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Geschichte der Nacht

Clemens Klopfenstein

Der erste Ambient-Film der Filmgeschichte. (taz)

Ein Filmexperiment, kaum einzuordnen, gegen alle Prinzipien des neuen Schweizer Filmwunders verstossend und herrlich irritierend: ein echter Vorläufer der ‘Dogma’-Filme.

Der 62-minütige Schwarzweissfilm, der an zahlreichen internationalen Filmfestivals sowie an der Documenta Kassel, auf der Art Basel und im Museum of Modern Art grosse Beachtung fand, ist radikal im Ansatz und in der Durchführung. Während vieler Jahre fing der Bieler Filmautor und Künstler Clemens Klopfenste in über fünfzehn Jahren mit einer kaum bewegten, hochsensiblen Kamera die Atmosphäre von europäischen Städten nach Mitternacht ein. Die vor einem halben Jahr in Bern erschienene DVD bringt das empfindliche Filmmaterial sehr schön zur Geltung. Nichts stört die grobkörnigen Aufnahmen der Backsteinbauten aus Irland, des kyrillisch beschrifteten Express-Buses, der Innenansichten des Warschauer Zentralbahnhofs, der nächtlichen italienischen Prozession pder der verschneiten Basler Innenstadt zur Fasnachtszeit. Es gibt auf dieser DVD keine Schnörkel, kein Making of und auch keine zuschaltbaren Audiokommentare, dafür aber als Zugabe in voller Länge die beiden nächsten, sinnverwandten Werke Klopfensteins, TRANSES (1979-81) und DAS SCHLESISCHE TOR (1982). Dies Macht die Ausgabe zu einer Nacht und Trance-Trilogie, wie sich bescheiden auf der Innenseite des Covers nennt.
Felix Aeppli, NZZ am Sonntag

Während vieler Jahre und und in über 15 Ländern hat Clemens Klopfenstein die verschwiegene Nacht der Städte belauscht, schlafende Häuser, verlassene Strassen, geheimnisvolle Silhouetten und spukhafte Schatten, mit einer kaum bewegten, aber hochsensiblen Kamera, die man geradezu pulsieren und atmen fühlt. GESCHICHTE DER NACHT heisst der einstündige Film des Baslers (sic!), der sich seit langem nicht nur filmisch, sondern auch zeichnerisch und malerisch betätigt. Der Titel ist zu bescheiden. Denn diese dunklen, grobkörnigen, von spärlichen und ausnahmslos vorgegebenen Lichtquellen aufgeschreckten Steinwelten öffnen sich einem impressionistischen Raum, in dem sich, unsichtbar und kaum hörbar, nicht eine, sondern tausend Geschichten abspielen: als Frucht der Phantasie des Zuschauers, die durch Klopfensteins suggestive Beobachtungen zu leben und – schöpferisch – zu arbeiten beginnt. Sofern der an erlahmende Kinostories gewohnte Zuschauer dazu überhaupt noch fähig ist. Insofern verwischt Klopfenstein die Grenzen zwischen Dokumentar- und Fiktionsfilm, zwischen der technischen Strenge eines Kamera- und der Individualität des gezeichneten Bildes. Während das Kino allzuoft Bewegung (Aktion und Theater) abphotographiert, zeigt Klopfenstein die Photographie in Bewegung, und zwar mit einer durchaus filmischen Eigengesetzlichkeit, die das Ungesehene des Alltags transparent werden und entdecken lässt. Seine Bilder und Geräusche erinnern an durchgestandene der Meditation und der Beschaulichkeit, des sowohl nach innen wie nach aussen gerichteten Lauschens, wenn die Zeit stillzustehen scheint. Doch die Aussenwelt schafft nicht nur einen schier bodenlosen Innenraum: Klopfensteins brüchiges Reich der Phantome ist auch das Musterbeispiel eines antitouristischen Films. Hier zählt nicht das Pflichtpensum der Reiseführer, nicht das Besondere, sondern das Allgemeine: Die einzelnen Städte werden nie benannt, sind bloss zu erahnen; ihre Austauschbarkeit macht Wesensverwandtschaften (auch der Menschen) greifbar.
Bruno Jaeggi, in: Basler Zeitung, Nr. 20, 24. Januar 1979

