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 Nachbeben

Nachbeben

Was ist, wenn hinter jeder Beziehung ein Deal steckt?

Stina Werenfels

Schweizer Filmpreis 2007: Spezialpreis der Jury

«Was diese Regisseurin aus ihren Darstellern herausholt, ist von einer Intensität, wie es im Schweizer Film leider allzu selten ist.»
Tages Anzeiger

«Rasant und detailscharf ist dieses fast Ibsensche Sittenbild von heute erzählt.»
NZZ am Sonntag

Investment-Banker HP hat den Börsen-Crash vermeintlich gut überstanden. An einem Grillabend mit seinen Banker-Freunden und deren Frauen, droht das dänische Au-Pair Mädchen von HP, ihr Verhältnis mit HP's verheiratetem Chef auffliegen zu lassen. HP will es allen recht machen. Doch am andern Morgen hat er alles verloren: Haus, Frau, Freunde und seinen Job...

NACHBEBEN ist ein Kammerspiel, in welchem untersucht wird, wie das neoliberale Berufsideal selbst durch die privaten Wände ins Dasein dringt: Nämlich in jenes von Familie und Freundschaft. Nachbeben ist ein Film über Männer, die draussen in der Wirtschaftswelt auf Pokern, Spionieren, Spekulieren abgerichtet wurden. Und drinnen in der privaten Welt nicht mehr stoppen können. Und Nachbeben ist ein Film über Frauen, die sich damit abfinden müssten. Es letztlich aber nicht wollen.

Obwohl Banken und andere Konzerne in der modernen Schweiz den Hauptarbeitsgeber ausmachen, ist es erstaunlich, dass mit NACHBEBEN der erste Schweizer Spielfilm in die Kinos kommt, der sich tiefgehend mit Menschen aus dieser Branche beschäftigt. Und obwohl Wohlstand und der Kampf um Besitzstandswahrung in der Schweiz allgegenwärtig sind, hat noch kein heimischer Spielfilm den menschlichen Preis, welchen diese fordern, beschrieben.

Die Regisseurin zum Film

"NACHBEBEN beschreibt metaphorisch jenes Beben, das dem vermeintlich gut überstandenen ersten Beben folgt. Der Film spielt im Privatleben eines Bankers, welches – als Folge des Börsencrashs der Jahrtausendwende – eine zweite Welle von Erschütterungen erfährt: Diese legt seine mit aller Kraft aufgebaute Welt in Schutt und Asche. Dabei wollte ich den psychischen Zusammenbruch dieser Familie natürlich nicht als naturgegebenes Phänomen betrachten. Im Gegenteil: Ich wollte untersuchen, was geschieht, wenn Männer der Finanzwelt ihre Handlungsweisen direkt ins Private hineintragen. Wohlstand und der Kampf um Besitzstandswahrung sind in der Schweiz allgegenwärtig: NACHBEBEN zeigt den menschlichen Preis, der dafür bezahlt werden muss."
Stina Werenfels

Zehn Minuten mit Stina Werenfels

Von Peer Teuwsen, Das Magazin

Am Anfang war ein Gefühl. Und eine Erfahrung. Das Gefühl war, dass wir in einer zerstörerischen Zeit leben, wo sich vieles auflöst, wo Worte wie Loyalität, Freundschaft, Solidarität plötzlich lächerlich klingen, weil sie käuflich geworden sind. Die Erfahrung war, dass das Geld seine Kollateralschäden im Privaten angerichtet hat.

Die 42-jährige Regisseurin Stina Werenfels stammt väterlicherseits aus dem Basler Bürgertum, sie weiss, dass das Geld, wenn es da ist, bei den Reichen immer die Angst weckt, es könnte plötzlich nicht mehr da sein. Sie hat aber auch eine ihrer Tanten im Ohr: «L‘argent ne rend pas heureux mais on peut pleurer plus comfortablÈment.» Das ist der Zielkonflikt, in dem der Reiche und wir, die es werden wollen, stecken. Die schiere Existenzangst. Obwohl wir doch alles haben, wollen wir immer dabei bleiben, noch mehr haben, den Status nicht verlieren - und so werden wir zu Schweinen.

