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Der grüne Heinrich

Thomas Koerfer

Der Grüne Heinrich, ein junger Maler, taucht in den Münchner Fasching ein. Vor einem alles entscheidenden Duell, erinnert er sich seiner turbulenten Jugendzeit in der Schweiz. Er denkt an seine geteilte Liebe: die reine Anna, seine Cousine, die an einer unheilbaren Krankheit leidet, und Judith, eine sinnliche Schauspielerin, die ihn seine erste Liebe vergessen lernt...

Kritik von Martin Schlappner, NZZ

Thomas Koerfer und sein Drehbuchautor, der ungarische Schriftsteller Peter Müller, haben die beiden Frauen, die Schauspielerin und Judith, in eine einzige Gestalt verschmolzen. Ein Vorgang, den als willkürlich bezeichnen wird, wer für eine Adaptierung von Kellers DER GRÜNE HEINRICH ein werkgetreues Festhalten am Text fordert. Doch Werktreue ist bei einem so grossen und verzweigten Romanwerk, das so beglückend wie manchmal auch langatmig ist, nicht möglich. Sollte man deshalb die Finger von ihm lassen? Der Vorwurf wäre höchst ungerecht, und das nicht nur, weil Thomas Koerfer – der mit der Adaptierung von Robert Walsers DER GEHÜLFE bewiesen hat, wie sensibel und dennoch frei er einem literarischen Text von Rang zu begegnen imstande ist – über lange Jahre mit dem Stoff Gottfried Kellers umgegangen ist.

Auf mehr als fünf Jahre reicht seine Bemühung zurück: Mit Dieter Feldhausen, der als Autor schon am GEHÜLFEN beteiligt gewesen war, hatte er ein erstes Mal einen Ansatz gesucht, damals überzeugt, es sei der Stoff im «Alemannischen» zu gründen, vielleicht sogar in der Mundart zu verwurzeln.

Thomas Hürlimann befand sich an seiner Seite, als Koerfer später einen weiteren Entwurf in Arbeit nahm. Das Drehbuch entwickelte sich, wie ein Kaleidoskop um Gottfried Keller, den GRÜNEN HEINRICH und das neunzehnte Jahrhundert aufgebaut, zum einen zu Bildwelten, wie sie über das vergangene Jahrhundert aussagekräftiger nicht hätten entworfen werden können, liess zum anderen aber die Hauptfigur in einer seltsamen Unverbindlichkeit zurück.

Ratlosigkeit darüber, wie vorzugehen wäre, liess den Stoff ruhen, bis sich mit dem Drehbuchautor Peter Müller ein Mitarbeiter fand, dessen Verhältnis zu Gottfried Keller unbelastet war und mit dem zusammen der dramaturgische Durchbruch endlich gelang. Peter Müller, der unter dem Titel «Drahtseilbahn» eine in einem Sanatorium in den Bergen situierte Todesgeschichte eines alternden Mannes geschrieben hatte, war tief in die Berührungsatmosphäre von Eros und Tod eingedrungen und war eben dieser Begabung von Luchino Visconti in das Team aufgenommen worden, das am Drehbuch zu dessen – nicht mehr realisierter – Adaption von Marcel Prousts A LA RECHERCHE DU TEMPS PERDU arbeitete.

DER GRÜNE HEINRICH, so entwickelte sich die dramaturgische Lösung nunmehr, durfte keinen Film abgeben, der, bildungsbürgerlich gesättigt und deshalb nur eingeschränkt verstehbar, zum Schauen hinzu das Wissen um den Roman und dessen Zeit verlangt hätte. Ins Zentrum rückte nun die Liebesgeschichte von Heinrich zwischen Anna und Judith, wobei vielfältig, doch konzentrierend auf den in der ersten Fassung des GRÜNEN HEINRICH ausgebreiteten Teil «Eine Jugendgeschichte» zurückgegriffen wurde. Diese «Jugendgeschichte» entfaltet sich im Film in Szenen einer zusammenhängenden Rückblende, zu welcher den Rahmen der Fasching in München, der «Kunststadt», abgibt und deren Abschluss Heinrichs Tod bildet.

Nun stirbt Heinrich im Film allerdings nicht als der arme, mit seinem Kunstsinnen gescheiterte Heimkehrer, der sich am Grabe seiner Mutter der Scham, ein an ihr schuldig gewordener Sohn zu sein, überlässt. Heinrich findet den Tod, genauer: er beruft ihn, in einer Szene, die Gottfried Keller zwar im Roman niedergeschrieben hat, bei welcher er indessen nicht an den Tod seines Helden gedacht hat. Es ist das die Fechtszene zwischen Heinrich und Ferdinand Lys, seinem Künstlerfreund; im Film wird sie nun ein Duell auf Leben und Tod tatsächlich. Hier nämlich fordert Heinrich seinen Tod heraus, im Bewusstsein seiner Schuld gegenüber Anna, die er verraten hat und nach deren Tod es ihm auch weiterhin nicht gelang, sich auf eine Liebe festzulegen.

Es ist dieser Heinrich also ein anderer junger Mann als der, welcher im Roman sich nie gefühlsmässig binden lässt. Thomas Koerfer und Peter Müller fällen einen Liebesentscheid, den der Heinrich des Romans zu fällen den Mut nicht aufbringt. Damit die Liebesgeschichte von Heinrich zwischen Anna und Judith konzentrierter wirkt, werden die beiden grossen Frauengestalten schon in der Kindheit als Mädchen und – wie eingangs erwähnt – als junge Frau eingeführt.

