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DVD-R Kopie
PAL 4:3
Region 0
Sprachen: Français Deutsch
Untertitel: -
Chronique d'une ville moyenne en Suisse: Bienne (Chronik einer mittleren Stadt in der Schweiz: Biel)
CH 1972 72'
Regie: Jean-Daniel Bloesch
Drehbuch: Jean-Daniel Bloesch
Kamera: Bruno Nuytten, Alfred Hürmer
Ton: Hans-Peter Studer, Hans-Rudolf Biedermann
Schnitt: Patrice Leconte
Musik: Claude Flegenheimer
Produktion: Atelier du Cyclope
Chronique d'une ville moyenne en Suisse: Bienne
Chronik einer mittleren Stadt in der Schweiz: Biel
Jean-Daniel Bloesch
Filmische Erfahrung und politisches Abenteuer
Notizen zum Film, geschrieben 1972
Der Ausgangspunkt
Angeregt durch eine grosse Anzahl von Filmen mit den unterschiedlichsten Orten auf der ganzen Welt als Thema oder als Hintergrund, war ich mir seit einer Reihe von Jahren sicher, dass ich eines Tages einen Film über Biel drehen würde.
Beim Drehen verschiedener Kurzfilme hatte ich bereits Gelegenheit gehabt, Biel als Hintergrund oder Rahmen einer Handlung zu benutzen. Seit einigen Jahren reizte es mich jedoch, einen Film zu drehen, der die Stadt selbst, ihre Einwohner und ihre Aktivitäten, ihre kleinen und grossen spezifischen Problemen zum Thema hatte.
Ich muss zugeben, dass meine Meinung in Bezug auf Biel sehr positiv war. Diese Stadt bot in meinen Augen eine Art idealen Lebensrahmen. Zunächst durch ihre Grösse, dann durch die Art von Tätigkeiten, die hier ausgeübt werden, und letztendlich durch das Nebeneinander von zwei oder sogar drei Kulturen infolge ihrer geographischen und wirtschaftlichen Lage. Meine Absicht war es, am Beispiel Biels aufzuzeigen, dass eine Stadt mittlerer Grösse das einzige städtische Milieu darstellt, das einen echten Austausch zwischen den Menschen erlaubt. In anderen Worten, ich erwartete, in dieser Stadt eine ideale "soziale Dichte" zu finden, im Gegensatz zur kleinen Ortschaft vom spärlich besiedelten ländlichen Typ, aber auch zum riesigen, weit verzetteten Ballungsraum, der die Grenzen seiner Kapazität längst überschritten hat. Es schien mir, dass eine Stadt von fünfzigtausend Einwohnern die meisten Vorteile bietet, die in einem städtischen Milieu zu finden sind (Vielfalt der Aktivitäten, Konzentration der Dienstleistungen usw.), ohne die Nachteile aufzuweisen, welche grosse Städte im Allgemeinen auszeichnen (übermässige Dichte und zu grosse Entfernungen, oberflächliche Kontakte, überdrehte Einwohner usw.).
Biel schien die Voraussetzungen für ein Gemeindeleben mitzubringen, um, ausser rein wirtlschaftlichen Aktivitäten, ein gut entwickeltes gesellschaftliches und kulturelles Leben zu ermöglichen - dank der Unmittelbarkeit der Kontakte zwischen den einzelnen Menschen oder Gruppen von Menschen.
Ich beschloss, dem Film ein Zitat der Historikerin Marianne Enckell voranzuschicken:
"Die Gemeinde ist der Ort des Anfangs und des Endes, sie ist die Urzelle, der ideale Ort des menschlichen Vorhabens."
Der Zufall hilft ein wenig nach
Das ganze Jahr 1971 über hatte ich immer wieder Gelegenheit, mich ernsthaft mit diesem Filmprojekt zu befassen. Aber ständig stand ich vor einem Problem, das mir unüberwindbar schien. Es war undenkbar, einen solchen Film, der näher am Dokumentarfilm war als am Unterhaltungsfilm und obendrein in 16 mm gedreht wurde, über die üblichen kommerziellen Kanäle in die Kinosäle zu bringen. Man muss ausserdem wissen, dass die vom Schweizer Fernsehen bezahlten Gebühren je nach Typ des Kaufvertrages im Allgemeinen nur 3 bis 8 % der Produktionskosten darstellen.