Filme wie dieser müssten immer weitergehen, wider alle Vernunft, der sie sich lustvoll entwinden, und in der Tat hatte der schweizerische Filmemacher Clemens Klopfenstein den Plan, seine GESCHICHTE DER NACHT, wortlose, ruhige Bilder von dunklen, menschenleeren Strassen und Plätzen überall in Europa, tatsächlich eine ganze Nacht lang dauern zu lassen. Das Fernsehen, einerseits Mäzen dieser nur 63 Minuten langen Meditationsübung, die über einen Zeitraum von acht Jahren in 150 Nächten entstand, kann dergleichen natürlich nicht zulassen. Das Programmschema mag minimale Abweichungen von der Norm erlauben, es verbietet indessen den Traum von einer endlosen Fernsehnacht, in der bis zum frühen Morgen nichts anderes zu hören und zu sehen ist als Bilder und Töne vieler Nächte: aufgezeichnet in grobkörnigem Schwarz-Weiss, Phantome, Schatten, unwirkliche Lichtspiele zwischen Belfast und Basel, Stockholm und Warschau. Die Ansichten von leeren Städten, in denen keine Orientierung möglich ist, verschwimmen im Bewusstsein des Zuschauers, der sich willig dem Strom der Bilder hingibt, zu einer einzigen, fremden Stadt: eine Traum-Erfahrung. Kino.
Hans C. Blumenberg, in: DIE ZEIT, Nr. 11, 9. März 1979 (und Fernseh-Vorschau, Ende Mai 1979)

TRANSES – REITER AUF DEM TOTEN PFERD

TRANSES beschreibt mit der Kamera das berauschende Gefühl des Davonfahrens. Lange, endlos wirkende Aufnahmen aus einem Auto und später aus Zügen, hinein in eine Landschaft fernab einengender Zivilisation üben eine befreiende Faszination auf den Zuschauer aus ... TRANSES ist eine subjektive Kamerareise zwischen Trance und Schwebezustand, eine Weiterentwicklung von GESCHICHTE DER NACHT.

DAS SCHLESISCHE TOR

Bilder und Töne aus Berlin, Tokyo und aus Hongkong, dazu Licht- und Schattenstudien meines Zimmers in Berlin sollen durcheinander gemischt und durcheinander geblendet und, von verwestlichter chinesischer Musik unterstützt, das Gefühl von Heimweh und Fernweh, von Sehnsucht, von irgendwo und nirgendwo evozieren.

“Klopfenstein hat Bilder gemacht, wie man sie so friedlich unbestimmt dann findet, wenn man auf unbekanntes Gelände kommt und noch nict weiss, was man darüber aussagen, und was aus dem allgemeinen atmosphärischen Eindruck hervorzuheben wäre. Der Blick verbohrt sich nicht, er fasst nichts ins Auge, er schweift weit, er folgt der Bewegung der S-Bahn, orientiert sich an einem Warnschild, einer Telefonzelle, gleitet weiter, belässt alles in der Nebensächlichkeit. Die Bilder der Aussenwelt, von der Nacht am Schlesischen Tor, dem Tag in Tokio und Hongkong sind von unprätentiöser Selbstverständlichkeit. Durch die Montage fangen die Bilder zu sprechen an. Sie artikulieren den Lauf des Lichts um die Wel: Fällt in Berlin die Nacht, gleisst im Osten das Licht überweiss. Zu dieser realistischen Aussage gesellt sich eine poetische: Die Bilder beider Weltteile werden durch unterlegte “amerikanisierte” chinesische Musik eigenartig entwirklicht. Die Poesie versucht die Welt zusammenzufügen, welche durch den unabhängigen Lauf der Zeit getrennt ist in Ost und West, Tag und Nacht.”
Peter Schneider, in: CINEMA, 29. Jg, Basel/ Frankfurt/M 1983