Stina Werenfels, diese lustige und energische Frau, beschreibt das Resultat so: «Wir leben in einer manisch depressiven Zeit.» Über dieses Thema hat sie ein Kammerspiel gedreht, «Nachbeben» heisst es und kommt am 2. März ins Kino. Es ist ihr erster langer Spielfilm. Der Film spielt in einer Schweizer Villa mit Seeanstoss, der Hausherr, ein Investmentbanker, gibt eine Gartenparty für seinen Chef. Des Weiteren treten auf: die alkoholsüchtige Ehefrau des Villenbesitzers, ein dicker Bub, die von Haus aus reiche, schwangere Ehefrau des Chefs (mit Baby), ein bildhübsches schwedisches Aupair und ein ehrgeiziger Jungbanker, der Gutzler. Die Party ist anfangs so angestrengt, wie solche Anlässe immer sind. Nach und nach aber fallen alle Masken, die Ränkespiele werden aufgedeckt, und es kommt zur Katastrophe. Was diesen Film so einzigartig in der hiesigen Filmlandschaft macht, sind das zeitgemässe Thema sowie die Schauspieler und ihre Sprache, die so nahe bei den Figuren sind, so originär, dass man glaubt, man kenne diese Menschen persönlich. Und die Erbarmungslosigkeit der Durchführung. «Ich konnte diesen Film nur machen, weil ich diese Menschen kenne», sagt Werenfels. Sie hat auch in einer Zürcher Privatbank als «Backoffice Girl» gearbeitet, um mit ihrem Objekt vertraut zu werden. Zur Recherche kam das Private. Auch für sie hätte es die Möglichkeit gegeben, reich zu heiraten. «Dann wäre ich weg gewesen vom Fenster, dann wäre die Falle zugeschnappt, und ich sässe heute in einer solchen Villa, depressiv. Eine panische Angst vor Endgültigkeiten hat mich davon abgehalten.» Diese Angst machte es Werenfels möglich, einen extremen Film zu machen, der so gar nichts davon hat, was wir sonst aus Schweizer Produktionsstätten sehen: Er ist radikal, dramatisch, lustig – und er hat etwas mit uns zu tun. Mehr kann man nicht erwarten.

Edelmiezen erstarren im Design

Von Alexandra Stäheli, NZZ

NACHBEBEN ein seismographisches Kammerspiel von Stina Werenfels

HP ist dynamisch, erfolgreich, ein Ray-Ban-Typ, von Beruf Strahlemann und Investmentbanker. Er hat, beflügelt von seinen Xanprox-Tabletten, immer flotte Broker- Weisheiten auf den Lippen, die er auch dann gerne wie eine ewige Champagnerflasche versprüht, wenn untergründig schon an seinem Stuhl gesägt wird. Etwa: Einer muss der Idiot sein. Und: Wenn du nicht weisst, wer der Idiot ist, bis du’s selbst. Gemeinsam mit seiner Frau Karin (Susanne-Marie Wrage), die eine elegante, aber gedämpfte Unnahbarkeit ausstrahlt, lädt HP seinen Chef und Freund Philip (Georg Scharegg), dessen schwangere Frau Sue (Bettina Stucky) mit Kleinkind sowie Philips Praktikanten Gutzler (Leonardo Nigro) zu einem Grillabend in der Designervilla am See ein – nicht ohne Hintergedanken. Denn HP hat den letzten Börsencrash nur scheinbar gut überstanden. Von Philip erhofft sich HP jetzt die dringend notwendige Unterstützung für ein weiteres Investment-Geschäft. Doch was hoffnungsfroh in goldenem Sommernachmittagslicht beginnt, kollabiert in Laufe des Abends langsam und dumpf wie das aufgekokste Leistungsgehabe der Männer zu einem finanziellen und vor allem emotionalen Schlachtfeld. Dass dabei ausgerechnet HP’s elfenhaftes Au-pair Mädchen Birthe (Olivia Frølich), mit dem Philip sein geheimes Verhältnis auflösen möchte, einen nicht unbeträchtlichen Anteil an dem Desaster hat, erinnert fast schon an ein Drama von Schnitzler: So geht denn der Einsturz der sozialen Hierarchien gerade von derjenigen Figur aus, die die unterste Position im Reigen der brutalen Machtspiele besetzt. Am Ende des Abends wird jede Figur ihre düsteren Abgründe gezeigt haben – nur Karins und HP’s fettleibiger, depressiver Sohn Max (Mikky Levy), der das Geschehen in seinem höhlenartig abgedunkelten Zimmer auf Monitoren beobachtet, wagt ganz zuletzt vielleicht einen zaghaften Schritt ins Helle.

