artfilm.ch
Preis: 28.00 CHF
19.90 EUR 27.10 USD
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DVD5
PAL 16:9
Region 2
Sprachen: Deutsch Tibetisch
Untertitel: Deutsch Français English
Früher oder später
CH 2003 90'
Regie: Jürg Neuenschwander
Drehbuch: Jürg Neuenschwander, Nicolas Brocard
Kamera: Philippe Cordey
Ton: Ingrid Städeli
Schnitt: Regina Bärtschi
Musik: David Gattiker
Siehe auch:
Exit. Le droit de mourir
Elisabeth Kübler-Ross. Dem Tod ins Gesicht sehen
Rive-Neuve, la nuit
Viva la muerte. Es lebe der Tod
Stichworte
Welt
Gesundheit
Tod
Dokumentarfilm
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Früher oder Später
Jürg Neuenschwander
"Ich wartete am Morgen immer auf den Anruf. Wenn es geklingelt hat, dachte ich immer: «Jetzt ist es passiert.»"
Mit Sterbenden habe ich angefangen. Mit Hinterbliebenen habe ich aufgehört. Alle wussten, dass wir den Film nie gemeinsam sehen werden.
Der Berner Dokumentarfilmer Jürg Neuenschwander rührt an ein Tabu: das Sterben. FRÜHER ODER SPÄTER zeigt Menschen, Menschen am Sterben, und er zeigt ihre Ängste, ihre Verzweiflung, ihren Schmerz, ihre Hilflosigkeit. Und er zeigt Angehörige, welche die Sterbenden auf dem letzten Weg begleiten, und dabei mit ihren eigenen Ängsten, ihrer eigenen Hilflosigkeit konfrontiert werden.
Die Sterbenden, die eingewilligt hatten, im Beisein eines Filmteams zu sterben, sind heute tot. Sie werden den Film nicht sehen. Aber sie haben sich gewünscht, dass andere den Film sehen, dass diese äusserst schwierige Zeit des Sterbens, des Absterbens, eine Öffentlichkeit erhält. Neuenschwander zeigt an sieben Beispielen, was Sterben heissen kann, hier bei uns, im Emmental, und weit weg von uns, im Tibet.
Eine alte Frau stirbt allein, ein alter Mann heiratet noch kurz vor seinem Tod, ein 40-jähriger Mann hat Krebs und kämpft verbissen dagegen an, ein 16-Jähriger, auch er unheilbar krank, macht extreme körperliche Veränderungen durch, und – auch diesen Tod gibt es – ein Säugling hat gerade mal eine halbe Stunde gelebt.
FRÜHER ODER SPÄTER zeigt aber auch das Geschäft des Bestattungsunternehmers, den Alltag des Totengräbers, die Arbeit im Krematorium. Der Film beobachtet diskret, aber präzise und eindringlich. Manchmal ist er nahe beim Menschen, dann wieder weiter weg. Respekt vor dem Menschen ist das Leitmotiv des Films.
Früher oder später ist es soweit. Früher oder später müssen wir alle dran glauben. Früher oder später holt er dich. Nicht nur in der Religion, auch in der Literatur und in der noch jungen Filmgeschichte ist er omnipräsent. Vielleicht mehr noch als die Liebe, das mit ihm so eng verbundene Gegenstück.
Der Tod hat zu allen Zeiten fasziniert. Er wurde zwar gefürchtet. Aber wenn er geschah, war er akzeptiert. Er durfte geschehen. Denn es ging meist schnell und schmerzlos. Romeo nimmt Gift, Carmen wird erdolcht, die Kameliendame stirbt an Schwindsucht, aber auch sie in absehbarer Zeit. Viel und viel Wahres erzählt uns die Geistesgeschichte über die Liebe. Über den Tod erfahren wir nur wenig.
Über das Sterben, über die Zeit vor dem Tod, sagt sie uns nichts. Auch die «Überlebenden», die Trauernden, werden erst nach dem Tod eines Freundes, eines Angehörigen, wahrgenommen. Die Zeit vor dem Tod, die Zeit des Sterbens, des Absterbens, bleibt ausgeblendet. Dramaturgisch gesehen existiert sie nicht.
