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Der Erfinder

Kurt Gloor

Die Geschichte eines Erfinders, der der eine Erfindung macht, aber nicht weiss, dass es seine Erfindung schon gibt. Zürcher Oberland, 1916. Jakob Nüssli, Fabrikarbeiter, Immerbastler und Pazifist, erfindet einen Wagen, der nicht mehr im Dreck einsinkt und baut ein Fahrzeug mit „künstlicher Strasse“. Gleichzeitig tobt in Europa der Krieg. Als Nüssli einen Patentanwalt aufsucht, sieht er zufälligerweise in einem Kino eine Wochenschau mit Kriegsbildern. Und da sieht er seine Erfindung auf der Leinwand: Einen geländegängigen Panzerwagen namens „Tank“, den die Engländer erstmals in der Schlacht bei Somme einsetzten. Gloors brillante Mischung aus Melodrama und Komödie setzt all jenen genialen Bastlern und Phantasten ein filmisches Denkmal, die nicht ins Lexikon kamen, aber einen guten Gedanken zur falschen Zeit hatten.

Gloor inszenierte nach dem Roman von Hansjörg Schneider, der am 27.3.1938 in Aarau geboren wurde, in Zofingen aufwuchs und in Basel Germanistik, Geschichte und Psychologie studierte. 1966 promovierte Schneider über Jakob van Hoddis bei Walter Muschg.

Die Grossproduktion von 1980 besticht auch heute noch durch den trockenen Humor, die verzückende Detailtreue und natürlich die grossartigen Schauspieler. Köstlich ist nur schon die erste Sequenz, in der Nüssli bei der militärischen Aushebung eine Hörbehinderung vortäuscht. Danach liegt Nüssli mit seinem Kollegen Otti (Walo Lüönd) entspannt auf der Wiese, und Otti bemerkt: «Kei Militärdienscht – so isch mer scho lang nüme gsi!» Alleine für diese Szene lohnt sich die Anschaffung dieser DVD, auf der die Regieassistentin Verena Gloor und der Produktionsleiter Rudolf Santschi ein paar amüsante Anekdoten zu den Dreharbeiten erzählen.
Thomas Hunziker filmblog.ch

Unsere Verantwortung hast Du uns hier gelassen

Kurt Gloor / Dem Schweizer Filmautor und Anwalt der Sprachlosen zum Abschied
Fred Zaugg, der Bund 26.9.1997

Unsere Verantwortung in dieser Welt, dieser Gesellschaft, dieser Schweiz, unsere Verantwortung gegenüber unseren Nächsten hast Du uns hier gelassen.

Unablässig hast Du versucht, unser Bewusstsein zu wecken und nicht nur unsere Kino- und Fernsehaugen, sondern auch unser Herz und unsere Hand für jene zu öffnen, die keine Lobby haben, für alle, die am Rande leben, in Armut, in Krankheit, alt, blind, gelähmt, süchtig, ausgesteuert. Du hast uns von ihrer Menschlichkeit, ihrem Trotzdem berichtet und uns den Wert eines jeden einzelnen hinter aller Behinderung erkennen lassen.

Und nun bist Du gegangen, verzweifelt, und hast uns mit unserer Verantwortung zurückgelassen.

Du hast zu jenen gehört, die glaubten, durch ihr Engagement, durch ihren aufklärerischen Kampf etwas verändern zu können. Ursprünglich warst Du Grafiker, doch Du hast das mit der altehrwürdigen Druckerkunst vermählte Metier zugunsten des Films verlassen, weil Du diesem «Massenmedium» eine revolutionäre Kraft zutrautest.

Ende der sechziger Jahre warst Du mit dabei, als es darum ging, einen neuen, einen jungen und angriffigen Schweizer Film zu schaffen, mit dem das schweizerische Establishment herausgefordert werden sollte. Eine Bewusstseinsänderung in der verkalkten helvetischen Gesellschaft herbeizuführen, war das hohe Ziel. Die friedliche «Waffe» war die Kamera, das Bild der von Dir erkannten Wahrheit der Dokumentarfilm.

Schon Deine Kurzfilme hatten Sprengkraft, sei es nun FFFT, HOMMAGE, MONDO KARIES, EX oder WANTED. Und erstaunlicherweise haben die meisten von ihnen eine erschreckende Aktualität bewahrt - dreissig Jahre nach ihrer Entstehung.

1969 hast Du Dich mit DIE LANDSCHAFTSGÄRTNER, Deinem ersten abendfüllenden Dokumentarfilm, zum Fürsprecher der Bergbauern gemacht, und zwei Jahre später bist Du mit DIE GRÜNEN KINDER gegen die «Käfighaltung» der jungen und jüngsten Menschen in modernen Wohnsiedlungen ins Feld gezogen und hast, wie weiland Don Quijote gegen die Windmühlen, gegen die Immobilienspekulanten in unserem Lande gekämpft.

