De En Fr It
iPhone Classic

Der Gehülfe

Thomas Koerfer

...ich will nur versuchen, ob ich mir klar darüber werden kann, was mit meiner Person eigentlich los ist und mit dem Umkreis von Welt, der die Mühe gehabt hat, mich zu ertragen.
Robert Walser

Der 24-jährige Joseph Marti wird nach längerer Stellenlosigkeit als kaufmännischer Angestellter in das technische Büro des Ingenieurs und Erfinders C. Tobler nach Bärenswil vermittelt. Tobler hat sein gesamtes Vermögen in Erfindungen investiert, für die sich niemand interessiert. Neben den zu führenden Korrespondenzen, in der Regel diktierte hochtrabende Bittschreiben, erstrecken sich Martis Pflichten auch auf häusliche und familiäre Dienste. Dafür bewohnt er das Turmzimmer, wo er seine Freizeit mit Selbstanklagen und geistigen Übungen in Trotz und Rebellion totschlägt und an die scheuen, gefühlsverwirrten Momente mit der jungen Frau Tobler denkt.

Man wird hineingezogen in den langsamen Zerfall des Hauses Tobler, in die prächtigen Feste, die zum Trotz gefeiert werden; leidet mit bei den brutalen Abreaktionsspielchen, die sich Tobler mit seinem psychisch ihm über den Kopf wachsenden Untergebenen leistet, bei jenem Anflug einer erotischen Beziehung, die Joseph dazu benutzt, um der Rabenmutter Vorhaltungen zu machen.

Kommentar

von Martin Schaub

Viele, und vor allem solche, die die Bücher Robert Walsers lieben, haben schon gefragt: «Kann man Walser überhaupt verfilmen?» Eine Verfilmung macht nur einen Sinn, wenn der Filmemacher seine (persönliche, zeitgemässe) Lektüre seines Textes darstellt: also das Buch und sich selber. 'Werktreue' kann kaum das Ziel eines solchen Unternehmens sein; 'Werktreue' kann ein Mittel sein. Verfilmungen sind dann uninteressant, wenn sich der Regisseur unsichtbar und unhörbar macht. Über Thomas Koerfers DER GEHÜLFE wäre wenig zu sagen, hätte Koerfer versucht, Walser zu spielen.

Koerfer und Feldhausen haben in Robert Walser nicht den weltfremden Fantasten gesehen, als der er bei vielen Lesern und Interpreten zu Unrecht gilt. Sie haben ihn beim Wort genommen, und zwar nicht nur bei dem Wort, das in dem 1907 entstandenen Roman steht. Das Drehbuch hält sich zwar an dieses Buch, hat aber das Gesamtwerk im Auge. Wo der Gehülfe nicht deutlich genug schien, wurden Stellen aus 'Geschwister Tanner' und den kleineren Schriften beigezogen, ja der Horizont wurde dann stellenweise weiter, als derjenige von Walser hat sein können.

Joseph Marti's Geschichte spielt sich ab zwischen Stellenlosigkeit und erneuter Stellenlosigkeit; zwischen diesen beiden Stillständen vollzieht sich der Untergang des kleinen Unternehmens Ingenieur Tobler. Tobler, der nach Selbständigkeit strebende kleine Techniker, will ein schweizerischer Edison werden. Er hat kein Glück; die Zeit braucht seine Erfindungen nicht. Auch die Hochstapelei nützt nichts. Wenn Joseph, der erfolglos mitgeholfen hat, einen Unternehmer über Wasser zu halten, die 'Villa Abendstern' verlässt und sich zu den anderen Stellenlosen gesellt, weiss Frau Tobler bereits, dass sie mit ihrem Mann und ihren Kindern 'dann irgendwo in der Stadt wohnen wird, wahrscheinlich in einem billigen Quartier'.

Was ist denn der Ingenieur Tobler anderes als ein Angestellter, der einen grossen Traum geträumt hat, den Traum vom amerikanischen Aufstieg? Die Gründerjahre wimmelten von Menschen, die ihren Platz in der Gesellschaft nicht fanden, sich 'selbständig' zu machen versuchten und untergingen.

Unter den verschiedenen Erfindungen des Ingenieur Tobler gibt es eine 'Fantasiemaschine'. Das ist ein bunter Kasten, in welchen man einen Batzen werfen muss, um durch ein Okkular schöne Heimatsbilder, vermischt mit Reklame, zu sehen. Ein erhoffter 'Kapitalist' (also jemand, der die Maschine finanzieren soll) meint zu Joseph, der die Vorzüge des 'Esel-streck-dich' zu rühmen versucht: «Ich muss sagen, ich habe etwas anderes erwartet, etwas in der Art des Kinematographen; Sie wissen was ich meine. Was sie kennen den Kinematographen nicht? Dann fahren Sie aber schleunigst in die Stadt und gehen hinein. Das ist doch das neueste Gehülfen- Vergnügen!»

