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Snow White

Samir

Schweizer Filmpreis 2006: Beste Hauptrolle Carlos Leal

Die 20jährige Nico (Julie Fournier) ist ein Partygirl aus Zürich. Aus reichem Haus von der Zürcher Goldküste lebt sie seit Schulabschluss in den Tag hinein und beschäftigt sich mit nichts anderem als sich selbst.

Die Beziehung zu ihren Eltern ist praktisch inexistent. Der Vater eifert seinem Beruf und dem Geld als Banker nach und ist selten zu Hause. Die Mutter lebt alleine und hat schon Mühe, ihr eigenes Leben in den Griff zu bekommen. Sie ist derart manisch depressiv, dass sie manchmal nicht mehr mal ihre eigene Tochter wiedererkennt.

Auch Nico hat Mühe, alleine zu sein und vertreibt die Zeit in ihrer Lieblingsdiskothek mit ihrer besten Freundin Wanda (Zoé Miku). Um ihre Eskapaden überhaupt zu finanzieren, hat Nico eine Affäre mit dem Clubbesitzer Boris (Stefan Gubser) und wird von ihm abhängig. Die Vorzeichen für Wanda könnten nicht gegensätzlicher sein. Aus der Arbeitervorstadt Schwamendingen stammend, ist sie wild entschlossen, mit ihrer jugendlichen Schönheit viel Geld zu verdienen.

Nico ist intelligent genug, um das oberflächliche Leben zu durchschauen, aber zu unentschlossen und unsicher, etwas Produktives aus ihrem Leben zu machen. Coolness und Ironie am Äusseren, Angst und Ungewissheit im Innern. Um sich abzulenken und der zunehmenden inneren Leere entgegenzutreten, hat sie begonnen Theater zu spielen. Sie verkörpert die Königin der Amazonen in einem klassischen altgriechischen Stück - ein Traum für das wahre Leben.

Eines Abends in Boris' Club trifft sie Paco (Carlos Leal, Sens Unik), den Sänger der Genfer Hip Hop Band «Menace Evasion». Paco, aus einer spanischen Migranten-Familie, hadert mit seinem Erfolg: Seine Lieder werden in Supermärkten gespielt, aber die kämpferischen Texte will niemand verstehen. Während des Konzertes kommt es zum Eklat mit den Besuchern und Boris. Zuletzt zerstreitet er sich sogar mit seinen eigenen Bandmitgliedern. Fasziniert von Pacos Lust an der Provokation spricht Nico ihn Backstage an. Doch erst am andern Morgen, als Nico zum Videodreh erscheint, beginnen die beiden sich näher zu kommen und verlieben sich ineinander.

Nico ist beeindruckt von Paco. Ein «Rebell», der Worte wie «Message» in den Mund nimmt, ohne es ironisch zu meinen, der nie aufgibt und sich im Leben hoch gekämpft hat. Auch Paco, fasziniert von Nicos sorgloser und spontaner Art, will sein Leben ändern und nur noch die Dinge tun, die er auch besingt. Doch vorerst will er mit seiner Band auf Tournee gehen und muss Nico alleine lassen.

Nico beginnt mit ungeheurer Energie, Pacos «Rebellion» in ihre eigene Welt zu übertragen - mit selbstzerstörerischen Folgen.

«Glamour und Engagement treffen sich indiesem aufrüttelnden Drama um ein reiches armes Mädchen - mit viel Sinn für Bilder und mit manchen Anleihen bei Larry Clark und Mike Figgis bringt Samir seine bürgerlichen Milieus zur Implosion. Auch Zürich kann sehr kalt sein.»
Frankfurter Allgemeine