Damals bereits hast Du erkannt, mit welchem perfiden System die Mächtigen darauf bedacht sind, die Menschen nicht allein materiell zu beherrschen, sondern auch psychisch zu dominieren, wenn nicht sogar zu «beschädigen», wie Du gesagt hast.

Damit wären wir bei dem alten Wort «Seele», das Du, Kurt Gloor, wenig gebraucht, aber stets gemeint hast. In Deinem ersten Spielfilm, DIE PLÖTZLICHE EINSAMKEIT DES KONRAD STEINER, aus dem Jahre 1976 hattest Du mit Sigfrit Steiner einen Schauspieler, der in der Geschichte seiner Entwurzelung Seele sicht- und erlebbar zu machen verstand. Und zwei Jahre später vermittelte ein einzigartiger Bruno Ganz als DER ERFINDER Jakob Nüssli die alte, doch deswegen nicht minder ungeheuerliche Wahrheit, dass aller Erfindergeist des Menschen, seine ganze grossartige Kreativität dem Krieg und der Vernichtung dieses unseres blauen Planeten dienstbar gemacht wird.

Deine Wahrheiten sind schmerzhaft. Sie berichten von Verletzungen, von Beschädigungen der Seele und von einer Psychiatrie als einer überheblichen Behandlungs- und Reparaturmethode. In diese Richtung geht auch Deine adäquate Glauser-Verfilmung DER CHINESE, und Dein MANN OHNE GEDÄCHTNIS ist im Film von 1984 aus einer unerträglichen Situation in die Erinnerungslosigkeit geflohen.

Nach diesem Werk hast Du vom sogenannten freien Filmschaffen, das eigentlich einem Betteln nach Unterstützung gleichkommt, Abschied genommen und für das Fernsehen gearbeitet, das Dir für Deine angriffigen und berührenden Reportagen mehr Freiheit gewähren konnte. Andrerseits hast Du einmal gesagt, Du müssest die Menschen dort abholen, wo sie zu finden seien, und das sei halt vor der «Kiste».

Immer wieder steht das Wort «Leben» in den Titeln Deiner Reportagen: DAS IST MEIN LEBEN, FRÜHSTART INS LEBEN, ERSTE TAGE IM LEBEN EINES METHADON-BABIES, LEBEN UNTER RIESEN - dahinter sind eine gelähmte Schriftstellerin, Frühgeborene in Brutkästen, ein Säugling mit geerbter Sucht und der brutale Alltag Kleinwüchsiger zu finden.

Ich weiss nicht, warum Du gegangen bist, Kurt, aber ich weiss, dass Deine Bilder, Deine Worte wichtig sind als Bekenntnis zum Leben. Hast Du zuviel gewusst, Du, der Du immer allem ganz genau auf den Grund gehen musstest? Bist Du an einer Schweiz verzweifelt, die mit der Initiative «Jugend ohne Drogen» gegen Kranke vorgehen will, die doch vor allem der Spiegel einer Gesellschaft sind, welche Angst produziert und Seelen verletzt, einer perspektivelosen Gesellschaft, in der nur noch mit Verboten regiert wird?

Bei Deinen Festivalbesuchen hast Du während Jahren den Camper einem Hotelzimmer vorgezogen. Du hast Dir eine Rückzugsmöglichkeit gewahrt, aber stets warst zu offen für Gespräche. Es scheint mir noch nicht lange her zu sein, dass wir zusammen von der verhängnisvoll falschen Orientierung sprachen: Erst wenn wir beginnen, uns am Menschen statt am Geld zu orientieren, wird jene Veränderung möglich, die das Leben wieder sinnvoll werden lässt.

Es ist schwer, unter südlicher Sonne und mit Blick auf den Lubéron von Dir Abschied zu nehmen, in einem Moment, da jede Grille von Leben zirpt. Jetzt lässt die weisse Fabrik weit in der Ebene draussen Dampf ab, vielleicht giftigen. Du lässt uns mit unserer Verantwortung zurück, und es ist zu hoffen, dass Dein Vermächtnis über Deinen Tod hinaus die Menschen zu sensibilisieren vermag für die Unterdrückten, die Randständigen, die Abhängigen, für des Menschen Seele und das Leben.

