIS
1958 JOUR DE PECHE
1956 RHYTHMIK
1953 KRIPPENSPIEL
Walter Marti
Walter Marti, geboren 10. Juli 1923, gestorben 21. Dezember 1999 in Zürich. Theater, Journalismus, Radio, Filmemacher, kurze Zeit Leiter der Filmabteilung beim Schweizer Fernsehen, Lehrbeauftragter der Universität Zürich
1993 REQUIEM
1988 POUR ECRIRE UN MOT
1985 FLAMENCO VIVO - L'ECOLE DU FLAMENCO
1980 HERITAGE
1977 A PROPOS DES APPRENTIS
1974 GEBET FÜR DIE LINKE
1973 DIE SELBSTZERSTÖRUNG DES WALTER MATTHIAS DIGGELMANN
1966 URSULA ODER DAS UNWERTE LEBEN
1962 KRIPPENSPIEL(2)
1962 UNSERE KLEINSTEN
1961 IM SCHATTEN DES WOHLSTANDES
1958 PARFUM DE PARIS
1958 JOUR DE PECHE
1956 RHYTHMIK
1953 KRIPPENSPIEL
News
- URSULA ODER DAS UNWERTE LEBEN wieder im Kino 2012-01-12
- URSULA ODER DAS UNWERTE LEBEN von Reni Mertens und Walter Marti 2007-06-27
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