artfilm.ch
Preis: 35.00 CHF
An Lager
DVD-R Kopie
PAL 16:9
Region 2
Sprachen: Deutsch Franrçais
Untertitel: English
Swiss sans papiers
CH 2006 50'
Regie: Andreas Hoessli
Drehbuch: Andreas Hoessli
Kamera: Matthias Kälin, Séverine Barde, Milivoj Ivkovich, Andrej Bezymenski
Schnitt: Andreas Hoessli, Loredana Cristelli
Musik: Toni Huser
Produktion: Espaces Film, Isabella Huser
Swiss sans papiers
Andreas Hoessli
90’000 Menschen ohne Aufenthaltsbewilligung leben und arbeiten laut einer Studie des Bundesamts für Migration in der Schweiz. Andreas Hoessli hat eine Reise in diesen seltsamen «Untergrund» unternommen. In der Deutschschweiz will es niemand riskieren, offen vor der Kamera zu sprechen. In der französischen Schweiz ist die Stimmung toleranter, Sans Papiers sprechen zum ersten Mal über ihr Leben als «Illegale», über die Gründe, warum sie in die Schweiz gekommen sind – und über ihre Versuche, ihre Situation zu legalisieren.
"Die Bezeichnung ist missverständlich und bagatellisiert die Rechtssituation: Sans Papiers haben in der Regel durchaus Identitätspapiere (anders als viele Asylsuchende), aber keine Aufenthalts- und Arbeitsbewilligung. Über das Ausmass dieses Teils der illegalen Immigration und der Schattenwirtschaft lässt sich spekulieren; eine in offiziellem Auftrag erstellte Studie ergab aufgrund von Schätzungen für die Schweiz eine Zahl von 80 000 bis 100 000 Personen. In Andreas Hoesslis Film SWISS SANS PAPIERS erscheinen «clandestins» nun als Menschen mit Gesicht und Namen, mit Familie, mit fester Arbeit, mit Zielen und natürlich mit Sorgen."
C.W., Neue Zürcher Zeitung
Auszug aus dem Exposé
An einem frühen Morgen im Sommer 2004 wird Delia Flores auf dem Arbeitsweg von Polizisten angehalten. Sie hat keine Ausweispapiere. Sie lebe in Italien, wo sie auch Ihre Papiere aufbewahre, sagt sie, sie sei in den falschen Zug eingestiegen und so in die Schweiz gekommen. Die Polizei verhaftet Delia Flores wegen illegalen Aufenthaltes in der Schweiz. Bei der Einvernahme sagt Delia Flores, sie sei geschieden, habe keine Kinder, ihr Heimatstaat sei Bolivien. Das Migrationsamt beantragt Ausschaffungshaft und direkte Ausschaffung nach Bolivien. Bis Delia Flores in der Haft zusammenbricht, sich für die bisherigen falschen Aussagen entschuldigt und folgendes zu Protokoll gibt: Ich bin seit 15 Jahren in der Schweiz, habe von Anfang an als Babysitterin und Putzfrau gearbeitet. Ich habe in der Schweiz meinen Mann Celso Quispe kennengelernt und geheiratet. Wir haben drei Kinder, die Töchter gehen in die Primarschule, der jüngste ist zuhause. Die Polizei meldet die neuen Aussagen dem Migrationsamt, das den Antrag auf Ausschaffungshaft zurückzieht. Delia Flores bleibt noch zwei Tage in Haft, wird dann freigelassen; mit Hilfe von Freunden und einer Anwältin beantragt sie eine Aufenthaltsbewilligung aus humanitären Gründen für sich, ihren Mann und ihre Kinder. Der Antrag wird abgelehnt, das Migrationsamt verfügt die Ausreise der Familie Quispe bis spätestens Ende November 2004. Arbeitgeber, Lehrerinnen, eine Sozialarbeiterin beginnen sich für die Familie Flores-Quispe einzusetzen. Jetzige und frühere Arbeitgeber denunzieren sich selbst bei der Polizei, eine «Illegale» beschäftigt zu haben, werden gebüsst. Ein Rekurs wird eingereicht, eine Antwort steht bis jetzt noch aus. Das Fernsehen DRS berichtet: Eine Bolivianerin ist seit 15 Jahren in der Schweiz, die Polizei merkt nichts, ihre Kinder gehen in die Primarschule, die Behörden merken nichts, wie ist das möglich?
