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Heimat - lebenslänglich

Christine Bänninger, Jens-Peter Rövekamp, Andreas Schürer

Der 85-jährige Emil Frey lebt in einem maroden Bauernhaus mitten in einer modernen Neubausiedlung. Der Grund für den Kontrast im Stäfner Quartier Trübel: Emil Frey will seine Heimat, die einst im Familienbesitz war, nicht verlassen. Gerichtlich wehrt er sich gegen die Ausweisung durch den Bauherren. Solange dieses Verfahren läuft, prallen im Trübel zwei Welten aufeinander: Hier der alteingesessene Emil Frey, der seinen Abfall im Ofen zu verbrennen pflegt, dort die Neuzuzüger, die von der Idylle auf dem Land träumen. Der Kontrast besticht nicht nur durch eindrückliche Bilder; er drängt auch Fragen auf: Was ist Heimat? Was ist normal? Wie gehen wir Menschen um, die anders sind als der Mainstream?

Im Zentrum des 65-minütigen Dokumentarfilms HEIMAT - LEBENSLÄNGLICH steht Emil Frey, der eigenwillige Bewohner des einsturzgefährdeten Hofs Geissen in Stäfa. Während rund sieben Monaten begleiteten wir den alten Bauern tageweise in seinem Alltag. Wir liessen ihn seine Geschichten erzählen und dokumentierten seine Heimat, „sein“ Haus. Wir wollten aber auch seine Widerspenstigkeit und Widersprüchlichkeit festhalten. Nachbarn und Zeitzeugen kommen mit ihrer Sicht der Dinge zu Wort.

Unmittelbar um Emil Freys Hof ist in den Jahren 2002 / 2003 ein Neubauquartier entstanden, eine „Gartensiedlung der neuen Generation“. Junge, meist kinderreiche Familien sind eingezogen. Im Gegensatz zu den neuen Bewohnerinnen und Bewohnern des Quartiers hat Emil Frey seinen Lebensplatz nicht gewählt – er ist hineingeboren, der Platz im Geissen war von Anfang an seine Heimat.

Und diese verteidigt er. Bis zum heutigen Tag kämpft er um sein Zuhause, obwohl sich das von ihm bewohnte Haus in einem überaus baufälligen Zustand befindet und ihm auch nicht mehr gehört. Die Erbengemeinschaft Frey hatte das Wohnhaus zusammen mit dem Land rund um den Hof gegen den Willen von Emil Frey verkauft. Der Bauer durfte in seinem geliebten Hof bleiben, dank einer Gebrauchsleihe, die er mit dem Käufer abschloss. Als die Liegenschaft und das Land erneut die Hand wechselten, wurde Emil Frey die Gebrauchsleihe gekündigt – er erhielt eine Auszugsfrist. Weil er diese nicht einhielt, sondern darauf beharrt, in dem Hof zu bleiben, erhielt er nationale Berühmtheit als „ältester Hausbesetzer der Schweiz“. Ist er ein Hausbesetzer? Fakt ist, dass Emil Frey sich wehrt, dass er eine alte Kultur verteidigt. Sein Wunsch, bis zu seinem Lebensende seine Heimat nicht verlassen zu müssen, will er mit juristischen Mitteln durchsetzen. Das Verfahren ist hängig.

Beeindruckend und seltsam zugleich wirkt nicht nur der alte Mann mit dem weissen Bart und dem ewig gleichen Mantel, sondern auch der Kontrast. In nächster Nähe, rund um den eingefallenen Hof Geissen, entwickelt und entfaltet sich die heutige Wohn- und Lifestylekultur. Emil Frey steht für Widerstand, aber auch für Aussenseitertum und für eine vergangene Zeit. Er lehnt die Lebensweise der neuen Nachbarn nicht ab, passt sich aber keinen Millimeter an. So hat er schon immer seinen Kehrricht im Kachelofen verbrannt, davon können ihn weder empörte Leserbriefe von Nachbarn in der Zürichsee-Zeitung noch die mehrfach aufgebrummten Bussen abhalten. Moderne prallt auf Tradition – in dem Dokumentarfilm HEIMAT - LEBENSLÄNGLICH wird diese in einem gewissen Sinne einmalige Situation, die jedoch stellvertretend für viele Entwicklungen im urbanen Umfeld von Städten ist, festgehalten.

Jedes Mal mehr Vertrauen

Im Laufe der Monate hat das Filmteam immer mehr das Vertrauen seines kauzigen alten Hauptdarstellers gewonnen. Bei den ersten Besuchen setzte sich Emil Frey in seinem dunklen Hausflur auf einen alten Baumstrunk, auf dem er normalerweise das Holz für den Ofen spaltete. Das Filmteam mit seiner «Laterne», so pflegte Emil Frey die Kamera zu nennen, musste unter dem Türrahmen stehen bleiben. Mit jedem Besuch liess der kuriose alte Mann die Regisseure einen Schritt weiter in das alte Haus und entführte sie in die Vergangenheit, die zugleich seine Gegenwart ist. «Emil ist ein guter Erzähler», sagt Christine Bänninger, die zusammen mit Andreas Schürer die Interviews geführt hat.«Wenn er Zeit hat, lässt er einen stundenlang eintauchen in seine Geschichten.»
Angela Lembo-Achtnich in Zürichsee-Zeitung, 24. November 2004

Der Film ist ruhig. Emil Frey bestimmt das Tempo. Er demonstriert uns, wie das Elektrische in seinem Haus funktionniert. Was für ihn eine geniale Erfindung ist, dürfte den meisten Zeitgenossen als ziemlich seltsam erscheinen. Selbstverständlich ist für Emil Frey auch, dass er das Wasser nicht über einen Hahn bezieht, sondern in Eimern sammelt, was sich vom Himmel niederschlägt. Zum Kochen pasteurisiere er dieses Wasser, erzählt er. Zum Hände-Waschen sei dies nicht nötig. Da könne er abkürzen. Er zeigt auch, wie er das Holz spaltet, wie er es in seinem Ofen zum Glühen bringt, wie er kocht, eine hausgemachte Rösti, und wie es in einem Bubenzimmer sowie auf dem Dachstock aussieht.
Vor der Hausführung kommentiert er den drohenden Abbruch seiner Heimat: Mich würde dieses Haus reuen. Auch wenn es innen nicht mehr schön ist. Aber es hat etwas. Es hat nicht nur Mäuerchen, es hat Mauern.
A-Bulletin 14. April 2005

Jens-Peter Rövekamp

Geboren 1959 in München, Deutschland. Autodidakt als Fotograf, Tonmann und Kameramann.

2009 NICHT STILL STEHEN
2007 UNTER EINER ANDEREN SONNE GEBOREN
2004 HEIMAT LEBENSLÄNGLICH
2003 MARK GNANT - GEMÜSEBAUER
2003 GIPSER - EIN ALTES HANDWERK
2003 KUNSTSCHULE WETZIKON
2002 EIN TAG IM LEBEN VON MULDAIN
2001 ECHTZEIT

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EAN 7640139360519
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 Heimat - lebenslänglich

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Region 2,3

Sprachen: Schweizerdeutsch
Untertitel: Deutsch

Heimat - lebenslänglich
CH 2005 63'
Regie: Christine Bänninger, Jens-Peter Rövekamp, Andreas Schürer, Peti Wiskemann
Drehbuch: Andreas Schürer, Peti Wiskemann, Christine Bänninger
Kamera: Jens-Peter Rövekamp
Ton: Madleina Meili
Produktion: rövekamptonfilm
Schnitt: Jens-Peter Rövekamp
Musik: Gabriel Stampfli

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