Wie kleine Sonnen gleißen Lampen hinter Fenstern
Clemens Klopfensteins Geschichte der Nacht ist so etwas wie der erste Ambient-Film der Filmgeschichte

Ekkehard Knörer in der taz tageszeitung vom 15. Juni 2006

Kaum einer in der Filmszene der Gegenwart verkörpert so überzeugend den exzentrischen Außenseiter und Gesamtkünstler als formidable One-Man- Band wie der Schweizer Clemens Klopfenstein. Mit seinem Film im Film über Film DIE VOGELPREDIGT ODER DAS SCHREIEN DER MÖNCHE (2005) hat er zuletzt, wie der Kritiker Bert Rebhandl notierte, eine Art komische Summe seines erfindungsreichen Bastelwerks vorgelegt. Begonnen hat der 1944 geborene Künstler freilich als Maler, Zeichner und Fotograf. Nach einem wenig erfolgreichen Spielfilm geriet er 1972 mit einem Stipendium als Maler nach Rom, in Rom in die Nacht, und in der Nacht legte er hoch lichtempfindlichen Film in seine Fotokamera. Heraus kam dabei die zwölfteilige Serie PAESE SERA. Daraus wurde eine Filmidee, die Geschichte zweier Liebender, die sich verfehlen im Dunkel der Nacht. Diese Geschichte hat sich verflüchtigt. Aus dem 1979 fertig gestellten und vielleicht etwas irreführend betitelten Film GESCHICHTE DER NACHT sind alle Liebenden, ja alle Fiktion und alle Narration verschwunden. Was wir sehen, sind einzig aneinander gereihte Filmaufnahmen in vielen, das Booklet sagt: 15, Städten Europas. Zu sehen ist die Stadt bei Nacht, ist die Nacht auf meist leeren Plätzen und Straßen in Städten, sind Lichter und Menschen im Dunkeln, sind kaum identifizierbare, jedenfalls nie identifizierte oder benannte Orte irgendwo in Europa. Die Reihung der Einstellungen hat, anders als beim nicht ganz unverwandt arbeitenden James Benning, kein festes formales Prinzip, also etwa die feste und gleiche Dauer der Einstellungen. Die Nächte und Städte und Plätze und Lichter gehen fast unbemerkt, jedenfalls ohne dass es Markierung oder Zäsur gäbe, ineinander über.

Sie bilden so eine einzige Nacht als vielgestaltiges Ineinander von Hell und Dunkel. Mehr milchiges Hell freilich als finsteres Dunkel, denn wie bereits in der Fotoserie ist das Filmmaterial sehr empfindlich. Wie kleine Sonnen gleißen Lampen hinter Fenstern in Wohnungen und das Licht der Laternen auf der Straße in den Bildern. Jede genauere zeitliche Zuordnung, frühe Nacht oder späte, später Abend oder früher Morgen, wird so beinahe unmöglich.

Und darum geht es auch nicht. Eher geht es darum, den Blick einzulassen ins Bild und das Geschehen im Bild, das allerdings fern jeden Spektakel- oder Ereignischarakters bleibt. Die Kamera, nicht statisch, aber doch recht wenig bewegt, bezeugt im Grunde nichts, und beinahe zeigt sie auch nichts. Vielmehr verweilt sie einfach, und das Einzige, was sich über die Zeit, den Raum und die Art des Aufenthalts des Betrachters im Geschehen sagen lässt, ist: Wir sind in der Nacht, und wir verlassen sie nicht. Und es ist alles andere als unangenehm, auf diese Weise in der Nacht zu sein. Auch die Geräusche, Originaltöne gelegentlich, ganz leises Schlagzeug andernorts, drängen sich nicht auf. Diese Nacht umfängt uns mit einer schwer erklärlichen atmosphärischen Wärme, der wir uns gerne überlassen. Der Film und sein Blick, seine Bewegung, die ein Gleiten durch Raum und Zeit ist und kein Springen, fordern nichts von uns, sondern laden uns ein zu einem Sehen, das sich dem Gesehenen anschmiegt. Wir sind befreit von jedem Zwang zum Verfolgen irgendeiner Geschichte, nichts drängt uns zu Identifikation, nichts drängt uns zu Mitgefühl.

