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Mission en enfer
Mission des Grauens - Mission in Hell
Frédéric Gonseth
Ab 1941 wurden 250 Schweizer Ärzte und Krankenschwestern vom Roten Kreuz in humanitärer Mission an die Ostfront geschickt. Gegen ihren Willen werden sie in die Wehrmacht integriert, für die sie mehrere Monate arbeiten müssen. An der Ostfront werden sie Zeugen des Genozids an den russischen Kriegsgefangenen und den Juden. Für ihre schrecklichen Erlebnisse interessiert sich in der Schweiz nach ihrer Rückkehr niemand.
MISSION EN ENFER will einem erscheinen wie ein Albtraum, aus dem man jäh erwacht. Der Beginn dieser Mission ist eher ein Pfadfindenabenteuer. Menschen aus dem medizinischen Bereich, Schweizer allesamt, sie werden nach 1940 angesprochen, und man appeliert an ihre patriotischen Gefühle: die Schweiz sei doch neutral, und so liege doch nichts näher, als daß unter der Fahne des Roten Kreuzes “Hilfstruppen“ an die Ostfront und nach Warschau geschickt würden. Eine rein humanitäre, internationale Hilfe, scheinbar. So brechen sie auf, reisen tagelang, gelangen aus ihrem saturierten und friedlichen Land in Gegenden, wo sich Tote auf der Straße stapeln, wo Landschaften verschwunden sind und ganz Städte. Ja, man hatte immer vom Kriegsfortgang gelesen, doch so schlimm hatte man sich das Ganze nicht vorgestellt, ebbä. Ein Arzt berichtet, er habe wochenlang nur Amputationen vorgenommen. Auch wenn er das erzählt, ist noch ein gewisser beruflicher Sportsgeist zu erkennen. Stutzig geworden sei man erst, als einem verboten worden sei, auch russische Patienten zu versorgen. Denn was die Freiwilligen nicht wußten: ihre Regierung hatte sie einfach an Deutschland verkauft, Schweizer Mediziner sollten deutsches Personal ablösen. Vermutlicher Grund: Nazideutschland sollte ruhiggestellt werden. Die Sache mit dem Roten Kreuz war Tarnung, und folgerichtig trug man im Einsatz auch ein weißes Kreuz auf dem Militäranzug. Im Skandalbereich um nachrichtenlose Konten ist so ein Vorfall fast nur eine Arabeske. Doch diejenigen, die sich hier hingaben, waren fast alle so “patriotisch“, daß sie bis in die heutige Zeit über ihren Einsatz auch noch geschwiegen hatten, ganz wie befohlen. Geschwiegen über die wohl furchbarste Zeit ihres Lebens. Wie bringt es ein Arzt auf den Punkt: “Wir hatten Menschen in der Finsternis zurückgelassen, und hierzulande beschwerte man sich, daß die Butter rationiert war.“ Selten ist über die Schweiz im Zweiten Weltkrieg etwas Passenderes gesagt worden.
"Der Gesichtsausdruck dieses sowjetischen Kriegsgefangenen
geht dem alten Mann nicht mehr aus dem Sinn. 1942 hat er ihn
in Smolensk getroffen und erzählt nun in Frédéric Gonseths
Kamera, wie er damals als junger Arzt voller Idealismus freiwillig
als schweizerischer Sanitäter an die Ostfront kam. Insgesamt
waren es etwa 250 Ärzte, Krankenschwestern und
Rettungshelfer, die sich in einer rein humanitären Aktion des
Roten Kreuzes glaubten. Einige von ihnen realisierten erst im
Zusammenhang mit den Dreharbeiten, in welchem Ausmass sie
zu politischen Zwecken missbraucht wurden. Die Mission war
vor allem eine diplomatische Geste gegenüber dem Naziregime,
das mehr und mehr Druck ausübte.