Nach ihrem erfolgreichen TV-Spielfilm MEIER MARILYN legt die 41-jährige Zürcher Filmemacherin Stina Werenfels mit NACHBEBEN nun ihr Leinwanddébut vor, ein ebenso sorgfältig insziniertes Kammerspiel von beklemmender Schärfe. In einer ähnlichen ästhetischen Annäherung wie ihr Mann Samir, der letztes Jahr mit dem Film SNOW WHITE die Wohlstandsverwahrlosung der Jungend an Zürichs Goldküste porträtierte, interessiert sich auch Werenfels für die Auswirkung unserer Leistungsgesellschaft auf das familiäre Leben der (Neu-)Reichen.

Erschütternd dabei zu sehen, wie die coolen Banker den auf ihren Schultern lastenden äusseren Erfolgsdruck so sehr verinnerlichen, dass sie ihn in eine manische Gewinnsucht verwandeln, die fortan jeden Gedanken, jede Handlung und jedes Gefühl motiviert, durchwirkt – und bis zum totalen Zusammenbruch einfach aushöhlt: Beziehungen werden so zu Deals und Investitionen, die entweder Gewinn abwerfen oder wie wertlose Aktion einfach vernichtet werden. Während die Männer so Pawlowsch von einem Kick zu nächsten jagen, kompensieren die Frauen ihre nutzlos gewordene Existenz als Vorstadt-Edelmiezen durch ebenso sinnlose Studien – oder durch den Griff zur Flasche.

So zeichnet denn Werendels in perfekt komponierten und makellos designten Bildern (Kamera: Piotr Jaxa), die es spielend mit jeder Philippe-Starck-Lampe auf dem Set aufnehmen können, die bohrende Leere nach, die ein Banker-Leben . und vor allem dasjenige der Angehörigen – still und formschön zerstören kann. Sie tut das mit einer seismographischen Akribie, die Millimeter für Millimeter jedes Vorurteil und jede Vermutung bestätigt, die wir je über die Banker-Szene gewusst haben.

Dabei hat jedoch gerade diese landschaftliche Präzision den Effekt, dass sie auch einige scheinbar unpassende und weniger realistische Momente der Geschichte umso stärker hervortreten lässt: Wie ist es etwas möglich, dass die im fünften Monat schwangere Sue noch stillt? Weshalb genau kann ein hysterisches dänisches Mädchen zwei so selbstherrliche Giganten wie nichts ruinieren? Und wie kommt es, dass eine so forsche, selbstbewusste und vor allem auch gut betuchte Frau wie Sue ausgerechnet ein farbloses Chefwürmchen wie Philip heiratet? All diesen kleinen Unebenheiten zum Trotz bleibt NACHBEBEN ein kraftvolles, stilsicheres Début mit ästhetischem Sog, das Lust auf den nächsten Film der Regisseurin macht.

Stina Werenfels

Geboren 1964 in Basel. 1991 Studium an der Tisch School of the Arts, New York University. 1993-94 Regieassistenzen bei Film und Theater. 1995 Meisterkurs in Filmregie. 1996 Freie Filmautorin für Cinéteam, Frankfurt. Lebt und arbeitet in Zürich. 1999 Schweizer Filmpreis, Bester Kurzfilm für PASTRY, PAIN AND POLITICS.

2006 NACHBEBEN
2003 MEIER MARYLIN
1999 ID SWISS - MAKING OF A JEW
1998 PASTRY, PAIN AND POLITICS (Version française) (english version)
1994 FRAGMENTS FROM THE LOWER EAST SIDE

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EAN 7321921095481
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 Nachbeben

Preis: 25.00 CHF
Vergriffen
Informieren Sie mich, wenn die DVD erhältlich ist

DVD5
NTSC 16:9
Region 0

Sprachen: Schweizerdeutsch
Untertitel: Deutsch, Englisch, Französisch

Nachbeben
CH 2006 96'
Regie: Stina Werenfels
Drehbuch: Petra Lüschow, Stina Werenfels
Kamera: Piotr Jaxa
Ton: Luc Yersin
Schnitt: Isabel Meier
Musik: Winfried Grabe
Produktion: Karin Koch, Dschoint Ventschr
Mit: Michael Neuenschwander, Susanne-Marie Wrage, Bettina Stucky, Georg Scharegg, Leonardo Nigro, Olivia Frolich, Mikki Levy

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