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Die Frau mit den 5 Elefanten

Die Frau mit den 5 Elefanten

Vadim Jendreyko

Schweizer Filmpreis 2010: Bester Dokumentarfilm

Swetlana Geier gilt als die grösste Übersetzerin russischer Literatur ins Deutsche. Soeben hat sie für den Zürcher Ammann Verlag ihr Lebenswerk beendet - die Neuübersetzung der fünf grossen Romane von Dostojewskij - genannt die fünf Elefanten. Dafür wurde sie mit dem Übersetzerpreis der Buchmesse Leipzig geehrt. Mit Vadim Jendreyko reist die über 80-jährige Frau zum ersten Mal aus ihrer Wahlheimat Deutschland zurück an die Orte ihrer Kindheit in die Ukraine. Ihr Leben wurde von Europas wechselvoller Geschichte überschattet. Im Übertragen der russischen Sprache ins Deutsche hat sie eine neue Heimat gefunden, die auch tiefen seelischen Schmerz überwindbar macht.

Swetlana Geiers Schicksal ist aussergewöhnlich, und Vadim Jendreyko löst dessen Fäden behutsam auf, um daraus eine Geschichte zu weben, die - ohne Vereinfachung - von grossem Leid, Zufällen, unerhofften Chancen und einer Leidenschaft für Literatur erzählt. Die 1923 in Kiew geborene Swetlana war 16, als ihr Vater nach der Entlassung aus den stalinschen Lagern starb, und 19, als in der Nähe von Kiew 30’000 Juden von SS-Kommandos hingerichtet wurden. 1943 floh sie nach Deutschland. Die folgenden Jahre waren geprägt von entscheidenden Begegnungen für ihr Überleben und ihre sprachliche Weiterbildung, dank der sie ab den 50er Jahren eine hervorragende Übersetzerin und eine renommierte Akademikerin im Literaturbereich wurde.
In Tupfern zeichnet der Film ihre Erinnerung auf (Archivbilder widerspiegeln dieWeltgeschichte, deren Zeugin sie war) und folgt ihr zuhause bei ihren Alltagsaufgaben wie auch bei ihrer literarischen Tätigkeit. Seit 1992 ist sie voll beschäftigt mit fünf Elefanten, nämlich „Verbrechen und Strafe“, „Der Idiot“, „Böse Geister“, „Ein grüner Junge“ und „Die Brüder Karamasow“ von Fjodor Michajlowitsch Dostojewskij. Ihre Übersetzungen aus dem Russischen ins Deutsche erregten Aufsehen. 2008 nahm sie sich „Der Spieler“ vor und ein Jahr später ihren letzten Dostojewskij, „Aufzeichnungen aus einem Totenhaus“.
Das Geheimnis, dem Vadim Jendreyko nachspürt, liegt darin, dass die Übersetzung zuinnerst im Werk den Geist seiner Inspiration und dasWesen seinerWeltanschauung erreichen muss. Die Fäden einer weissen Tischdecke sind die Metapher für die Sätze der Literatur, die zu einem einzigen Text verwebt werden müssen im Bewusstsein, dass jede Übersetzung letztendlich unvollkommen ist. Und während ihr Sohn im Spital ist und sie für ihn die Gerichte kocht, die ihm gut tun müssen, während ihr Sohn im Sterben liegt, führt Swetlana Geier ihr Werk weiter, empfängt ihren persönlichen Korrektor, dessen Bemerkungen von berührender Bildung und Aufmerksamkeit dem Text gegenüber zeugen.
Ihre Begegnungen sind Sternstunden. So steht denn im Zentrum von Die Frau mit den 5 Elefanten der Text, der unser Menschsein erhellt und dessen unsagbarem Wert sich der Film im Sog von Swetlana Geiers aussergewöhnlicher Präsenz nähert.
Jean Perret, Visions du Réel 2009

Swetlana Geier

„Für das Übersetzen ist die Vorstellung eines Transports keine zureichende Metapher. Es ist kein Transport, weil das Gepäck niemals ankommt. Mich haben immer die Verluste interessiert. Mich hat das interessiert, was immer jenseits des Neuen, des Übersetzten bleiben muss.“
Swetlana Geier

Ihre Arbeit ist von grossem sinnlichen Sprachverständnis und kompromissloser Achtung vor den Autoren geprägt. Sie hat den Anspruch, dass die Übersetzung im Kern den Geist des Werkes und das Wesen des Autors treffen muss. Zugleich ist ihr bewusst, dass jede Übersetzung letztendlich unvollkommen und der Zeit ihrer Entstehung verhaftet bleibt. Sie sagt: „Übersetzungen sind sterblich. Jede Zeit verdient ihre eigenen Übersetzungen“.