Der Film stützt sich auf Aussagen, die oft nur sehr schüchtern,
aber doch voller Klarsicht gemacht werden. Zudem werden
Passagen aus Rapportbüchern veröffentlicht. Fotos und
unglaubliche Filmaufnahmen aus den Archiven rufen in
Erinnerung, mit welcher Grausamkeit dieser Krieg geführt wurde.
Die Bilder dieser Barbarei sind teilweise unerträglich. Dem Film
geht es aber auch um die Frage nach der Verantwortung:
Weshalb wurde über diese Alptraumbilder nie gesprochen? Wie
viel wusste die schweizerische Regierung von den Ereignissen
an der Front?
Die Untersuchung ist äusserst genau dokumentiert. MISSION EN ENFER führt uns in einem Grenzbereich Europas die alten
Schlachtfelder wieder vor Augen. Dabei wird eine Seite unserer
Geschichte aufgeschlagen, die voller Widersprüche und der
Preisgabe der eigenen Prinzipien ist."
Visions du Réel Nyon
Der geschichtliche Hintergrund
Im Herbst 1941 verläßt ein Zug die Schweizer Hauptstadt Bern. Auf dem Bahnsteig stehen Fotografen der heimischen Presse, einige Offizielle und ein Grüppchen von der Armee abgestellter Trompeter, die auf ihren Fanfaren den Scheidenden ein Adieu blasen. Am Tag darauf sind in den Schweizer Zeitungen die Gesichter einiger junger Ärzte, Krankenschwestern und -Pflegern zu sehen, die unter dem Titel "Die Schweiz will helfen – die Schweizer Ärztemission für die Ostfront" mit aufgeräumtem Lächeln aus den Waggonfenstern winken.
Mit dieser Abreise in den Osten, beginnt die Lebensgeschichte einiger junger Schweizer, die unter dem Patronat des Roten Kreuzes in die Front-Lazarette der deutschen Wehrmacht reisten. Darum bemüht, "neutral" zu bleiben, wurden sie zu staunenden, schockierten aber zum Teil auch ahnungslosen Zeugen des brutalsten aller Feldzüge Hitlers. Entgegen dem Rot-Kreuz-Grundsatz, "zwischen die Fronten" zu gehen, war es ihnen von Anfang verwehrt, sowjetischen Soldaten oder der russischen Bevölkerung medizinisch zu helfen.
Elsi Eichenberger ist 86 Jahre alt, besitzt eine gemütliche Wohnung in einem Altenwohnheim der Stadt Bern. Sie zeigt eine alte Balalaika. Es ist das einzige Erinnerungsstück an ihre Zeit als Schweizer Krankenschwester an der Ostfront, das sie im Keller eines zerstörten Hauses in Smolensk schwarz erstanden hatte. Elsi Eichenberger war an zwei der vier Missionen beteiligt, die zwischen Herbst 1941 und Frühling 1943 durchgeführt wurden.
Nach ihrer Rückkehr schrieb sie in Eile auf 250 Seiten ein Buch, das geprägt ist von sehr widersprüchlichen Erfahrungen. Elsi Eichenberger hat ihr Leben riskiert und unermeßliches Leid gesehen. Sie sah das Sterben junger deutscher Soldaten, sie sah die gespenstischen Züge mit offenen Waggons, in denen russische Kriegsgefangene durch den Winter gefahren wurden. Sie sah die leeren Augen geschundener und verhungernder Häftlinge im SD-Gefängnis in Smolensk. Und sie arbeitete täglich mit deutschen Offizieren zusammen, denen sie den Sinn ihrer Anwesenheit hier an der Ostfront mühsam erklären mußte, ohne mit wirklichem Verständnis rechnen zu können. Denn was suchten die Schweizer an der Front?
Die rund 100 Mitglieder der ersten Mission arbeiteten während drei Monaten in und um Smolensk in deutschen Lazaretten. Einige sogar in Juchnow, 30 km hinter der Front, wo Schwerverwundete notversorgt und mit Gipsverbänden transportfähig gemacht wurden. In Smolensk selbst wurden eitrige Körperteile amputiert und andere lebensrettende Operationen durchgeführt. Die Schweizer Chirurgen begegneten hier völlig neuartigen Verwundungen, denn die Kriegschirurgie spielte in der Schweiz so gut wie keine Rolle.