Im Tode ist Heinrich, und dieses Mal endgültig, mit Anna vereinigt; Thomas Koerfer, der höchsten Schwierigkeit sich bewusst, welche die Realisierung dieser Vision darstellen wird, erspürt in dieser Vereinigung ein Motiv, das er im Werk Kellers als entscheidend betrachtet, micht einzig, jedoch vor allem in der Novelle «Romeo und Julia auf dem Dorfe».

Internationale Gelder, Drehorte und Besetzung

Die szenische Ausstattung ist dank der Vielfalt der Schauplätze, vor allem der Interieurs, aufwendig, Ihr Aufbau bedingt die Nutzung eines Studios. Dieses steht in Bochum; schliesslich ist Nordrhein-Westfahlens Filmförderung namhaft an dem Projekt beteiligt. Insgesamt ist DER GRÜNE HEINRICH eine Gemeinschaftsproduktion der Schweiz mit Deutschland und Frankreich; ausführende Produktionsgesellschaft sind die Condor Productions in Zürich. Die Herstellungskosten belaufen sich auf runde neun Millionen Franken.

Keiner der Drehplätze, die es für die landschaftliche und urbane Situierung der Szenen braucht, konnte an den wirklichen Orten stichhaltig ausfindig gemacht werden: München findet nun in Potsdam statt (und das nicht etwa deshalb nur, weil das Filmbüro Brandenburg an dem Projekt beteiligt ist). Und nicht etwa aus dem Grunde, dass Stadt und Kanton Zürich sich unverständlicherweise geweigert haben, den Film mit Förderungsgeldern zu unterstützen, dient als Schauplatz für die Altstadt Zürich das «Quartier bas» von Freiburg im Üchtland – die renovatorische Altertümelei von Zürichs Altstadt würde im Film sich zu geschleckt ausnehmen. Und Judiths Haus steht auf dem Ballenberg, im Freilichtmuseum; es ist das «Adelbodenerhaus», ein zwar ganz und gar anderer Wohnhaustyp als der im zürcherischen Unterland gewohnte; dennoch stimmig, so wie seine Laube und seine Stiege, seine nahe Umgebung mit steilem Bergweg und dämmeriger Waldschneise zur Situierung der Begegnung Heinrichs mit Judith atmosphärisch gebraucht werden.

Assumpta Serna, als eine von Spaniens «besten Schauspielerinnen» gefeiert, ist jene Judith zwar nicht, welcher Gottfried Keller «grosse braune Augen» und einen «Mund mit dem vollen üppigen Kinn» andichtete. Ihr Haar ist nicht schwer und dunkel, sondern rötlich; verklärt wie der Dichter das sich wünschte, ist allerdings ihre Schönheit. Den dicken Oheim spielt Mathias Gnädinger, und im Heinrich des Thibault de Montalembert paart sich jugendliche Eleganz der Erscheinung mit romantischer Sensibilität des Gesichts.

Thomas Koerfer ist ein Filmemacher, der stille Autorität ausstrahlt. Von ihr ist die Equipe der Techniker ebenso geprägt wie die Offenheit der Schauspieler, die – an diesem Drehtag auf dem Ballenberg – seinen Weisungen mit Geduld in die subtilsten Nuancen folgen, so zahlreich die Wiederholungen der einzelnen Einstellungen, so zahlreich diese Einstellungen selbst sind – von der Totale bis zu Halbnah und Nah und hinein ins genaueste Detail. Thomas Koerfer äufnet Bildmaterial für jegliche mögliche Subtilität des Schnittes. Das verlangt Dauer und Ausdauer, und jeder gleicht sich dieser Anforderung an, voran gibt das gute Beispiel Gerard Vandenberg, der Kameramann, der zuletzt für Edgar Reitz die Bilder für dessen DIE ZWEITE HEIMAT bereitgestellt hat – ein Meister des intensiven, szenisch stets entschiedenen, atmosphärisch stets stimmigen Bildes.
Martin Schlappner

Thomas Koerfer

Geboren am 23. März 1944 in Bern. Studium der Soziologie und Nationalökonomie in Berlin, München und St. Gallen. Abschluss mit lic. oec. HSG in St. Gallen. Volontariat bei Alexander Kluge, Filminstitut Ulm. 1973 erster Spielfilm. 1994 Gründung des Filmverleihs Frenetic Films. Ab 2000 Übernahme der Quinnie Cinemas Bern

1991 DER GRÜNE HEINRICH
1990 ALL OUT
1985 KONZERT FÜR ALICE
1983 GLUT
1981 DIE LEIDENSCHAFTLICHEN
1978 ALZIRE ODER DER NEUE KONTINENT
1975 DER GEHÜLFE
1972 DER TOD DES FLOHZIRKUSDIREKTORS

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Der grüne Heinrich
CH 1991 110'
Regie: Thomas Koerfer
Drehbuch: Peter Müller, Thomas Koerfer, Barbara Jago, Gottfried Keller
Kamera: Gérard Vandenberg
Ton: Johnny Dubach, Jean-Paul Loublier
Ausstattung: Jan Schlubach, Rainer Schapper
Kostüme: Monika Jacobs
Schnitt: Marie-Josephe Yoyotte
Musik: Bruno Coulais
Produktion: Condor
Mit: Thibault de Montalembert, Florence Darel, Assumpta Serna, Mathias Gnädinger, Nadja Uhl, Dominique Sanda

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