Koerfers Joseph Marti hat keine Selbständigkeitsträume. Er ist eine Art Symbolfigur des lohnabhängigen Idealisten des 20. Jahrhunderts. Die Freundin Klara, deren streitbares und stolzes Bild ihm ungerufen einfällt, und die er zweimal in der Stadt besucht, kann er im Grunde nicht begreifen. «Aber ihr Angestellten», sagt Klara, die Sozialistin, «unterscheidet euch eben von den Arbeitern darin, dass ihr geistig obdachlos seid. Zu den Genossen könnt ihr vorläufig nicht hinfinden, und das Haus der bürgerlichen Begriffe und Gefühle, das ihr bewohnt habt, ist eingestürzt, weil ihm durch die wirtschaftliche Entwicklung die Fundamente entzogen worden sind. Ihr lebt gegenwärtig ohne eine Lehre, zu der ihr aufblicken, ohne ein Ziel, das ihr erfragen könnt...»

Sie schaut mit klareren Augen in die Welt als er, und sie träumt nicht. Klara ist Fotografin; sie hält dokumentarisch realistisch fest, was sie umgibt, und sie hat ein Ziel.

Joseph Marti hingegen schreibt Gedichte, die nur die heimlich und still leidende Frau Tobler versteht. Bevor die ganze Pracht der Toblerschen Aussenwelt in sich zusammenkracht, 'das Haus der bürgerlichen Begriffe und Gefühle', ernennt Frau Tobler den Commis zu ihrem 'Minister des Innern'.

Der Preis der Unschuld ist die Einsamkeit. Joseph bezahlt ihn still; nur ab und zu überfallen ihn Träume und Sehnsüchte. Er träumt von menschlicher Güte, die alle Probleme löst, von der Gleichheit aller Menschen; er sehnt sich nach der Entschlossenheit Klaras und der Geborgenheit in Mutters Armen. Aber real, real steht nichts zwischen ihm und den Sternen, die er nachts von seinem Kämmerlein aus betrachtet. Marti sucht keine Lösung seiner Lebensart; er hofft irgendwie auf eine Erlösung. Und im Warten spinnt er sich immer dichter ein; er betrachtet sich selber und die schönen Buchstaben, die er vor sich hinschreibt. Ich glaube nicht so recht an die Bewusstwerdung, die sich auf seinem Gesicht abzuzeichnen scheint, wenn er wieder stellenlos ist. Marti bleibt ein Kalligraph. Er kratzt mit spitzer Feder auf weisses Papier, während sich draussen vor dem Fenster Geschichte abspielt.

Joseph Marti ist 'unschuldig'. Aber wie unschuldig waren die Joseph Martis in unserem Jahrhundert? Sie, die in der Geschichte keinen rechten Platz finden konnten, weil sie meinten, man könne zwischen dem Arbeiter und dem Unternehmer stehen. Marti hat es gehabt wie Millionen von Angestellten; er hat es nur nicht gemerkt, weil er zu sehr in sich selbst hineinschaute. In Martis Lebensangst und Versponnenheit wird nicht nur seine soziale Situation sichtbar, sondern ein Stück Schweiz. Die Verinnerlichung des Klassengegensatzes ist vielleicht nirgends so weit getrieben worden wie in der Schweiz. Und das Bedürfnis, sich draussen zu halten, geschichtslos zu werden, sich die Hände in Unschuld zu waschen, gehört unverwechselbar zur Schweiz des 20. Jahrhunderts.

Robert Walser hat sich in der Figur des Joseph Marti selbst porträtiert. Thomas Koerfer betrachtet beide, Schöpfer und Geschöpf, aus freundlicher Nähe. Er versucht sie zu verstehen, und er versucht sie zu beurteilen. Er entwirft die Walsersche Welt und führt seinen Zuschauer sanft an ihre brüchigen Stellen. An diesen Stellen setzen die Fantasie, die Spekulation und die Erinnerungen des Zuschauers ein.