Die Tatsache, daß die Schweizer Missionsmitglieder stillschweigend einen integrativen Teil der Wehrmacht bildeten und keine eigenen Befugnisse hatten, führte bereits auf der Fahrt im Lazarettzug Richtung Osten zu politischen Konflikten. Exponent der Gruppierung, die mit ihrer Initiative an der Ostfront ihrer "deutschfreundlichen" Gesinnung Ausdruck geben und den Kampf gegen den Bolschewismus unterstützen wollten, war der Organisator der Mission, Eugen Bircher, Oberstdivisionär der Schweizer Armee und Chirurg, selbst. Während Bircher mit seinen deutschen Freunden soupierte, war den anderen Mitgliedern der Missionen jede politische Diskussion verboten. Über ihre Beobachtungen hatten sie per Unterschrift für immer zu schweigen. Und geübt darin, sich in solchen Situationen der traditionellen Schweizer Neutralität zu erinnern, schien es den meisten leicht zu fallen, sich an diese Befehle zu halten, auch wer nicht mit den nationalsozialistischen Zielen konform ging.
Einige Ärzte versuchten entgegen den Regeln ihrem humanitären Selbstverständnis nachzugehen und nahmen heimlich Kontakt mit der Bevölkerung auf, um medizinische Hilfe anzubieten. Drei Ärzte verschafften sich eines Tages illegal Zutritt zum Smolensker "Lazarett für sowjetische Kriegsgefangene", um sich von den grauenhaften Zuständen darin zu überzeugen. Die meisten Mitglieder der Mission aber taten ihre Arbeit, "glücklich, dass sie geschätzt wird", wie ein Pfleger in sein Tagebuch schrieb.
Diese Tagebücher erzählen noch präziser als ein Gedächtnis, das sich sechzig Jahre später eines damaligen Eindrucks zu erinnern versucht, das Eintauchen der Schweizer Ärzte in die intimsten Bereiche der deutschen Armee. Es sind die Notizen von Personen, die gewohnt sind genau zu beobachten und alles zu notieren, und das in dem Moment als die Wehrmacht vor Moskau im Schlamm und im erbarmungslosen Winter ihren Nimbus der Unbesiegbarkeit zu verlieren beginnt. Tausende von Verwundeten stauen sich in den Lazaretten, die Tanks und Versorgungsfahrzeuge stecken im Eis fest und die Soldaten im Feld stehen ohne Mäntel, Mützen und Handschuhe (da nur für den Blitzkrieg ausgerüstet) vor zweifellos entschlossenen und gut ausgerüsteten russischen Soldaten.
Die unversöhnlichen Differenzen in den Anschauungen unter den Missionsmitgliedern brachen voll bei der zweiten Mission aus, die ab Januar 1942 in Warschau für drei Monate im Einsatz war. Der Arzt Kneubühler musste sich gegen seine Schweizer Kollegen verteidigen, die sich wegen seinen medizinischen Dienstleistungen an Polen, gefährdet fühlten und von ihm verlangten, damit aufzuhören.
Und Max Mawick, einer der Schweizer Motorfahrer, verschaffte sich Zugang zum Warschauer Getto und liess sich von einem jüdischen Totengräber an den frischen Leichen, die täglich im Totenhaus gestapelt wurden, die Todesursachen erklären. In einem Kohlenlager wurde er mit höhnischen Kommentaren von Wachsoldaten an eine Baracke geführt, in welcher russische Kriegsgefangene den langsamen Hitze- und Hungertod starben.
