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Der Fall
Kurt Früh
Erinnerungen von Georg Janett
Die Premiere fand Ende März 1972 im Zürcher Kino Capitol ohne Kurt Früh statt. Er hatte wenige Tage zuvor - wir fuhren zur Abnahme der ersten Kopie ins Ostermundiger Labor - im Zug einen Schwächeanfall erlitten und musste notfallmässig ins Spital eingeliefert werden.
Das war der Auftakt zu jenen sieben mageren Jahren, die dem damals 57-jährigen noch bleiben sollten. Ausser einigen nicht realisierten Drehbüchern und seiner Autobiografie, die unter dem Titel RÜCKBLENDEN 1975 im Zürcher Pendo Verlag erschien, kam in dieser Zeit keine grössere Arbeit mehr zustande. Sein 12. Spielfilm - der erste, den er selbst produzierte - ist damit zugleich sein letzter geworden. Der Abschied also, wenn man will das Vermächtnis jenes erfolgreichen Regisseurs, der in seinen guten Jahren von 1955 - 1963 in rascher Folge 10 Spielfilme gedreht hatte. Als die kurze Nachkriegs-Blütezeit des Dialektfilms zu Ende ging un die etablierten Produktionsfirmen eine nach der anderen aufgeben mussten, was er als Ressortleiter für das Theater am Schweizer Fernsehen tätig, wo er aber nie wirklich heimisch wurde.
Glücklicher machte ihn da schon seine Lehrtätigkeit 1967 und 1968 bei den neu geschaffenen Filmkursen der Kunstgewerbeschule Zürich. Er verstand sich gut mit den Studenten und stellte sich im turbulenten Jahr 1968 auf ihre Seite.
Wie ihm 1970 ein viele überraschendes, sehr erfolgreiches Comeback mit dem bei allem Witz doch eher traurigen DÄLLEBACH KARI gelang, leitete er daraus ab, ... dass dem Schweizer Publikum nicht nur gemütliche oder gemütvolle Genrebilder zuzumuten sind, wie er in seinen RÜCKBLENDEN schreibt.
Seit langem trug ich mich mit dem Gedanken, eine Idee des Komponisten Werner Kruse zu realisieren. Er hatte mir vorgeschlagen, eine Carmen von Oerlikon zu machen - also die Geschichte des Don José ins schweizerische Milieu zu übertragen und statt der Stierkampfarena das Zürcher Hallenstadion ins Bild zu rücken. Bei der Arbeit am Drehbuch entfernte sich die Story allerdings immer weiter vom Vorbild...
Dazu beigetragen hat das seinerzeit allgemeine Interesse am Schicksal von Meier 19 - jenem Detektivwachmeister der Zürcher Stadtpolizei, der im Gefolge des Zahltagsdiebstahls 1962 in deren Hauptsitz sich auf spektakuläre Weise mit seinem Vorgsetzten anlegte und interne Skandale aufdeckte. Seine Entlassung war der Anlass zu ersten Demonstrationen der jungen Linken gegen den Polizeistaat in Zürich.
Ein solcher, allerdings fiktiver, Meier sollte also ins Zentrum rücken, der, aus der Polizei ausgestossen, jetzt als Privatdetektiv mit den Schäbigkeiten des Alltags befasst ist und nach wie vor verbissen auf dem beharrt, was er für Recht und Gerechtigkeit hält. Bis ein ihm übertragener Erpressungs-Fall zu seinem eigenen wird.
Die Besetzung war beinahe schon vorgegeben: Walo Lüönd sollte erneut die Hauptrolle übernehmen. Für die eine Partnerin kam nur Annemarie Dühringer in Frage, die andere - das junge Luder Marsha, das dem Detektiv zum Verhängnis wird - war schwieriger zu finden. Nach einer längeren Suche und verschiedenen Probeaufnahmen wurde die Rolle Kathrin Buschor anvertraut, einem jungen Fotomodell mit wenig Spielerfahrung.
Mit einem Zuschussder kurz zuvor etablierten nationalen Filmförderung, der Beihilfe privater Geldgeber und einer grossen Eigeninvestition produzierte Kurt Früh den Film selbst - es gab in der Deutschschweizer Filmflaute jener Jahre keine Alternative.
Im November/Dezember 1971 fanden die Dreharbeiten statt. Ein wirklich kalter Winter kündigte sich an: bei manchen Aussenszenen musste Walo Lüönd jeweils mit kleinen Eisbrocken seinen Mund kühlen, weil er sonst mit jedem Satz eine kleine Nebelwolke aus Atemluft produziert hätte.
Aus Kostengründen wurde mit DIrektton auf dem damals neuen Super-16mm-Material gedreht, das dann im Labor auf das kinoübliche 35mm-Format aufgeblasen wurde; im Hallenstadion allerdings mit der stummen 35mm-Kamera und nachsynchronisiertem Ton.
