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Preludes

Peter Mettler

Scissere

Mit 83 Minuten ist SCISSERE nicht nur Peter Mettlers erster längerer Film, mit ihm beendet er 1982 sein Film- und Fotografiestudium am Ryerson Polytechnical Institute in Toronto. Dem Film liegt ein Aufenthalt Mettlers am Rehabilitationszentrum für Heroinsüchtige in Neuchâtel zugrunde. Hier lernt er Bruno Scissere kennen, der seine Identität immer wieder neu erfindet. Scissere nimmt seinen Namen nicht nur im Titel auf, er ist auch dem jungen Mann gewidmet. Bevor SCISSERE sein Publikum über die Tonspur und einige Standbilder mit in die Psychiatrie nimmt, eröffnet Mettler mit einer langen Natursequenz: Wasser, Wellen, Bäume, Blätter schillern über die Leinwand, zunächst als langsame und romantische Tableaus, später steigert sich der Rhythmus zu einer so fantastischen wie abstrakten Sinfonie, erst ein menschlicher Puls scheint dem orgiastischen Treiben Einhalt zu gebieten und führt uns in das hermetische Heim. Hier bricht ein Patient in die Welt draussen auf. SCISSERE beginnt nun mit der Wahrnehmung von vier anderen Personen (einer Mutter und ihrem Kind, einem Drogensüchtigen und einem alten Insektenforscher) eine Art Erzählung: Es ist nicht die Story, die Mettlers SCISSERE so bemerkenswert macht, sondern sein Stil. Schon hier bestimmen lange, scheinbar mühelos fliessende Kamerafahrten die Ästhetik und betonen das Vergängliche, kaum Fassbare des Filmbildes. Sie werden in ihrer Absicht durch animierte Fotografien, Zeitlupen, Stoppeffekte ebenso ergänzt wie durch eine Tonspur, die fast ohne Worte auskommt. Nur selten sind Bruchstücke von Sätzen verstehbar, SCISSERE liegt eher eine Art Soundteppich aus Musik, Sprache und Geräuschen zugrunde.
Veronika Rall, Swiss Films

«Der Titel evoziert mit seinem schneidenden Klang Vorstellungen: Riss, Bruch, Entzweiung, Gleiten, Verklingen. Aber Scissere ist ein Eigenname, der Name eines jungen Menschen. [...] Mettler vermischt und überlagert in dem Film verschiedenen Wahrnehmungs- und Erzählebenen, filmt und filmt das Gefilmte, verlangsamt und beschleunigt Ereignisse in völlig respektloser, nur der eigenen Imagination gehorchender Gesetzmässigkeit. »
Martin Schaub, Tages- Anzeiger

Eastern Avenue

Obwohl Peter Mettler ursprünglich nicht beabsichtigte, EASTERN AVENUE der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, ist der Film einer seiner schönsten. Schön meint Zusammenhang kein Verlegenheitswort, weil kein besseres zur Hand ist: Der Film strahlt Einstellung etwas wie pure Schönheit aus. «Im Frühjahr 1983», erzählt Mettler, «unternahm Reise in meine Intuition, die mich in die Schweiz, nach Berlin und Portugal führte. Die Mehrzahl Bilder sind impulsive, intuitive Reaktionen auf die Menschen und Orte, die ich sah.» Und Mettler gesehen? Den Flügel eines Flugzeugs. Wolken. Das Schmuckstück an der Hand die Kette um ihren Hals. Leerstehende Häuser. Die Mauer in Berlin. Menschen beim Skilaufen. Frau beim Malen. Ein Kind im Sandkasten, das dort Strassen angelegt hat für seine Spielzeugautos. Verschiedene Menschen, die er ganz nah an sich heran zoomt. Deutsche Autobahnen. Das Portugal. Aber vielleicht geht die Frage «was hat Mettler gesehen» schon am Kern des Films vorbei. sollte man fragen, wie er es gesehen hat. Die Kamera ist erneut flüchtig, «passager» müsste Anspielung an eine Wortschöpfung des deutschen Filmkritikers Karsten Witte sagen. Sie nicht. Sie hält nicht fest. Und vor allem: Sie erklärt nicht. Sie meint nicht. Nicht sich selbst nicht das Objekt auf das sie gerichtet ist. Sie verzeichnet nur. Am Ende bleibt nichts als der Bilder, ihr eigener Ist-Zustand, ihr Sein, der Rhythmus, in dem sie geschnitten sind.

Wieder kommt Mettler fast ohne Sprache aus, über den Filmbildern liegen nur Toncollagen (so zum Beispiel aus dem Inneren des Taj Mahal) und die sanften Klänge eines Cellos und einer Geige. Und zwischendurch schaut auch Mettler selbst in die Kamera, zunächst ernst, dann lacht er, langsam verschwindet das Lachen aus den Mundwinkeln, in den Augen hingegen ist es immer noch zu sehen. Als Mettler schliesslich nach unten verschwindet, ersetzt er sich — durch ein Wasserglas und eine Schneekugel mit einem Edelweiss. Und irgendwie erscheint einem das wie eine freundliche Geste.
Veronika Rall