Der Arzt Gerhard Weber, Mitglied der dritten Mission in Riga, sah täglich eine Kolonne von Juden an seiner Wohnung vorbeiziehen. Sie wateten durch den Straßengraben, da ihnen die Straße verboten war. Als er von der Verfolgung und Ermordung zehntausender von Juden hörte, machte er sich auf die Suche nach einem jüdischen Studienkollegen aus Lettland. Noch heute ist ihm das Grauen unvergesslich, das ihn beschlich, als er durch die Gassen des Rigaer Gettos an menschenleeren Häusern vorbeiging, die noch vor kurzem bewohnt waren.
Almas Achad ist 77 Jahre alt. Auch er wohnt in Bern. Auf dem Buffet in seinem Wohnzimmer steht ein patriotisches Gesteck: ein rotes Fähnchen mit Schweizer Kreuz teilt sich mit einem grün-roten Fähnchen dieselbe Halterung – letzteres ist das Banner von Aserbaidschan. Achad erlebte den Beginn des Zweiten Weltkriegs als Jugendlicher in seiner aserbaidschanischen Heimat. Sein Vater, Besitzer einer Baumwollplantage, war ein Gegner der sowjetischen Herrschaft und sah im deutschen Ansturm gegen den Osten anfänglich Grund, auf bessere Zeiten zu hoffen. Wenig später geriet sein Sohn Almas als Soldat der Roten Armee in deutsche Gefangenschaft.
Mit unzähligen anderen Gefangenen trat er die mörderische Odyssee durch die Gefangenenlager an, den Weg von der Front durch die Lager nach Deutschland. Achad magerte auf Haut und Knochen ab, neben ihm starben Tausende durch die Hand deutscher Soldaten oder der SS, vor Hunger, Erschöpfung oder Krankheit. Achad überlebte zwei Jahre lang als Arbeitssklave, als "Untermensch" in einem Dorf in Bayern. Täglich zweimal marschierte seine Gruppe von verlausten und zerlumpten sowjetischen Sklaven mitten durch das Dorf, um am Bahnhof Waggons zu entladen.
Almas Achad gelang im Frühling mit Hilfe von Partisanen die Flucht aus einem Gefangenenlager in Oberitalien. Wenige Tage später erreichte er die Schweizer Grenze. Er lernte die Sprache, heiratete und blieb trotzdem ein Leben lang ein Flüchtling: Dem Strassenreiniger und Friedhofsgärtner war eine Berufsausbildung von den Schweizer Behörden verboten worden.
Sowjetische Kriegsgefangene wurden anders als die westeuropäischen Gefangenen, nicht gemäß Genfer Landkriegskonvention als Kriegsgefangene anerkannt. Und es gab weder eine Schutzmacht, die sich für sie einsetzte, noch ein Internationales Rotes Kreuz, das für die Einhaltung der Konventionen protestierte. Über drei Millionen sowjetische Soldaten kamen in deutscher Gefangenschaft ums Leben. Diejenigen, die auch dies überlebten, wurden in ganz Deutschland in Lagern verteilt, von wo aus sie als Arbeitssklaven an die Industrie oder in die Landwirtschaft vermietet wurden. Achad gelangte so zu einer bayrischen Baufirma, die auch für seine Verpflegung aufzukommen hatte. Es war gerade soviel, um die Kräfte für die Arbeit zu regenerieren.
Ein anderer Gefangener, Nicolai Michailow, stammte aus Kaluga und gelangte ebenfalls in einem Transport nach Westen, durch mehrere Sammellager schließlich im Winter 1943 nach Süddeutschland in eine Aluminiumfabrik in Rheinfelden. Elf Monate später im November gelang ihm die Flucht. Er durchschwamm nackt den Rhein und erreichte das rettende Ufer, wo ihn eine Schweizer Patrouille aufgriff. Was er nicht wußte, war, daß die Fabrik in der er als Sklave arbeitete, ebenfalls schweizerisch war. Und sie war nur eine jener Fabriken in Süddeutschland, die, obwohl in Schweizer Besitz, als Teil des nationalsozialistischen Wirtschaftssystems funktionierten.