In einem damals zum Abbruch bestimmten, heute renovierten Haus am Oerlikoner Platz wurde im ersten Stock das kleine Büro des Detektivs und die daneben liegende Schreibstube für Kopien und Vervielfältigungen eingerichtet. Auch die anderen Szenen wurden in originalen Dekors gedreht: von der Arbeiterkneipe und der Wohnsiedlung hinter den Geleisen bis zum damals noch existierenden Kino Excelsior oder dem grossen Zelt des Autoverkäufers an der Stelle, wo sich heute die Oerlikoner Zwillingstürme erheben.
Ebenso die Ausflüge in die Innenstadt: die Rockerbeiz mit realen Hells Angels war seinerzeit deren tatsächlicher Treffpunkt; im damals neuen Shop Ville drehten wir von den Passanten unbemerkt Szenen mit versteckter Kamera, sie befand sich samt Kameramann in einer grossen Kartonbox; auch der Hauptsitz der Stadtpolizei war authentisch, was sich in einer für das herrschende Klima bezeichnenden Szene drastisch auswirkte. Einer unserer Beleuchter fiel den Polizisten auf und wurde von ihnen als gefährliches Mitglied der PdA und Teilnehmer an Demonstrationen identifiziert; ein Korporal befand, das gehe nun doch zu weit und sei seinen Leuten nicht zumutbar.
Das Verhandlungsgeschick von Kurt Früh und sein Wink an den Beleuchter, er solle doch einen guten Abgang mimen, offenbar sei er hier unerwünscht, rettete die Situation. Nach seinem fröhlichen, hutschwenkenden Verschwinden ging ein hörbares Aufatmen durch die Hauptwache.
Schliesslich der Kulmunationspunkt: das Sechstagerennen im Hallenstadion, an dem ein Grossteil der Haupt- und Nebenfiguren zugegen ist, inmitten von erlebnishunrigen Nachtschwärmern, angeheiterten Habitués, Fanclubs und Damen des horizontalen Gewerbes.
Wir hatten Bedenken gehabt, in dieser angeheizten, brodelnden Atmosphäre zu drehen, aber es ging dann erstaunlich gut. Im Vordergrund jeweils unsere Darsteller, im Hintergrund das quasi dokumentarisch eingefangene Renngeschehen oder als Gratisstatisterie die Zuschauer, die kurz vor den Aufnahmen informiert und gebeten wurden, ihre Plätze zu wechseln, wenn sie nicht im Bild erscheinen wollten.
Trotzdem, nach den zum Teil durchwachten Nächten, umgeben von Bier- und Bratwurstdunst, Rauch und Lautsprecherlärm, tosendem Applaus und permanenter Musik waren wir alle rechtschaffen müde.
Zürich hatte sich seit den 68er-Unruhen verändert. Und nirgends wurde schon damals der Wandel zur kleinen Grosstadt deutlicher als in ihren Rändern, in Vorstädten wie Oerlikon.
DER FALL bleibt jener Film, in dem sich Kurt Früh - neben BÄCKEREI ZÜRRER - am stärksten auf die ihn umgebende Realität eingelassen hat. Nicht mehr romantisierend wie in den meisten früheren Filmen, sondern beinahe so radikal wie die damals mit ihren ersten Filmen ins Rampenlicht getretenen Westschweizer Claude Goretta und Alain Tanner.
Zürich wie in bösen Träumen, war der Tenor der Fachpresse, Zürich-Oerlikon ist eine bdrückend düstere, unheile Vorstadtwelt mit angeschlagenen, angefressenen und kaputten Menschen. Besonders hervorgehoben wurde die Präsenz von Walo Lüönd als Privatdetektiv, dessen tragikomisches Scheitern er wirklich einsichtig zu machen vermag.
Trotz des überwiegend positiven Echos der Filmkritik blieb der Publikumszuspruch bescheiden.
Dass seine Ersparnisse mit diesem Film weitgehend aufgezehrt waren, konnte Kurt Früh verschmerzen, aber die Selbstzweifel, die ihn sein ganzes Leben begleitet haben, nahmen zu. Nach aussen weiterhin der charmante Causeur, der er immer gewesen ist, ging er langsam zugrunde an der Kälte und der Ausweglosigkeit jener Welt, die er in DER FALL gezeigt hatte.
Kurt Früh
1915-1979. Sprach- und Musikstudium in Zürich. Ab 1933 Leiter, Autor und Regisseur der Bertolt Brecht beeinflussten Volksbühne Zürich. Chansonredaktor für die Kabaretts Cornichon, Pfeffermühle und Bärentatze. Kurz- und Werbefilme für die Central Film Zürich zusammen mit Hans Richter. Ab 1940 Montagechef für die Schweizer Filmwochenschau. Assistent bei Leopold Lindtberg. Durchbruch 1955 mit dem ersten Film POLIZISCHT WÄCKERLI und dann ein Dutzend Dialektfilme, die fast alle im städtischen Umfeld in Zürich spielen. Lehrer der Filmklasse des Kunstgewerbemuseums Zürich 1967-69, die viele der Regisseure des Neuen Schweizer Films besuchten.
