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Festival del film Locarno

Semaine de la Critique


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Messies, ein schönes Chaos
CH 2011 117'
Regie: Ulrich Grossenbacher
Drehbuch: Thomas Moll, Nadia Fares, Ulrich Grossenbacher
Kamera: Ulrich Grossenbacher
Ton: Niklaus Wenger, Balthasar Jucker, Wendelin Schmidt-Ott, Peter von Siebenthal, Olivier Jeanrichard
Schnitt: Maya Schmid
Musik: Resli Burri
Produktion: Fair&Ugy filmproduktion GmbH

Stichworte
Locarno
Dokumentarfilm

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Messies, ein schönes Chaos

Ulrich Grossenbacher

Messies - eine Gratwanderung zwischen Genialität und Überforderung. Beherrschen sie das Chaos oder beherrscht das Chaos sie? Der Film gewährt einen vielschichtigen Einblick in den Alltag von vier Messies. Wir begeben uns auf Höhlenwanderungen durch ihre vollen Schatzkammern, entdecken ihre genialen Erfindungen, ihre gefährlichen Basteleien und stöbern in ihren riesigen Archiven. Wir erleben Konflikte, die sie durch ihr Anderssein mit ihren Angehörigen, Nachbarn und Institutionen zu bewältigen haben. Ein intimer Blick auf ein irritierendes wie faszinierendes Phänomen.

«Jenseits von durch Psychiatrie geprägten Diagnosen, die das Abnormale in den Vordergrund rücken, interessiere ich mich für den individuellen Menschen, dessen Sicht und Orientierung in dieser Welt.»
Ulrich Grossenbacher

Etwa zwei Prozent der Schweizer Bevölkerung gelten als krankhafte «Messies». Sie sammeln so extensiv und kompromisslos, dass ihr Verhalten sie isoliert. Sie werden ihren Mitmenschen zur Last oder verkriechen sich in den eigenen Wänden – sofern da noch Platz ist. Nicht nur in Boulevardmedien werden jeweils besonders abstruse Fälle vorgeführt: als Beleidigung jeglichen Empfindens für Ordnung und Mass in der aufgeräumten Schweiz. Ulrich Grossenbacher wählte einen anderen Weg. Neugierig begegnet er vier Menschen, die mit ihrem «Puff» auf unterschiedliche Weise umgehen. Arthur, ein lediger Bauer, bewohnt sein Heimetli auf seine Art. Nicht Geranien sind sein Stolz, sondern verrostende Traktoren, Bagger, Autos und Lastwagen. Seine Passion für schweres Gerät hält die Gemeindeverwaltung seit Jahren auf Trab.
Elmira legt in ihrer Wohnung äusserste Gelenkigkeit an den Tag. Meterhoch türmen sich die zu überquerenden Zeitungs- und Kassettenstapel, keine Kultursendung darf unaufgenommen bleiben.
Karl und Trudi bewohnen ein grosses Bauernhaus. Einer der letzten passierbaren Räume ist die Küche. Sie beklagt das verlorene Sozialleben, nicht mal mehr die eigenen Kinder besuchen sie. Ihr Ultimatum: Er schafft Platz oder sie zieht aus. Der Tüftler Thomas baut aus Schrott sinnige Apparate. Seine Werkstatt ist so übervoll wie seine Pläne. Grossenbacher scheut zwar keine Drastik der Anschauung, etwa wenn er in einem Schwenk genüsslich langsam die Dimension eines Chaos enthüllt oder wenn er seine Protagonisten bei ihren Gängen durch ihre archäologischen Ablagerungsschichten mit einer Minikamera behängt. Die präzis gesetzte Musik unterstützt mitunter den ironisierenden Blick. Es ist aber das Interesse für seine Protagonisten, ihr Erleben, ihre Kreativität, ihre Verdrängungsstrategien und ihre Erklärung des eigenen Tuns, das ihn leitet. Hinter Verschrobenheiten zeigen sich komplexe Charaktere. Sie präsentieren sich nicht vornehmlich als Kranke, sondern als Menschen mit einem überschäumendem Interesse für alles. Sie konfrontieren uns mit Fragen: Was ist normal, was ist krankhaft? Grossenbachers Respekt für seine «Messies», sein Sinn für Dramaturgie und seine visuelle Poesie führen zu Szenen voller Situationskomik und Skurrilität, ohne dass unser Lachen auf Kosten der Protagonisten geht.
Thomas Schärer, Semaine de la Critique Locarno

Ulrich Grossenbacher

Geboren 1958 in Langenthal. 1975 Kunstgewerbeschule Basel. Bis 1994 Künstler und Restaurator. 1995-96 Filmgeschichte und Dokumentarfilmkurs an der Kunstgewerbeschule Bern. Seit 1996 freelance Kamermann, Kameraassistent und Filmemacher.

2010 MESSIES, EIN SCHÖNES CHAOS
2006 HIPPIE MASALA - FÜR IMMER INDIEN
1997 SEIDE, MUTHAPPAR UND VHS
1996 MUSEUMSWÄCHTER

Jetzt im Kino

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