Oft sind die Szenen, auf denen der Blick der Kamera verweilt und die unseren Blick so zum Verweilen einladen, menschenleer. Nur die Straßen, Häuser, Schilder in fremden Sprachen und die Nacht. Manchmal tauchen Menschen auf, das Ende einer Party, eine fast gespenstische Band auf der Straße, aber die Kamera hält sich zurück, bleibt in einem merkwürdigen Mittelgrund zwischen Nähe und Distanz.

Falls GESCHICHTE DER NACHT der erste Ambient-Film der Filmgeschichte sein sollte, so jedenfalls nicht der letzte. Nicht nur hat er mit Daniel Eisenbergs gleichfalls berückendem Werk SOMETHING MORE THAN NIGHT (USA, 2002) einen Nachfolger gefunden - Klopfenstein selbst hat eine Art Fortsetzung gedreht, TRANSES(1981), eine Serie von Fahrten mit Auto und Bahn durch europäischeLandschaften. Dieser Film ist ebenso auf der DVD zu finden wie der 22-minütige Geniestreich DAS SCHLESISCHE TOR (1982), der das östliche Kreuzberg der frühen Achtziger auf ebenso überraschende wie komische Weise mit Bildern und Musik aus China in Berührung bringt.

Die drei Filme ergeben ein so wundersames wie faszinierendes Triptychon, und GESCHICHTE DER NACHT ist bei Lichte besehen eine der DVDs des Jahres.

Clemens Klopfenstein

Geboren 1944 am Bielersee. Besuch der Kunstgewerbeschulen in Basel und Zürich. Filmkurse in Zürich bei Kurt Früh. Seit 1963 Maler und Filmemacher. 1974 Romstipendium für Malerei. 1981 DAAD-Filmstipendium in Berlin. Kunstausstellungen in Italien und in der Schweiz.

2012 THE IT.ALIENS
2009 WEG NACH RIO
2005 DIE VOGELPREDIGT
2000 WERANGSTWOLF
1999 ALPTRAUM (Tatort)
1997 DAS SCHWEIGEN DER MÄNNER
1994 DIE GEMMI - EIN ÜBERGANG
1992 FÜÜRLAND 2
1991 DAS VERGESSENE TAL
1990 STONES, STORM AND WATER
1989 ET IN ARCADIA EGO
1988 MACAO ODER DIE RÜCKSEITE DES MEERES
1984 DER RUF DER SYBILLA
1982 DAS SCHLESISCHE TOR
1981 E NACHTLANG FÜURLAND
1981 TRANSES - REITER AUF DEM TOTEN PFERD
1979 GESCHICHTE DER NACHT
1974 DIE FABRIKANTEN
1970 VARIETE CLARA
1968 NACH RIO
1967 WIR STERBEN VOR
1966 UMLEITUNG

Musik
TOD TRAUER TRAPANI

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 Geschichte der Nacht

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Geschichte der Nacht
CH 1979 63'
Regie: Clemens Klopfenstein
Drehbuch: Clemens Klopfenstein
Kamera: Clemens Klopfenstein
Schnitt: Hugo Sigrist, Clemens Klopfenstein

Transes
CH 1981 87'
Regie: Clemens Klopfenstein
Drehbuch: Clemens Klopfenstein
Kamera: Clemens Klopfenstein
Ton: Hugo Sigrist
Schnitt: Hugo Sigrist, Veronika Schaer

Das Schlesische Tor
CH 1982 22'
Regie: Clemens Klopfenstein
Drehbuch: Clemens Klopfenstein
Kamera: Clemens Klopfenstein
Ton: Hugo Sigrist, Verena Kiefer
Schnitt: Clemens Klopfenstein, Verena Kiefer

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