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Unter einer anderen Sonne geboren

Susanne Hausammann, Jens-Peter Rövekamp

Warda Blèser-Bircher: Geologin, Paläontologin, Botanikerin, Künstlerin. Das Frau Sein in einer Zeit vor der Emanzipation. Stark, neugierig, offen für die Welt studierte Warda ab 1927 an der Uni Zürich Botanik und dann Geologie. 1905 in Kairo geboren und aufgewachsen verband sie mit ihrem Vater die grosse Liebe zur Botanik.

Arbeiten im damaligen Persien und in Ankara – als Frau alleine auf Reisen in fremde Länder, das macht sie zur Pionierin. Briefe waren die einzig mögliche Verbindung zu ihren Eltern und Freunden. Reisen mit Schiff, Esel und Bussen, anstrengend und gefährlich - Angst kannte Warda nicht.

Eine grossartige Frau, die die rasende Entwicklung der Technik miterlebte und mit 100 Jahren begann am Computer Briefe zu schreiben und Emails zu verschicken.

Warda Blèser-Bircher, die ausdauernde Pionierin

Warda wurde 1905 in Kairo im Viktoria Krankenhaus geboren. Sie blieb das einzige Kind von Iduna und Alfred Bircher. Der Vater Alfred war in Kairo geboren worden, als Sohn eines ausgewanderten Schweizers und einer Spanierin. Alfred wurde von seinem Vater Andre Bircher, für die Zeit seiner Ausbildung zurück in die Schweiz geschickt. Dort lernte er Iduna Hunziker kennen und heiratete sie. Andre Bircher war um 1850 nach Kairo ausgewandert und hatte innert weniger Jahre ein ansehnliches Vermögen verdient mit seinem Import-Export Geschäft. Zu dem erworbenen Vermögen gehörte eine Fabrik für Gips und Ziegelsteine. Die Mutter Iduna litt ihr Leben lang unter dem heissen Klima Ägyptens und fuhr für Ferienaufenthalte immer wieder zurück in die Heimat, in den Aargau.

Warda ging bis 1919 in Kairo zur Schule, in der Klosterschule „Ecole des Soeur“. Die Zeit fand sie schrecklich, da bei den Schwestern nur auswendig gelernt werden musste, den Inhalt wirklich zu verstehen zu lernen war nicht gefragt. Wenn es Fleisch zu essen gab, dann war es immer wie eine Ledersohle, zäh und ungeniessbar und so beschloss Warda sich fortan nur noch vegetarisch zu ernähren. Das Gymnasium durfte sie dann in Lausanne machen und schloss mit der Maturität ab. Sie kehrte nach Kairo zurück, lernte arabisch und nahm Kurse in Zeichnen und Malerei. Sie ging als Kindermädchen nach England und später in die Toskana, um ihre Sprachkenntnisse zu festigen.

1927 begann sie ihre Studien in Zürich, erst Botanik, dann Geologie und Paläontologie. Sie schloss als 2. Frau in Zürich mit dem Doktortitel in Geologie ab. Auf Grund ihrer Ausbildung arbeitete sie als Geologin und Paläontologin in der Türkei, in Iran und in Ägypten für die Shell Corporation.

Während ihrer freien Zeit aquarellierte sie zeit Lebens, lernte jeweils die Sprache des Landes und schrieb viel. Unendlich viele Briefe zeugen davon. Den Brief mit den wahrscheinlich grössten Auswirkungen schrieb sie im Januar 1946 an Paul Blèser. Als Studenten hatten sie sich kennen gelernt und viel Zeit miteinander verbracht. Auf geologischen Exkursionen während des Studiums und auch in der Freizeit. Auch eine gemeinsame Reise nach Ägypten machten sie, wo Paul Warda’s Eltern kennen lernte. Nach dem Studienabschluss arbeitete Warda eine Zeit lang in London und Brüssel, wo sie Material für das Buch ihres Vaters zusammen suchte. Paul reiste 1937 für Shell nach Kolumbien und Warda reiste mit ihrem Vater durch Afrika auf den Spuren der tropischen Pflanzen. Der 2. Weltkrieg brachte es mit sich, dass sie von Paul während 8 Jahren nichts mehr hörte. Sie arbeitete in Ankara, dann in Persien. Ihre Anstellung in Persien gab sie, obwohl es ihr ausserordentlich gut gefiel, 1943 auf, aus Angst um ihre Eltern. Die Erinnerung an Persien lässt ihre Augen heute noch glänzen. Aber Rommel näherte sich Ägypten und Alfred Bircher hatte alles andere als ein arisches Aussehen.

Nach dem Krieg suchte Warda ihren Paul auf verschiedenen Wegen, um ihm dann im Januar 46 ein weiteres Mal zu schreiben, über das rote Kreuz - mit Erfolg! Sie trafen sich im Februar 46 im zerstörten Holland und im Oktober heirateten sie in Orselina in der Kirche Madonna del Sasso.