Die Namen dieser Fabriken kennt man noch heute: Alusuisse, Lonza, Sulzer, Escher Wyss, Georg Fischer, BBC, Ciba, Geigy, Hoffman La Roche, Maggi, usw. Einige dieser Namen aus der Schweizer Großindustrie erschienen im Sommer 1941 auf der Liste von Financiers. Sie waren es, die mit ihrer Unterstützung die ersten Ärztemissionen überhaupt erst ermöglichten.
Im Februar 1942 passierte die erste Ärztemission auf ihrer Rückreise durch das verschneite Europa bei Singen die Schweizer Grenze. Einige der Rückkehrer schießen mit ihren Dienstpistolen aus den Waggonfenstern ein Salut in den Himmel. Die Reise war beschwerlich, tagelange Verzögerungen. Einzelne Streckenabschnitte standen unter Bombardement. Die ersten Rückkehrer an der Ostfront sind trotz ihren fragmentarischen Erfahrungen imstande, ein schockierendes Bild der Geschehnisse an der Ostfront zu geben. Ihre Berichte und Fotografien belegen die Verfolgung der Juden, de Verstöße gegen das Kriegsrecht und das massenhafte Sterben unter den sowjetischen Kriegsgefangenen.
Kurze Zeit nach der Ankunft erscheint ein Communiqué der Alliierten, in welchem von der schlechten Behandlung sowjetischer Gefangener in deutschen Lagern die Rede ist. Es heißt, Schweizer Ärzte hätten bestätigt, daß die Sowjets systematisch vernichtet würden, in allen Lagern herrsche Hunger. Der Schweizer Bundesrat mischt sich in die Angelegenheit und entscheidet sich nach längerer Diskussion für ein öffentliches Dementi: Der Text behauptet, die Schweizer Mission habe sowohl deutsche wie russische Verwundete gepflegt und kommentiert die besorgten Zeugnisse aus den Kriegsgefangenenlagern mit der Falschaussage, den sowjetischen Kriegsgefangenen ginge es sehr gut. Die Rückkehrer selbst werden per Dekret zum Schweigen gezwungen. Es geht unter anderem um das gute Wetter zwischen der Schweiz und Deutschland: die Sache ist es nicht wert, die schmalen Pfade der Diplomatie zu gefährden, auf denen die Schweiz wenn schon nicht ihre wirtschaftliche, dann wenigstens ihre politische Unabhängigkeit gegenüber den Achsenmächten aushandelt. Im selben Jahr noch schließt die Schweiz die Grenzen für jüdische Flüchtlinge.
Doch auch die humanitären Institutionen versagen verhängnisvoll: Das IKRK unterläßt jeden Protest und läßt sich stattdessen frisierte Berichte verfertigen, welche die Situation in den Kriegsgefangenenlagern als den Umständen entsprechend in Ordnung erscheinen lassen. Tatsächlich wurden diese falschen Berichte auch von den Diplomaten des IKRK bei den Verhandlungen mit der sowjetischen Regierung genutzt, um den Status der Gefangenen zu klären, und zerstören damit die Glaubwürdigkeit des IKRK. Die sowjetische Regierung bricht die Beziehungen zum Roten Kreuz ab. Die Konsequenzen dieses Fehlers lasteten auf den Kriegsgefangenen in den deutschen Lagern, die Hoffnung auf internationalen diplomatischen Schutz und auf humanitäre Hilfe war verspielt. Einige der Rückkehrer ignorieren jedoch ihre Schweigepflicht, weil sie über ihre Erfahrungen nicht schweigen können. Der Basler Arzt Rudolf Bucher hält öffentliche Diavorträge, während denen er zwischen die medizinischen Neuigkeiten von der Kriegschirurgie Augenzeugenberichte und Spekulationen über das Schicksal der Juden und Sowjets einfließen läßt. Dazu gehörte auch, wie er fassungslos aus einem Versteck heraus die Erschießung von 60 sowjetischen Zivilisten beobachtete.