Balifilm

Erneut ein Film wie ein Tagebuch, nicht unähnlich Eastern Avenue, nur dass Mettler während zweier Reisen nach Bali offensichtlich ein Thema fand – spirituelle Darstellungen, den Zusammenhang zwischen Kultur, Natur und Religion. Dieses Interesse treibt ihn vom Reisfeld ins Schattentheater, wo Dämonen einander zu bekämpfen scheinen. Zunächst bleibt er auf der Seite der Figuren, schaut zu, wie die filigranen Schattenrisse bewegt und vor dem Feuer geführt werden. Dann wechselt er auf die Seite des Publikums, dem sich die minutiösen Bewegungen als Schatten auf einer Leinwand übertragen. Eine Urform des Kinos? Doch Mettler geht weiter zum Tanz: Frauen üben in Alltagsgewändern die schwierigen Figuren, mal reagieren sie animiert auf die Kamera, ein anderes Mal entziehen sie sich schüchtern. Mettler hingegen scheint insbesondere von der Arbeit mit den Händen fasziniert, die sich gelenkig in immer neue Formen biegen. Wiederum ist der formale, ästhetische Prozess ein zentraler Faktor des Films: Mettler benutzte für die Aufnahmen nur Restmaterial, dass er auf Video bearbeitete und schliesslich wieder zurück auf Film übertrug. Auch die Entstehung der Filmmusik ist eher komplex: Zunächst zeigte Mettler die Bilder zu einer Live-Performance, von der Mettler Aufzeichnungen macht – später nutzte das Gamelan Orchestra diese ‹Notizen›, um einen eigenen Soundtrack zum Film zu entwerfen. Balifilm – extrem fliessend und rhythmisch geschnitten – ist derart ein Bild- und ein Musikstück zugleich, das man es wie einen Song immer wieder sehen und hören kann.
Veronika Rall, Swiss Films

bali 1990, 1992. Diese präzise Zeitangabe des Films überrascht. Denn was er zeigt, gehört zur ewigen Auseinandersetzung zwischen Sichtbarem und Unsichtbarem, Hörbarem und Unhörbarem, Zeitgebundenem und Zeitlosem, anders gesagt, zum schillernden Auf und Ab des nicht Fassbaren, der endlosen Bewegung dessen, das sich jeglichem Festhalten – und sei es in einem Bild – entzieht. Was er zeigt, ist eigentlich nichts anderes als ein Tanz – Höhepunkt einer religiösen Feier und der Vorbereitung dazu, von der Kamera des Filmemachers unter freiem Himmel verfolgt. Ohne jeglichen Kommentar. Ausser dem einer (anderswo komponierten) Musik, die empathisch – sie verwendet die traditionellen Instrumente der Insel – und distanziert zugleich, eine monoton-eindringliche und beschwörende, dem Bild gegenüber leicht verschobene Weise einbringt. Ein Tanz, ja, aber ein Tanz zwischen Form und Licht, Körper und Seele, Irdischem und Himmlischem, Menschlichem und Göttlichem. Die Natur, die Kulturen und die Elemente werden angerufen, bevor die eigentliche Liturgie beginnt. Auf den Friesen der Tempel folgen die Götter und Göttinnen ihrer symbolischen Choreographie. Die Männer und Frauen tun es ihnen gleich. Die steinernen Formen schälen aus dem Fleisch Körper, die zu reiner Bewegung, reiner Anmut werden. Der Kampf, aber auch die stilisierten Umarmungen verschmelzen sich miteinander. Eurythmie. Der Film hat weder didaktische noch ethnologische Absichten. Was Peter Mettler interessiert, ist das Spiel der Linien, die möglichen Verschiebungen, die Wirkungen von Stillstand und Schwebe, die Verlangsamungen, die abrupten Bewegungen, die der Schnitt hypnotisch einfügt. Und dann, auf dem Höhepunkt der Feier, mitten in der Darreichung der Opfergaben und der gemessenen Prozessionen, hält die Kamera ein Gesicht fest, dann ein zweites. Das einer lächelnden jungen Frau am Rande des Geschehens und das eines Touristen mit der Kamera in der Hand. Schliesslich nimmt die heitere Natur erneut vom Bild, von ihren Rechten Besitz. So gliedert sich der Film auf zweifache Art: durch eine grosse Einheit in der Abfolge – von den Vorbereitungen bis zur kurz angedeuteten Zeremonie – und dann durch suggestive Verlagerungen, die uns nach und nach der exakten Zeit des hier und jetzt entziehen. Damit wird der Film seinerseits zu einer Opfergabe, einem Bindeglied zwischen dem Menschen und seinem Jenseits.
Visions du Réel Nyon

Peter Mettler

2012 THE END OF TIME
2009 PETROPOLIS - AERIAL PERSPECTIVES ON THE ALBERTA TAR SANDS
2007 SHOSTAKOVITCH / NOTES IN SILENCE
2006 MANUFACTURED LANDSCAPES (Photographer)
2002 GAMBLING, GODS AND LSD
1996 BALIFILM - BALI DIARY
1994 PICTURE OF LIGHT
1992 TECTONIC PLATES
1989 MATING GAME
1989 THE TOP OF HIS HEAD
1985 EASTERN AVENUE
1982 SCISSERE
1981 GREGORY
1980 LANACALOT FREELY
1979 HOME MOVIE
1978 POISON IVY
1976 REVERIE

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Preludes

Regie: Peter Mettler

Scissere
CA 1982 87'
Regie: Peter Mettler
Drehbuch: Peter Mettler
Kamera: Peter Mettler
Ton: Peter Mettler
Schnitt: Peter Mettler
Produktion: Collaborative Effort Productions
Mit: Greg Krantz, Nathalie Olanik, Sandy MacFadyen, Anthony Downes, Christie MacFadyen

Eastern Avenue
CA 1985 58'
Regie: Peter Mettler
Drehbuch: Peter Mettler
Kamera: Peter Mettler
Ton: Peter Mettler, Judy Dryland
Schnitt: Peter Mettler
Musik: Jean Marc Larivière
Produktion: Grimthorpe Film

Balifilm
CA 1997 28'
Regie: Peter Mettler
Drehbuch: Peter Mettler
Kamera: Peter Mettler
Ton: Peter Mettler
Schnitt: Peter Mettler
Musik: The Evergreen Club Gamelan
Produktion: Grimthorpe Film

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