Der Spielfilm zeigt den Tod, den Moment des Todes. Die zufallenden Lider oder die sich öffnende Hand sind genremässige Konventionen für den eingetretenen Tod. Allenfalls wird noch der Todeskampf gezeigt, in dem der Sterbende oft noch wichtige Worte sagt. Oder die Sopranistin noch eine besonders schöne Arie singt.
Sterbende und Hinterbliebene
Der Dokumentarfilm FRÜHER ODER SPÄTER interessiert sich für den Zeitraum, den die Geistesgeschichte ausblendet. Er zeigt den Menschen, bevor er stirbt, und die Freunde und Angehörigen, bevor ihr Mitmensch von ihnen geht. Jürg Neuenschwander zeigt Menschen wie Du und Ich, Menschen von hier und heute. Aber sie stehen am Ende ihres Lebens, seien sie noch jung, im besten Alter, oder im hohen, im Sterbealter. Pathos ist ihnen, im Unterscheid zu den Roman- und Filmhelden, fremd. Sie verstummen in ihren letzten Tagen und Stunden, sie schliessen die Augen. Sie sterben in der Stille, und allzuoft in der Einsamkeit.
«Mit Sterbenden habe ich angefangen. Mit Hinterbliebenen habe ich aufgehört.» Mit diesem eingeblendeten Text beginnt früher oder später. Es geht um beide: Um die, die sterben werden, und um die, die zurück bleiben werden. Zu Wort kommen beide, die, die noch leben, aber wissen, dass die sterben werden, und die, welche sie auf diesem Weg, ihrem letzten, begleiten.
Die gefilmten Personen haben eingewilligt, auf ihrem Weg in den Tod von der Kamera begleitet zu werden, und auch ihre Angehörigen haben zugestimmt, im Bild zu sein. Die Sterbenden, die in früher oder später filmisch festgehalten werden, sind jetzt tot. Sie werden den Film nicht sehen. Aber sie haben gewusst und auch gewollt, dass andere ihn sehen werden.
Emmental und Tibet
Zu Beginn stirbt eine alte Frau, zum Schluss ein alter Mann. Beide, wie man sagt, eines natürlichen Todes. Zwei andere Menschen, ein 16-jähriger Jugendlicher und 40-jähriger Mann, sind mit der Diagnose Krebs konfrontiert. Dem Jugendlichen und seinen Eltern bleibt noch ein gemeinsames Jahr; der Mann lebt, mit seiner Frau an der Seite, noch ein halbes Jahr. Die Zwillinge David und Noah schliesslich wurden tot geboren, und der Säugling Levin hat nach seiner Geburt nur kurze Zeit gelebt. Auch im Tibet, in der anderen Welt, stirbt ein Mann, ein Ehemann und Vater.
Manchmal scheinen sie sich zu gleichen, die so verschiedenen und so entfernten Welten. Der idyllische Friedhof, eingebettet in die uns vertraute, sanfte Hügellandschaft des Emmentals, und die Gebetsfahnenbäume, die letzten Ruhestätten in den kargen Hochebenen des Tibets. Im Tod sind sie sich sowieso gleich. Im Tibet werden die toten Glieder in den Fluss geworfen, den Fischen zum Frass. Im Emmental kommen sie unter die Erde, Staub zu Staub. Ein ritualisiertes Zeremoniell im fernen Asien, die profane Arbeit der Bestattungsinstitute und Totengräber hierzulande.
Jürg Neuenschwander kennt beide Welten. Sein Emmental, in dem er aufgewachsen ist und wo er den Kinofilm KRÄUTER UND KRÄFTE über die lokalen Naturheiler gedreht hat, und das Tibet, das er oft bereist hat und wo SHIGATSE über die dortige Medizin entstanden ist.