Swetlana Geiers Leben wurde von Europas wechselvoller Geschichte überschattet und ihr Schicksal ist aussergewöhnlich: 1923 in der Ukraine geboren, erlebt sie mit 15, wie ihr Vater bei Stalins politischen Säuberungen verhaftet wird, 18 Monate später schwer misshandelt entlassen wird und kurz darauf stirbt. Mit 18 verliert sie ihre beste Freundin, als SS Kommandos in Kiew 30‘000 Juden hinrichten. Während der Besetzung der Ukraine arbeitet sie als Dolmetscherin und wird 1943 mit ihrer Mutter in ein Ostarbeiterlager in Dortmund interniert.

Sie erlebt die Gräuel zweier Diktaturen, aber trifft immer wieder auf Menschen mit Zivilcourage und Mut, die sich für sie engagieren und ihr Überleben ermöglichen. „Es gab einen Mann, der sich für mich einsetzte. Er war ein Mitarbeiter im Ministerium für die besetzten Ostgebiete. Und es war nicht so, dass er sich ein Schätzchen ins Bett holen wollte. Ich habe damals unter den Deutschen Menschen getroffen, die vollkommen selbstlos Unmögliches für mich erreichten.“

Nach dem Krieg bleibt sie in Deutschland, studiert, gründet eine Familie und beginnt, russische Literatur ins Deutsche zu übertragen. Heute unterrichtet sie seit 40 Jahren an verschiedenen Universitäten. Sie ist mehrfache Gross- und Urgrossmutter und das Oberhaupt ihrer weit verzweigten Familie. „Meine Lehrerin hat immer gesagt: ‚Nase hoch beim Übersetzen’. Das heisst, man übersetzt nicht von links nach rechts, wie die Sprache läuft, sondern nachdem man sich den Satz angeeignet hat. Er muss nach Innen genommen, ans Herz gelegt werden. Ich lese das Buch so oft, bis die Seiten Löcher kriegen. Im Grunde kann ich es auswendig. Dann kommt ein Tag, an dem ich plötzlich die Melodie des Textes höre.“

Dostojewskijs Werk nimmt in Swetlana Geiers Leben einen besonderen Stellenwert ein. In einem jahrelang dauernden Prozess verleibt sie sich die Texte ein, studiert die Manuskripte Dostojewskijs, reist an die Schauplätze, an denen die Handlungen in den Romanen angesiedelt sind, um deren Geografie zu verstehen und mit den Augen des Schriftstellers sehen zu lernen. „Man muss Dostojewskij lesen wie ein Schatzgräber: an den unscheinbarsten Stellen sind Juwelen vergraben, die man oft erst beim zweiten oder dritten Mal Lesen entdeckt. Er ist unerschöpflich.“

Heute ist Swetlana Geier mit dem Leben und Wirken dieses Dichters vertraut wie wohl kaum sonst jemand. Und seine zentralen Themen, um die seine Romane immer wieder kreisen, faszinieren sie mehr denn je: Die Frage nach der Freiheit des Menschen. Seine Selbsterkenntnis. Und: kann der Zweck die Mittel heiligen?

Mit 85 Jahren reist Swetlana Geier zum ersten Mal seit dem Krieg zurück an die Orte ihrer Kindheit in der Ukraine. Der Regisseur Vadim Jendreyko begleitete sie auf dieser Reise. In Fragmenten zeichnet der Film die Erinnerung der Protagonistin auf, Archivbilder widerspiegeln dabei die Weltgeschichte, deren Zeugin sie war. Er begleitet sie zu den versiegelten Orten ihrer Kindheit und folgt ihr zuhause bei ihren Alltagsaufgaben wie auch bei ihrer literarischen Tätigkeit. Der Film verwebt Swetlana Geiers Lebensgeschichte mit ihrem literarischen Schaffen und spürt dem Geheimnis dieser unermüdlichen Mittlerin zwischen den Sprachen nach. Er erzählt von grossem Leid, stillen Helfern und unverhofften Chancen - und einer alles überstrahlenden Liebe für Sprache.

Vadim Jendreyko

Vadim Jendreyko hat mit dem Kinodokumentarfilm BASHKIM über den im Kosovo geborenen Thaiboxer Bashkim Berisha 2001 den Schweizer Filmpreis für den besten Dokumentarfilm gewonnen.

2011 DIE SINGENDE STADT
2009 DIE FRAU MIT DEN 5 ELEFANTEN
2004 LEISTUNG AM LIMIT
2003 TRANSIT: ZÜRICH FLUGHAFEN
2000 BASHKIM
1998 KORK
1996 URALT UND DOCH MODERN: BAUEN MIT LEHM
1995 PRIMA MATERIA
1993 PROLOG
1992 AUF DEM WEG DURCHS EXIL
1989 DER KOFFER
1988 INNENRÄUME

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Die Frau mit den 5 Elefanten

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Sprachen: OV (Deutsch Russian)
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Die Frau mit den 5 Elefanten
CH 2009 92'
Regie: Vadim Jendreyko
Kamera: Niels Bolbrinker, Stéphane Kuthy
Ton: Patrick Becker
Schnitt: Gisela Castronari-Jaensch
Musik: Daniel Almada
Produktion: Mira Film

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