Dem vorhersehbaren Prozess des Sich-Findens eines gegensätzlichen Liebespaares, das sich dann dramatisch verliert, um sich am Ende wiederzufinden, steht ein brillantes, audiovisuelles Feuerwerk entgegen. Sämtliche Filmformate und Darstellungsstile, vom Video über das körnige Super 16 bis zum 35 mm, werden je nach Erzählebene aufgeboten. Exemplarisch hierfür steht vielleicht eine der stärksten Szenen des Films – im Stil der Dogma-Regisseure –, in der Nico dem Geliebten ihre wahre Herkunft offenbart. Snow White ist geprägt von einer Clip-Ästhetik; was die Musik auf der Tonspur leistet, manifestiert sich im rasanten Puls der Montage. Diese spielt überhaupt eine tragende Rolle in Snow White. Vielleicht drückt sich damit nicht zuletzt die Meinung des Regisseurs aus, die Musik stehe in einem engeren Bezug zum Film als die Literatur oder das Theater. Trotz realistischer Konzeption der Geschichte vermag das Einsetzen von Effekten, wie etwa der Zeitlupe, märchenartige Liebesszenen in einen entrückten Zustand der Unschuld zu zaubern. Samir erweist sich auch in dieser Produktion als herausragender audiovisueller Experimentierer.
Simona Fischer, CINEMA

Zürcher Schneewittchen

Andreas Maurer, NZZ

SNOW WHITE, das Märchen um eine Partyprinzessin von der Zürcher Goldküste (Julie Fournier), die sich in einen Rap-Rebellen (Carlos Leal) verliebt, müsste man als Schnee von Vorgestern abtun, wenn der Autor-Regisseur Samir es nicht so brillant verstünde, Klischees ironisch umzuformen: die Langstrasse, Sugar Daddy Boris, der In-Club Casanova, in dessen Toiletten die «Chicks» sich ungestört das Näschen pudern - mit Kokain.

Auf die Techniken seiner Videoexperimente zurückgreifend, orchestriert Samir in der ersten Hälfte seines Spielfilmdébuts verschiedenen Filmmaterialien, Formate, Farbpaletten und die Musik zu einem audiovisuellen Hip-Hop, um den Rausch von «Sex, Exzess und American-Express» zu versinnlichen: «Darren Aronofsky meets Wong Kar-wai in Chreis Cheib.»

Dann die Ernüchterung, auch des Stils. Kaum ein anderer Schweizer Filmemacher besitzt ein solches Gefühl für das Medium, den Rhythmus, das Licht, von monochrom bis goldschimmernd - ungeachtet einiger Missklänge (Fourniers Synchronstimme etwa) vor dem letztlich überstürzten Happy End, bei dem Schneewittchen aus dem Glashaus in die Arme ihres Prinzen fällt. Die Moral von der Geschicht: Wer antiquiertes Kunstgewerbe à la «Don't Come Knocking» goutiert, dem dürfte «Snow White» sauer aufstossen. Hoffentlich nicht der Jury...

Jugendliche Rebellen

Samir über seinen Film

Nach meinem jüngsten Dokumentarfilm FORGET BAGHDAD reagierten einige Leute irritiert, als sie vom Spielfilmprojekt SNOW WHITE hörten. So in etwa: Was hat ein älterer Filmemacher irakischer Herkunft mit einer melodramatischen Liebesgeschichte in der Zürcher Club-Szene am Hut?

Geprägt wurde meine Jugendzeit in der Schweiz durch die 70er Jahre, welche sich durch exzessive Teilnahme an Partys und Popkonzerten auszeichnete, wo natürlich Drogen konsumiert wurden und auch die Sexualität in all ihren Varianten ausprobiert wurde.

Sehr wahrscheinlich unterschied sich mein Leben nicht gross von dem meiner Hauptdarsteller im Film, welches aber in der Gegenwart spielt. Der einzige Unterschied zwischen damals und heute: Wir verstanden uns, bedingt durch eine rigide und jugendfeindliche Gesellschaft, als «Rebellen» gegen das System, während heute Popmusik, Drogen und Sexualität die hedonistische Speerspitze einer zynischen Konsumgesellschaft bilden.

Natürlich kam ich nicht wie Nico im Film aus «gutem Hause», aber der Migrantensohn Paco aus der Arbeitervorstadt entspricht gewissermassen meinem «Alter Ego». Auch wenn es damals noch keinen Hip Hop gab, ich hörte schwarze Musik, vertrat linksradikale Ansichten und erschreckte meine Mittelklasse-Freundinnen mit geballten Polit-Tiraden.