Fred Zaugg

Kurt Gloor

1942-1997. Absolvierte in Zürich eine Grafikerlehre und die Kunstgewerbeschule. Ab 1969 war er selbständiger, gesellschaftskritischer Filmemacher. Ab 1993 produziert er lediglich Dokumentarfilme für das Fernsehen und betätigt sich als Publizist. "Gloor, der an die revolutionäre Kraft des Mediums Film glaubte, versuchte sein Publikum für die Unterdrückten, die Randständigen und die Abhängigen zu sensibilisieren." (Felix Aeppli)

1996 LAHMGELEGT - DER KUNSTMALER KLAUS SPAHNI
1994 BLINDLINGS INS LEBEN
1993 TRAUMJOB FÜR SCHUTZENGEL
1993 JESSICA
1991 GESICHTER DER SCHWEIZ / VISAGES SUISSES: WILHELM TELL
1984 MANN OHNE GEDÄCHTNIS
1980 DER ERFINDER
1979 DER CHINESE
1977 EM LEHME SI LETSCHT
1976 DIE PLÖTZLICHE EINSAMKEIT DES KONRAD STEINER
1973 DIE BESTEN JAHRE
1971 DIE GRÜNEN KINDER
1970 EX
1969 DIE LANDSCHAFTSGÄRTNER
1968 HOMMAGE

Bruno Ganz

2005 NICOLAS BOUVIER - HOSPITAL STREET
2002 BRUNO GANZ - BEHIND ME
2000 PANE E TULIPANI
2000 WER ANGST WOLF
1983 DANS LA VILLE BLANCHE
1980 DER ERFINDER
1961 ES DACH ÜBEREM CHOPF

Walo Lüönd

1927-2012. Walo Lüönd wuchs in Zug auf und absolvierte eine Schneiderlehre, bevor er sich in Zürich zum Schauspieler ausbildete. Nach ersten Bühnenerfahrungen, zog es Walo Lüönd anfang der 50er Jahre ins Ausland, wo er über zehn Jahre vorwiegend in München, Essen und Berlin arbeitete. Neben seiner Bühnenkarriere begann Walo Lüönd in Deutschland fürs Fernsehen und für den Film zu arbeiten. In den 70er Jahren wurde er auch im Schweizer Film entdeckt. Seine unvergessliche Interpretation in der Rolle als Dällebach Kari im gleichnamigen Film von Kurt Früh machten ihn bekannt und er wirkte daraufhin in vielen weiteren Filmen mit. Walo Lüönd wurde für den Schweizer Film ein bedeutender Charakterdarsteller, der eher ernste, tragische oder melancholische Rollen spielt.

2007 BRIEFE UND ANDERE GEHEIMNISSE (Judith Kennel)
2004 OESCHENE (Bernhard Giger)
2004 STERNENBERG (Christoph Schaub)
2004 BIENVENUE EN SUISSE (Léa Fazer)
2002 EXIT (Benjamin Kempf)
2001 ESCAPE TO PARADISE (Nino Jacusso)
2000 KOMIKER (Markus Imboden)
1988 DIE DOLLARFALLE (Thomas Koerfer)
1985 GAUNER IM PARADIES (Thomas Fantl)
1983 DIE SCHWARZE SPINNE (Mark M. Rissi)
1980 DER ERFINDER (Kurt Gloor)
1979 BROT UND STEINE (Walo Lüönd)
1978 DIE SCHWEIZERMACHER (Rolf Lyssy)
1977 DIE KONSEQUENZ (Wolfgang Petersen)
1975 DE GROTZEPUUR (Mark M. Rissi)
1973 DIE FABRIKANTEN (Urs Aebersold, Clemens Klopfenstein, Philip Schaad)
1972 DER FALL (Kurt Früh)
1970
DÄLLEBACH KARI (Kurt Früh)

News

Internet

Kommentare

Guten Tag, ich suche den Film die Landschaftsgärtner 1969 von Kurt Gloor. Können sie mir bitte weiterhelfen? Gibt es den Film als DVD?
Besten Dank Esther Zurfluh
Stichworte: die Landschaftsgärtner
Esther Zurfluh 2010-01-20 Tweet

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Sprachen: Schweizerdeutsch
Untertitel: Deutsch

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CH/D 1980 96'
Regie: Kurt Gloor
Drehbuch: Kurt Gloor, Hansjörg Schneider
Kamera: Franz Rath
Ton: Hans Künzi
Schnitt: Stefanie Wilke
Musik: Jonas C. Haefeli
Produktion: Kurt Gloor, Ruedi Santschi, Kurt Gloor Filmproduktion
Mit: Bruno Ganz, Walo Lüönd, Verena Peter, Mathias Gnädinger, Inigo Gallo, Margrit Rainer, Olivier Diggelmann, Babett Arens, Erwin Kohlund, Ettore Cella, Walter Hess

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