Das Hauptmerkmal von Thomas Koerfers GEHÜLFEN - Film ist die ausserordentliche, ruhige Schönheit seiner Bilder. Diese Schönheit allerdings hat mit Joseph Martis Kalligraphie nichts zu schaffen. Da Koerfer Robert Walsers Roman ganz deutlich und ausdrücklich auf ein präzisesThema hin befragt, wird die Schönheit problematisch. Koerfer, kongenial unterstützt von seinem Kameramann Renato Berta, lässt seinen Zuschauer nicht schwelgen in den schönen Bildern; er will kein 'Minister des Innern' des Zuschauers werden. Dann schon eher Informationsminister, wenn überhaupt Minister. Der Zuschauer betrachtet die Schönheit, sieht aber auch ihre Funktion und ihre Brüchigkeit. Die Schönheit, mit der sich der träumende Unternehmer Tobler umgibt, ist eine Art Maske. «So lange noch ein solches Weinlein im Hause ist, da...», sagt Tobler zu seinen Freunden in der elektrisch illuminierten Gartengrotte, doch bald wird ihm der Strom abgestellt werden, und das proletarische Petrollicht wird auch in seinem Haus brennen. Frau Tobler bekommt ein neues Kleid, bevor sie auf ihren letzten Bettelgang geht. «Ein Bild des zwanzigsten Jahrhunderts» ist die Szene betitelt, in der Frau Tobler das Haus verlässt, um irgendwo auf der Welt draussen einen rettenden 'Kapitalisten' zu suchen. [...]

Thomas Koerfer

Geboren am 23. März 1944 in Bern. Studium der Soziologie und Nationalökonomie in Berlin, München und St. Gallen. Abschluss mit lic. oec. HSG in St. Gallen. Volontariat bei Alexander Kluge, Filminstitut Ulm. 1973 erster Spielfilm. 1994 Gründung des Filmverleihs Frenetic Films. Ab 2000 Übernahme der Quinnie Cinemas Bern

1991 DER GRÜNE HEINRICH
1990 ALL OUT
1985 KONZERT FÜR ALICE
1983 GLUT
1981 DIE LEIDENSCHAFTLICHEN
1978 ALZIRE ODER DER NEUE KONTINENT
1975 DER GEHÜLFE
1972 DER TOD DES FLOHZIRKUSDIREKTORS

Renato Berta

In den 60er Jahren machte sich der gebürtige Tessiner im Neuen Schweizer Film an der Seite von Alain Tanner, Daniel Schmid, Claude Goretta und Michel Soutter einen Namen. Im weiteren Verlauf seiner Karriere drehte er über hundert Filme und arbeitete mit zahlreichen Regiegrössen wie Jean-Luc Godard, Louis Malle, Danièle Huillet und Jean-Marie Straub, Alain Resnais, Manoel de Oliveira, Amos Gitaï und Robert Guédiguian zusammen.