Aber ähnlich wie Paco im Film konnte ich mit meinen theoretischen Erkenntnissen zur Weltlage niemandem helfen, der Probleme mit der Realität bekam und nicht selten dabei abstürzte. Es dauerte noch ein paar Jahre, bis ich kapierte, dass auch reiche Leute leiden können und dass die Lösung der sozialen Frage noch keine Antwort auf den Sinn des Lebens bereitstellt.

Vor diesem Hintergrund und nach eingehenden Recherchen in der Zürcher Clubszene entstand dann vor vier Jahren ein Expose mit allen wichtigen Filmcharakteren (Nico, Paco, Wanda und Boris). Und aufgrund meiner persönlichen Erfahrungen konnte ich viele Szenen, Persönlichkeiten und kleine Nebengeschichten in SNOW WHITE auf authentischen Begebenheiten basieren lassen.

Als Filmemacher interessierten mich schon in meinen ersten Filmen grosse Emotionen in schwierigen Liebesgeschichten, welche sich an der Realität reiben. Bedingt durch meine arabische Kindheit, die von indischen und ägyptischen Melodramen geprägt wurde, war für mich zwar klar, dass SNOW WHITE im Hier und Jetzt spielen, aber neben einem fast dokumentarischen Realismus auch überhöhte und märchenhafte Momente in sich tragen sollte.

Samir

Geboren 1955 in Baghdad, Irak, zog er als Kind anfang der 60er Jahre mit seinen Eltern in die Schweiz. Anfang der 70er Jahre besuchte er die Schule für Gestaltung in Zürich und machte danach eine Lehre als Typograph.

Nach einer Ausbildung zum Kameramann in einer grossen schweizerischen Filmproduktion, begann er Mitte der 1980er Jahre seine eigenen Filme zu realisieren, welche an diversen Festivals durch ihren innovativen Charakter Aufsehen erregten und ihm diverse Preise bescherten. Seine Werkliste umfasst inzwischen über 35 Kurz- und Langspielfilme für Kino und Fernsehen.

In den 1990er Jahren arbeitete er für diverse deutsche Sender (ZDF, ARD, SAT 1, PRO 7 u.a.) als Regisseur von Serien und Fernsehfilmen. An der Expo 02 fand auch der Pavillon «Swiss Love» grossen Anklang, wofür Samir die Idee und Konzeption entwickelte.

Mit dem Dokumentarfilmer Werner Schweizer übernahm er 1994 die Dschoint Ventschr Filmproduktion, welche sich seither einen Namen machte als Talentschmiede des Schweizer Films. Neben seiner filmischen Tätigkeit stellt er in regelmässigen Abständen seine Arbeiten im Bereich der bildenden Kunst vor.

2012 IRAQI ODYSSEY
2009 ESCHER, DER ENGEL UND DIE FIBONACCI-ZAHLEN
2005 SNOW WHITE
2002 FORGET BAGHDAD (NEW WORLD ORDER)
1998 PROJECZIUNS TIBETANAS
1997 LA ETA KNABINO
1993
BABYLON 2
1991 IMMER & EWIG
1988 FILOU
1986 MORLOVE - EINE ODE AN HEISENBERG
1984 STUMMFILM

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EAN 7611719741066
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Snow White
CH 2005 113'
Regie: Samir
Drehbuch: Michael Sauter, Samir
Kamera: Andreas Hutter, Michael Saxer, Hans Meier
Ton: Max Vornehm
Schnitt: Oliver Neumann
Musik: Walter W. Cikan & Marnix Veenenbos, Carlos Leal
Produktion: Dschoint Ventschr
Mit: Julie Fournier, Carlos Leal, Zoé Miku, Stefan Gubser, Stefan Kurt, Pascal Ulli, Patrick Rapold, Martin Rapold, Xaver Hutter, Benedict Freitag, Wolfram Berger, Sunnyi Melles, Beatrice Kessler, Liliana Heimberg, Mike Müller

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