Paul war auch Geologe und arbeitete für Shell. Als verheiratete Frau war es für Warda klar, dass sie mit ihrem Mann mitreiste, wohin die Arbeit, bzw. die Shell Company sie auch schickten. Erst Neuguinea, dann Indonesien (Java), Ägypten, Nigeria, Kanada und Kambodscha. Überall herrschten Probleme mit Ernährung, Krankheiten und schlechten Unterkünften. Der heutige moderne Mensch kann sich gar nicht mehr vorstellen, was diese Menschen geleistet haben. Aber Warda gefiel dieses Leben.

Warda durfte selten arbeiten, da sie sonst einem Ernährer die Arbeit wegnehmen würde. 1947 hatte sie eine Fehlgeburt. Das Ehepaar blieb kinderlos. Sie schrieb und malte, lernte weiter Sprachen und zeichnete viel und gerne. Und sie arbeitete weiter am Werk ihres 1958 verstorbenen Vaters, „Gardens of the Hesperides“. 1960 erschien das, vom Vater begonnene, Werk über den Garten und die Pflanzen in El Saff, Ägypten.

1961 wurde Paul Blèser pensioniert, damit endete das nomadische Eheleben, sie übernahmen zusammen die Verantwortung für den botanischen Garten des Vaters in El Saff.

Was das Ehepaar an Nomadentum beibehielt, war der Wechsel des Wohnortes im Verlauf der Jahreszeiten. Im Sommer die Flucht vor der Hitze Ägyptens nach Orselina und die Wintermonate verbrachten sie in El Saff.

1963 wurde der Garten vom Staat Ägypten enteignet, Warda prozessierte gegen den ägyptischen Staat und gewann den Prozess ein Jahr später. Sie war eine der wenigen, denen es gelang die Enteignung rückgängig zu machen.

Ruhige Jahre für das Ehepaar Blèser in El Saff und Orselina, Arbeit im Garten und frönen ihrer gemeinsame Passion, der Malerei.

Einzelne Ausstellungen ihrer Werke.

Warda veröffentlichte 1990 und 1995 zwei Bücher über die Dattelpalme. „The Date Palm – a Boon for Mankind“ und „The date palm – a friend and companion of man”

1990 beschlossen Paul und Warda den Garten in El Saff altershalber zu verkaufen. Beide waren inzwischen 85 Jahre alt. Zu ihrer Unzufriedenheit fanden sie keinen Käufer, der das Werk weiter führen wollte, sondern nur einen Chirurgen, der sich im Garten am Wochenende erholen möchte.

Warda bereut heute noch den Garten verkauft zu haben, obwohl sie auch immer wieder einsieht, dass es richtig war.

1991 starb Paul Blèser im Alter von 86 Jahren in Orselina. Warda führte das Wechseln der Wohnorte weiter und veröffentlichte im 2000, im Alter von 95 Jahren das 2. grosse Werk über die Pflanzen des Gartens in El Saff. „Encyclopedia of fruit trees and edible flowering plants“.

Im Oktober 2005 reiste die, inzwischen 100jährige, in Begleitung der Betreuerin Elsa und einer langjährigen Freundin Connie nach Maadi, um ihren ägyptischen Haushalt aufzulösen.

Eine Menge Briefe, Bücher, Bilder, Fotos, Tagebücher, Koffer und Möbel hatten sich hier angesammelt. Ein Fundus von Stücken des Grossvaters bis hin zu Erinnerungen an Paul und Warda.

Das Archiv für Zeitgeschichte der ETH Zürich war schon im Jahr 2002 kontaktiert worden und hatte sich entschieden den Bestand der Familie Bircher zu archivieren. In Kairo und Orselina wurden damals schon geschichtlich wertvolle Dokumente gesichtet und schon zu Lebzeiten von Warda Bleser-Bircher wurde ein Teil des Nachlasses im Archiv aufgenommen, um ihn so der Nachwelt zu erhalten. Der Container mit all ihren Habseligkeiten aus der Haushaltsauflösung 2005 aus Ägypten ist unterwegs nach Orselina. Leider ist er bisher nicht angekommen, gilt als verschollen.

Die Antwort auf die Frage, ob Warda dennoch nach Kairo, nach Maadi zurückkehren wird bleibt offen. Sie verbrachte 2005/06 den ersten Winter seit Jahrzehnten in der Schweiz.

Jens-Peter Rövekamp

Geboren 1959 in München, Deutschland. Autodidakt als Fotograf, Tonmann und Kameramann.

2009 NICHT STILL STEHEN
2007 UNTER EINER ANDEREN SONNE GEBOREN
2004 HEIMAT LEBENSLÄNGLICH
2003 MARK GNANT - GEMÜSEBAUER
2003 GIPSER - EIN ALTES HANDWERK
2003 KUNSTSCHULE WETZIKON
2002 EIN TAG IM LEBEN VON MULDAIN
2001 ECHTZEIT

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 Unter einer anderen Sonne geboren

Preis: 36.00 CHF
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Sprachen: Schweizerdeutsch Deutsch
Untertitel: Deutsch English Français

Unter einer anderen Sonne geboren
CH 2007 58'
Regie: Susanne Hausammann, Jens-Peter Rövekamp
Drehbuch: Susanne Hausammann
Kamera: Jens-Peter Rövekamp
Ton: Werner Casty
Schnitt: Anja Bombelli
Musik: Stefan Baumann
Produktion: rövekamptonfilm

Stichworte
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