1972 DER FALL
1970 DÄLLEBACH KARI
1963 IM PARTERRE LINKS
1962 DER 42. HIMMEL
1962 ES DACH ÜBEREM CHOPF
1960 DER TEUFEL HAT GUT LACHEN
1959 CAFE ODEON
1959 HINTER DEN SIEBEN GLEISEN
1958 DER MANN, DER NICHT NEIN SAGEN KONNTE
1958 EINE FREUNDIN DER GROSSEN WELT
1957 BÄCKEREI ZÜRRER
1956 OBERSTADTGASS
1955 POLIZIST WÄCKERLI (STEPHANIE GLASER COLLECTION)
1955 UNSER MITBÜRGER CHRISTIAN CADUFF
1949 DEMOKRATIE IN GEFAHR
1945 KRIEGSGEFANGENE
KURT FRÜH EDITION
Walo Lüönd
1927-2012. Walo Lüönd wuchs in Zug auf und absolvierte eine Schneiderlehre, bevor er sich in Zürich zum Schauspieler ausbildete. Nach ersten Bühnenerfahrungen, zog es Walo Lüönd anfang der 50er Jahre ins Ausland, wo er über zehn Jahre vorwiegend in München, Essen und Berlin arbeitete. Neben seiner Bühnenkarriere begann Walo Lüönd in Deutschland fürs Fernsehen und für den Film zu arbeiten. In den 70er Jahren wurde er auch im Schweizer Film entdeckt. Seine unvergessliche Interpretation in der Rolle als Dällebach Kari im gleichnamigen Film von Kurt Früh machten ihn bekannt und er wirkte daraufhin in vielen weiteren Filmen mit. Walo Lüönd wurde für den Schweizer Film ein bedeutender Charakterdarsteller, der eher ernste, tragische oder melancholische Rollen spielt.
2007 BRIEFE UND ANDERE GEHEIMNISSE (Judith Kennel)
2004 OESCHENE (Bernhard Giger)
2004 STERNENBERG (Christoph Schaub)
2004 BIENVENUE EN SUISSE (Léa Fazer)
2002 EXIT (Benjamin Kempf)
2001 ESCAPE TO PARADISE (Nino Jacusso)
2000 KOMIKER (Markus Imboden)
1988 DIE DOLLARFALLE (Thomas Koerfer)
1985 GAUNER IM PARADIES (Thomas Fantl)
1983 DIE SCHWARZE SPINNE (Mark M. Rissi)
1980 DER ERFINDER (Kurt Gloor)
1979 BROT UND STEINE (Walo Lüönd)
1978 DIE SCHWEIZERMACHER (Rolf Lyssy)
1977 DIE KONSEQUENZ (Wolfgang Petersen)
1975 DE GROTZEPUUR (Mark M. Rissi)
1973 DIE FABRIKANTEN (Urs Aebersold, Clemens Klopfenstein, Philip Schaad)
1972 DER FALL (Kurt Früh)
1970 DÄLLEBACH KARI (Kurt Früh)
News
- Ausgewählte Filme an den Solothurner Filmtagen Donnerstag 24. Januar 2008-01-24
- Kurt Früh im Ortsmuseum Wiedikon 2006-09-15
Internet
Preis: 41.00 CHF
An Lager
DVD5
PAL 4:3
Region 0
Sprachen: Schweizerdeutsch
Untertitel: Deutsch
Der Fall
CH 1972 101'
Regie: Kurt Früh
Drehbuch: Kurt Früh, Georg Janett
Kamera: Eduard Winiger
Ton: Werner Walter
Schnitt: Georg Janett
Musik: Walter Baumgartner
Mit: Walo Lüönd, Ellen Widmann, Sigfrit Steiner, Walter Morath, Jörg Schneider
Mitenand gaht's besser
CH 1949 13'
Regie: Kurt Früh
Drehbuch: Kurt Früh
Kamera: Robert D. Garbade
Musik: Werner Kruse
Mit: Heinrich Gretler, Emil Hegetschwiler
Demokratie in Gefahr
CH 1949 13'
Regie: Kurt Früh
Drehbuch: David Wechsler
Kamera: Emil Berna
Ton: Rolf Epstein
Musik: Robert D. Blum
Mit: Schaggi Streuli
Unser Mitbürger Christian Caduff
CH 1955 38'
Regie: Kurt Früh
Drehbuch: Kurt Früh
Kamera: Georges Stilly
Schnitt: Georges Stilly
Musik: Walter Baumgartner
Ein Weg bleibt offen
CH 1944 13'
Regie: Kurt Früh
Drehbuch: Adolf Forter, Adolf Forter
Kamera: Hans Zickendraht
Stichworte
Krimi
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