2005 ESPELHO MAGICO (Manoel de Oliveira)
2005 CODE 68 (Jean-Henri Roger)
2005 FREE ZONE (Amos Gitai, not credited)
2005 LE PROMENEUR DU CHAMP DE MARS (Robert Guédiguian)
2004 MON PERE EST INGENIEUR (Robertz Guédiguian)
2004 UNE VISITE AU LOUVRE (Danièle Huillet, Jean-Marie Straub)
2003 PAS SUR LA BOUCHE (Alain Resnais)
2003 ALILA (Amos Gitai)
2003 BALLO A TRE PASSI (Salvatore Mereu)
2003 LE RETOUR DU FILS PRODIGUE (Danièle Huillet, Jean-Marie Straub)
2002 LULU (Jean-Henri Roger)
2002 O PRINCIPIO INCERTEZA (Manoel de Oliveira)
2002 MARIE-JO ET SES 2 AMOURS (Robert Guédiguian)
2001 EDEN (Amos Gitai)
2001 OPERAI, CONTADINI (Danièle Huillet, Jean-Marie Straub)
2000 PALAVRA E UTOPIA (Manoel de Oliveira)
2000 MERCI POUR LE CHOCOLAT (Claude Chabrol)
2000 KIPPUR (Amos Gitai)
2000 VIVE NOUS! (Camille de Casabianca)
2000 ADDIO LUGANO BELLA (Francesca Solari)
1999 BERESINA ( VOD) (Daniel Schmid)
1999 KADOSH (Amos Gitai)
1999 VAANAPRASTHAM (Shaji N. Karun)
1998 YOM YOM (Amos Gitai)
1998 INQUIETUDE (Manoel de Oliveira)
1997 ON CONNAIT LA CHANSON (Alain Resnais)
1997 VIAGEM AO PRINCIPIO DO MUNDO (Manuel de Oliveira)
1996 PARTY (Manuel de Oliveira)
1996 CHIMERE (Bartabas)
1995 ZIHRON DEVARIM (Amos Gitai)
1995 ADULTERE, MODE D'EMPLOI (Christine Pascal)
1994 THE WRITTEN FACE (Daniel Schmid) (VOD D, VOD E, VOD F)
1994 LA PROSSIMA VOLTA IL FUOCO (Fabio Carpi)
1994 LA MORT DE MOLIERE (Robert Wilson)
1993 SMOKING / NO SMOKING (Alain Resnais)
1993 L'INSTINCT DE L'ANGE (Richard Dembo)
1992 HORS SAISON (Daniel Schmid) (VOD)
1991 LE FILM DU CINEMA SUISSE (Jean-François Amiguet, Renato Berta et al.)
1991 RIEN QUE DES MENSONGES (Paul Muret)
1990 URANUS (Claude Berri)
1989 MILOU EN MAI (Louis Malle)
1989 TWISTER (Michael Almereyda)
1989 CHIMERE (Claire Dvers)
1988 ADA DANS LA JUNGLE (Gérard Zingg)
1987 LES INNOCENTS (André Téchiné)
1987 AU REVOIR LES ENFANTS (Louis Malle)
1987 JENATSCH (Daniel Schmid)
1987 DER TOD DES EMPEDOKLES (Danièle Huillet, Jean-Marie Straub)
1986 CORPS ET BIEN (Benoît Jacquot)
1986 TAXI BOY (Alain Page)
1986 ROSA LA ROSE, FILLE PUBLIQUE (Paul Vecchiali)
1985 L'HOMME AUX YEUX D'ARGENT (Pierre Granier-Deferre)
1985 RENDEZ-VOUS (André Téchiné)
1985 HURLEVENT (Jacques Rivette)
1984 L'ANNEE DES MEDUSES (Christopher Frank)
1984 LES NUITS DE LA PLEINE LUNE (Eric Rohmer) ((Deutsche Untertitel)
1984 VIVE LES FEMMES (Claude Confortès)
1984 IL BACIO DI TOSCA (Daniel Schmid)
1984 VOYAGE D'ANTOINE (Christian Richelme)
1983 L'HOMME BLESSE (Patrice Chéreau)
1983 MIRAGE DE LA VIE (Daniel Schmid)
1983 HECATE (VOD)
1981 NOTRE DAME DE LA CROISETTE (Daniel Schmid)
1980 RETOUR A MARSEILLE (René Alliio)
1980 SAUVE QUI PEUT (LA VIE) (Jean-Luc Godard)
1980 SEULS (Francis Reusser)
1979 MESSIDOR (Alain Tanner)
1978 LA VOIX DE SON MAÎTRE (Gérard Mordillat, Nicolas Philibert)
1977 A. CONSTANT (Christine Laurent)
1977 LES INDIENS SONT ENCORE LOINS (Patricia Moraz)
1977 ALZIRE ODER DER NEUE KONTINENT (Thomas Koerfer)
1977 SAN GOTTARDO (Vili Hermnann)
1977 VIOLANTA (Daniel Schmid)
1977 REPERAGES (Michel Soutter)
1976 FORTINI / CANI (Danièle Huillet, Jean-Marie Straub)
1976 JONAS QUI AURA 25 ANS EN L'AN 2000 (Alain Tanner)
1976 LE GRAND SOIR (Francis Reusser)
1976 SARTRE PAR LUI-MEME (Alexandre Astruc, Michel Contat)
1976 SCHATTEN DER ENGEL (Daniel Schmid)
1975 DER GEHÜLFE (Thomas Koerfer)
1974 PAS SI MECHANT QUE ÇA (Claude Goretta)
1974 LE MILIEU DU MONDE (Alain Tanner)
1974 LA PALOMA (Daniel Schmid)
1973 EINLEITUNG ZU ARNOLD SCHÖNBERGS BEGLEITMUSIK EINER LICHTSPIELSZENE (Danièle Huillet, Jean-Marie Straub)
1973 DER TOD DES FLOHZIRKUSDIREKTORS (Thomas Koerfer)
1973 LES VILAINES MANIERES (Simon Edelstein)
1972 GESCHICHTSUNTERRICHT (Danièle Huillet, Jean-Marie Straub)
1972 HEUTE NACHT ODER NIE (Daniel Schmid)
1972 LE RETOUR D'AFRIQUE (Alain Tanner)
1971 LA SALAMANDRE (Alain Tanner)
1969 VIVE LA MORT (Francis Reusser)
1969 CHARLES MORT OU VIF (Alain Tanner)

Videos

News

Internet

EAN 7640120990732
Permalink Tweet Webseite weiterempfehlen

Der Gehülfe

Der Gehülfe

Der Gehülfe

Der Gehülfe

Der Gehülfe

Der Gehülfe

Der Gehülfe

Der Gehülfe

Der Gehülfe

Der Gehülfe

Der Gehülfe

Der Gehülfe

Der Gehülfe

Der Gehülfe