Max Mawick verfaßt einen äußerst detaillierten Bericht über die Kriegsverbrechen in Warschau und übergibt ihn im Sommer 1942 samt Fotografien den Schweizer Behörden. Beides wird stillschweigend unter Verschluß genommen und Mawick mehreren polizeilichen Verhören ausgesetzt. Im Herbst 1945 veröffentlicht er seinen Bericht bei einem Zürcher Kleinverlag.
Elsi Eichenberger veröffentlicht ihren Bericht in literarischer Form ebenfalls kurz nach Kriegsende in einem Kleinverlag. Eine Passage, in welcher sie eine Auseinandersetzung mit einer Vorgesetzten schildert, wird zum Vorwand genommen, ihrer beruflichen Zukunft zu schaden.
Gegen den Druck von Bundesregierung und einflußreichen Kreisen des IKRK und der Wirtschaft haben sie keine Chance.
Tatsache scheint, daß andere Interessen im Vordergrund standen, deren Motive im Gefüge europäischen Wirtschaftsdenkens verankert sind. Das deutsche Regime versprach die Kolonialisierung des Ostens. Die Eroberung des "Ostraumes" sollte der westeuropäischen Zivilisation ein neues Territorium erschließen: weit, fruchtbar, mit Bodenschätzen gesegnet und einer effizienten Stahlindustrie ausgestattet. Zur europäischen Wirtschaftselite, die sich mit dem Vormarsch der deutschen Wehrmacht auf die wirtschaftliche Erschließung des Ostens vorbereiteten, gehörten auch einige Schweizer Industrielle. Fest verfilzt mit dem Regierungsmilieu waren es wiederum dieselben, die im Hintergrund als Financiers der Schweizer Ärztemissionen fungierten. Als Symbol dieser Verflechtung kann heute der damalige Präsident des Internationalen Roten Kreuzes Max Huber erscheinen: In der Öffentlichkeit galt er als Verkörperung der humanitären Tradition der Schweiz, war aber zugleich Aktionär einer italienischen Waffenfabrik und Verwaltungsratspräsident von Alusuisse, aus deren süddeutschem Tochterbetrieb dem Arbeitssklaven Michailow einst die Flucht gelang, in der andere sowjetische Kriegsgefangene aber zugrunde gingen.
Das Ende des Krieges rettete die Überlebenden sowjetischen Kriegsgefangenen vor dem Tod, nicht aber vor dem Martyrium, das sie in ihrer Heimat erwartete. Denn gemäß Stalins Direktive galten diejenigen Soldaten der Roten Armee, die sich gefangennehmen ließen, als Verräter. Die Kriegsgefangenen, die jetzt zum Gespräch bereit sind, lebten als U-Boote in der russischen Gesellschaft und hatten während des Kalten Krieges keinerlei Möglichkeit, sich für die Anerkennung ihrer Leiden und für eine Wiedergutmachung einzusetzen.
Jahrzehntelang arbeitete ein Almas Achad in den Straßen von Bern in unmittelbarer Nähe von Elsi Eichenberger und anderen Ärzten. Sie sind sich auf ihren Wegen durch die Stadt nie begegnet und dennoch haben sie tief in ihrer Lebensgeschichte etwas Gemeinsames – aus jener Zeit des Grauens. Frau Eichenberger hat das Herz der Finsternis pochen gehört, Herr Achad hat davon gegessen. Es benötigte lange Zeit, bis aus der ungestörten Geologie des Schweizer Schweigens einige Tropfen der Wahrheit ein Rinnsal bilden konnten, um sich jetzt den Weg ans Tageslicht zu bahnen.
Der Regisseur Frédéric Gonseth über seinen Film
Zweihundertfünfzig Schweizer Bürger waren Zeugen der Verbrechen der Wehrmacht an der Ostfront. Und zwar nicht irgendwelche Zeugen, sondern alles qualifizierte Beobachter, Mitglieder des medizinischen Personals, die mit einer Sanitätsdelegation zwischen 1942 und 1943 an die Ostfront gesandt wurden.