Delia Flores Quispe und ihre Familie ist kein Ausnahmefall. Wissenschaftliche Studien schätzen die Zahl der Sans Papiers in der Schweiz auf 200'000 bis 300'000. In Städten mit grossen Agglomerationen wie Basel, Genf oder Zürich leben und arbeiten einige Zehntausend Menschen ohne Aufenthaltsbewilligung. Viele von ihnen sind seit fünf, zehn, fünfzehn Jahren in der Schweiz. Mit ihrem bolivianischen, equatorianischen, brasilianischen oder peruanischen Pass sind sie ganz legal in die Schweiz eingereist. Und viele haben sich wie Delia Flores von ihren Heimatländern aus eine Stelle in der Schweiz gesichert – bevor sie noch ins Flugzeug stiegen. Wie Untersuchungen über Sans Papiers zeigen, sind es oft «modernistische» Motivationen, die hinter den Reisebewegungen der Sans Papiers (nicht nur in die Schweiz) stehen. Delia Flores sagte mir, sie hätte ihr Leben nicht so verbringen wollen wie ihre sieben Brüder und Schwestern: Mit 15, 16, spätestens 17 sind sie alle schon Mütter und Väter, die Mütter bleiben zuhause; der Vater betrinkt sich, schlägt seine Frau; mit 30 sind sie alt, die Familie arm, die Kinder müssen arbeiten, leben auf der Strasse.
Die Kinder von Sans Papiers in der Schweiz gehen zur Schule, dazu haben sie das gesetzlich verankerte Recht. Das gilt seit den letzten Jahren des Saisonnier-Statutes, als viele Frauen mit den Kindern ihren Männern in die Schweiz nachfolgten und das Elend der «versteckten Kinder» publik wurde. Das Schicksal der Kinder von Sans-Papiers ist trotzdem bis heute tabuisiert. Das hat viele Gründe: Die Eltern wollen nicht, dass die Kinder in der Schule von zuhause erzählen, davon, womit ihre Eltern ihr Leben verdienen; die Kinder dürfen keine Freunde nach Hause bringen – niemand soll wissen, wo sie leben, denn sonst weiss es bald die Polizei.
Nach der Freilassung von Delia Flores aus der Polizeihaft meldete sich eine Häuserbesitzerin, sie bot der Familie eine schöne Wohnung zu herabgesetztem Preis an. Eine schöne Wohnung zu haben, das war eine Premiere, vor allem für die Kinder. Ein Schild an der Wohnungstüre mit dem wirklichen Namen war bis dahin absolut unvorstellbar gewesen. Die älteste Tochter von Delia Flores fragt immer wieder, ob dieses Namensschild bleiben wird.
Dass das Schicksal der Kinder von Sans-Papiers bis heute tabuisiert wird, liegt vor allem an der öffentlichen «Stimmungslage» in der Schweiz: Die Lehrer und Lehrerinnen, die Schulbehörden, die Sozialarbeiter bis hin zu den freiwilligen Helfern wollen vermeiden, dass in der Oeffentlichkeit bekannt wird, wieviele Kinder von Sans Papiers in den einzelnen Schulen sind. Was wäre die Folge, wenn bekannt würde, dass im Schulhaus XY in Zürich 23 Kinder von Sans Papiers zur Schule gehen?
Wenn man morgens um neun in Genf einen Pendlerzug Richtung Lausanne besteigt, wird man an jeder Station Frauen aus Equador, Bolivien oder Kolumbien, manche auch aus dem Kosova oder der Elfenbeinküste aussteigen sehen, sie sind unterwegs zu den Wohnungen und Villen von Schweizern, um dort zu putzen; irgendwann später wird man sie wieder am Bahnhof sehen, auf den Zug wartend. Man weiss, dass es «Sans Papiers» sind, die ihrer normalen Arbeit nachgehen. Das heisst, man «weiss» es, wenn man zur Kenntnis nimmt, dass es zur «normalen Schweiz» gehört, dass Menschen ohne Aufenthaltsbewilligung einen wichtigen Sektor des Wirtschaftslebens in diesem Land ausmachen.
Darüber möchte ich einen Film realisieren – in Form einer Reise durch die unbekannten Gefilde der «anderen Welt», eine Reise in einen öffentlichen Untergrund, der in der Schweiz wie in jedem anderen industrialisierten Land zur Normalität geworden ist; eine Normalität, die jedoch wie der Ausdruck eines kriminellen Untergrundes behandelt wird.
Andreas Hoessli
Studium der Soziologie, Wirtschafts- und Sozialgeschichte in Zürich und Paris. Post Graduate Studium in Warschau. Dr. Phil. I. Osteuropa-Korrespondent für Schweizer Zeitungen. Auslandredaktor Rundschau des Schweizer Fernsehens. Seit 1987 Reportagen und Dokumentarfilme für Fernsehen und Kino.
2006 SWISS SANS PAPIERS
2004 WALL STREET - A WONDERING TRIP
2002 EPOCA (English Version)
1997 NACHRICHTEN AUS DEM UNTERGRUND
1995 DEVILS DON'T DREAM (Version française) (English version)
1990 DIE LETZTE JAGD
1987 VERWISCHTE SPUREN
News
- SWISS SANS PAPIERS von Andreas Hoessli 2009-03-04
Internet





Bestellen