In FRÜHER ODER SPÄTER haben Ärzte keinen Platz. Wenn es ums Sterben geht, ziehen sie sich zurück. Bei uns treten Angehörige, Freunde und professionelle Sterbebegleiter an ihre Stelle, im Tibet sind es die Mönche, die sich mit ihrem Totenritual an der Trauerarbeit der Hinterbliebenen beteiligen. Schmerz und Emotionen
FRÜHER ODER SPÄTER ist pures Dokumentarkino. Es beobachtet, und es tut nichts anderes als beobachten, präzise, eindringlich und direkt. Jürg Neuenschwander inszeniert nicht, setzt nicht in Szene, gibt keine Regieanweisungen. Er lässt geschehen. Aber sein Film ist immer beim Menschen, bei seiner Trauer, seiner Wut, seiner Angst, seiner Hilflosigkeit. Bei den Gefühlen, mit denen der Sterbende wie auch der Hinterbliebene ringt. Die Kamera von Philippe Cordey bewegt sich dazu vorsichtig, unaufdringlich. Manchmal ist sie nahe beim Menschen, dann wieder entfernt sie sich. Respekt heisst ihr Leitmotiv.
Auch die Musikkompositionen von David Gattiker respektieren die Stimmung des Films. Sie sind klar und transparent, und manchmal klingen sie, als wenn sie die Stille ausdrücken wollten.
Die Montage von Regina Bärtschi ist zwar nicht linear, lässt sich aber immer Zeit, arbeitet mit langen, ruhigen Sequenzen, konzentriert sich auf Wesentliches. Sie fokussiert auf den Menschen, sein Gefühl, seinen Atem, und verdichtet sich zu einem manchmal schmerzhaften, aber zugleich erlösenden Ganzen.
Der Tod ist spektakulär genug. Auch das zeigt der Film. Der Tod rüttelt uns auf, er schüttelt uns durch, er lässt uns alles andere als völlig unwichtig erscheinen. Den Emotionen im Angesicht des Todes kann man sich nicht entziehen. Auch in früher oder später nicht. Der Film macht betroffen, vielleicht mehr als einem lieb ist. Er braucht seine Höhepunkte nicht dramaturgisch aufzubauen – sie ergeben sich von selbst. Wer je einen nahen Menschen verloren hat, wer ihn beim Sterben, auch nur aus der Distanz, begleitet hat, wird sich früher oder später nicht entziehen können. Der Film zwingt uns aber auch, nicht wegzuschauen, uns dem Tod, der Trauer, dem Schmerz, auch wenn es der Schmerz der anderen ist, zu stellen. Aber der Film erlaubt uns auch, einen Blick zu tun auf das Unangenehme, das Verdrängte. Er nimmt uns die Scham, die uns sonst verbietet, hinzuschauen.
Der Augenblick des Todes
Von Gabriele Schärer für Kulturzeit, 3sat
Die Voraussetzung, überhaupt ein Bild für seinen Film über das Sterben drehen zu können, waren die Beziehungen, die Neuenschwander zu den Sterbenden aufbaute. Doch ist der Augenblick des Todes filmisch zu fassen? "Ich kann gar nichts sehen", sagt er. "Ich kann ein Beispiel geben. Bei der einen Person war ich dabei. Ich hatte die Kamera dabei, ich hätte drehen können. Ich habe mich dann entschieden, dies nicht zu tun. Die Person ist dann langsam am Sterben gewesen. Die Krankenschwester kommt herein und sagt, 'der Mann ist schon lange gestorben'. Ich und seine Ehefrau dachten, er lebt noch. Doch sein Herz hatte schon lange aufgehört zu schlagen. Ich erinnere mich, als kleiner Bube habe ich da gestanden und geguckt. Ich war auf Augenhöhe mit meiner Großmutter, sie ist da gelegen mit vielen Blumen. Es war kein Schrecken für mich. Ich war da und habe geschaut. Man hat mir erklärt, jetzt ist die Großmutter gestorben und ich habe mir das angeschaut."