Diese Erinnerungen sechzig Jahre später wieder ins Gedächtnis zurück zu rufen ist schmerzvoll. Aber, zum ersten Mal sind mehrere Ärzte und Krankenschwestern der vier Sanitätsdelegationen gewillt, darüber zu sprechen. Sie erzählen uns von ihrem Einsatz, dem Idealismus ihrer Jugend, den erstaunlichen Begegnungen, aber auch von ihrer Bestürzung, ihrer Machtlosigkeit, den schmerzlichen Erinnerungen, den Schreckensbildern wovon einige sie ihr Leben lang quälen werden und eine bittere Wahrheit hinterlassen. Denn sie wurden zweimal betrogen. Ein erstes Mal glaubten sie, unter dem Zeichen des Roten Kreuzes zu handeln, in Wirklichkeit waren sie in der Wehrmacht integriert und es war verboten, sowjetische Verwundete zu pflegen. Ein zweites Mal bei ihrer Heimkehr, als die Verantwortlichen des Roten Kreuzes sie zum Schweigen zwangen, mußten sie sich der Zweideutigkeit der Regierung unterstellen ohne sich gegenüber der Öffentlichkeit und der Geschichtsschreibung rechtfertigen zu können, die diese Missionen bald nur noch als “ Zusammenarbeit ” mit den Nazis bezeichneten.
Was wir als fundamentales Interesse sehen, von internationaler Bedeutung, ist in diesen persönlichen Erzählungen die Tatsache, dass Menschen ohne jegliche Absicht und eigene Intervention dazu gebracht wurden, selbst die Shoah und die weit unbekannten Aspekte des zweiten Weltkrieges zu entdecken, vor allem was den Völkermord der sowjetischen Gefangenen anbetraf. Im Herzen des Filmes befinden sich diese Zeugenaussagen, die mit wachsender Klarheit Bilder einer schrecklichen und manchmal fast unerträglichen Wahrheit darstellen.
Frédéric Gonseth
2013 BOTIZA
2011 DIE ANDERE SEITE DER WELT
2010 KALENA
2010 LEMAN-MEKONG
2008 CITADELLE HUMANITAIRE
2005 GROS MOTS, PETITS SABOTS
2004 HISTOIRE C'EST MOI - REGARDS EN ARRIERE
2003 MISSION EN ENFER
2002 LES BARRICADES MISTERIEUSES
1999 ANIMAL CITY - LA CITE ANIMALE
1995-98 LONGUES OREILLES
1997 ESCLAVES D'HITLER
1997 LA MONTAGNE MUETTE
1997 CE FOU DE TÖPFER
1995 CHOEURS EN BALADE
1994 LE CIEL ET LA BOUE
1992 L'UKRAINE A PETITS PAS
1991 ESCAPADE MOLDAVE
1989 L'HISTOIRE DU FRANC SUISSE
1980 LA FACTURE D'ORGUE
News
- MISSION EN ENFER de Frédéric Gonseth le 14 septembre sur TSR 2 2007-09-13
- FLUCHEN UND FLÜSTERN von Frédéric Gonseth und Catherine Azad im Kino in Zürich 2006-06-07
- frog Festival du film romand in Genf 2006-06-06
Internet
Preis: 20.00 CHF
An Lager
DVD5
PAL 16:9
Region 0
Sprachen: Français Russe
Untertitel: Français Deutsch English Russian
Mission en enfer (Mission des Grauens)
CH 2003 95'
Regie: Frédéric Gonseth
Mitarbeit: Catherine Azad
Interviews: Catherine Azad
Kamera: Frédéric Gonseth
Ton: Catherine Azad
Schnitt: Frédéric Gonseth
Musik: Michel Hostettler
Sur le front de l'Est
CH 2004 7'
Les Russes!
CH 2004 15'
Regie: Frédéric Gonseth
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Welt
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Russland
Dokumentarfilm
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