Und dann sollte ein ganz unerwartetes Ereignis den Produktionsprozess in Gang setzen. An einem Septemberabend des Jahres 1971 sprach der damalige Schuldirektor, Stadtrat Jean-Roland Graf, auf der Tribüne des Stadtrats vom Fonds zur Förderung junger Künstler, der unter seiner Verantwortung stand. Er zählte alle Aktivitäten auf, die für eine Unterstützung durch diesen Fonds in Frage kamen. Und überraschenderweise waren dies neben der Malerei, Bildhauerei, Architektur, Literatur und der Musik, - also allen Aktivitäten, die traditionell zu den Schönen Künsten und der Literatur gerechnet werden, - zum ersten Mal auch die Fotographie und der Film.
Ich selbst war bei dieser Sitzung nicht zugegen, aber ein Freund von mir, der Maler Walter Kohler-Chevalier. Er überbrachte mir die gute Nachricht noch am gleichen Abend. Sie kam gerade recht, schon am nächsten Morgen unternahm ich Schritte, um vom Gemeinderat eine Unterstützung zu erhalten. Selbstverständlich ging es nicht darum, mit einem Beitrag aus dem Fonds zur Förderung junger Künstler die Dreharbeiten an und für sich zu finanzieren, das Budget einer solchen Produktion hätte die Kapazität dieses Fonds bei weitem überstiegen.
Schon bei den ersten Kontakten mit den Behörden konnte ich feststellen, dass ein für die Verwirklichung meines Projektes besonders günstiges Klima herrschte. Und zwar hauptsächlich aus zwei Gründen: Erstens war bislang kein einziger Film einer gewissen Bedeutung über die Stadt Biel gedreht worden. Es war also an der Zeit, ein solches Projekt zu verwirklichen. Zweitens waren die politischen Umstände günstig. Es schien in der Tat, dass ein Jahr vor den Wahlen die machthabenden Politiker begriffen hatten, dass sich ihnen eine Gelegenheit zu einer relativ wagemutigen Kulturpolitik bot, von der sie positive Wahlargumente erwarten konnten.
Folglich wurde mir sehr schnell ein Stipendium aus dem Fonds "Junge Künstler" gewährt, das mir gestattete, mein Projekt sehr viel konkreter zu machen. Ich konnte mich fast drei Monate lang Recherchen, Umfragen (Interviews) und der Ausarbeitung eines Drehbuches widmen, das als Basis für die Dreharbeiten dienen sollte, welche sich über mehrere Monate erstrecken würden.
Eine Geschichte erzählen
Stilistisch boten sich für die Darstellungsmethode praktisch drei grosse Optionen an. Erstens ein herkömmlicher "dokumentarischer" Stil, mit einer Abfolge von Bildern nach den Grundsätzen der Reportage. Der Aufbau erfolgt erst beim Schnitt, üblicherweise bei der Begutachtung des Materials, über das man verfügt; die "off"-Kommentare aber auch die Musik, die man im Nachhinein hinzufügt, müssen dem Film seine innere Logik, seine Kohärenz geben. Neben dem unvermeidbar didaktischen Aspekt liegt der wesentliche Mangel dieser Methode in der Tatsache, dass die Bilder auf eine simple Illustratorenrolle reduziert werden und keine Eigendynamik mehr aufweisen.
Zweitens, die "Fiktion als Vorwand": Als Ausgangspunkt denkt man eine Geschichte mit dramatischem Hintergrund aus, die in Biel spielt. Die Darsteller, abstrakte Kunstfiguren, bewegen sich in Alibi-Situationen, um diesen oder jenen Ort, diesen oder jenen Charakterzug oder ein spezifisches Bieler Problem zu thematisieren. Für diese Figuren ist eine ziemlich kontinuierliche Präsenz erforderlich; sie können nur von Berufsschauspielern überzeugend gespielt werden. Um das gesteckte Ziel zu erreichen müssen hoch qualifizierte und folglich teure Schauspieler engagiert werden und man muss sich klar für eine äusserst sorgfältige technische Ausarbeitung entscheiden, die viel Zeit und ein relativ umfangreiches Team (mindestens 15 bis 20 Personen) bedingt. Dies bedeutet ein Budget wie für einen Unterhaltungsfilm, das heisst auf schweizerische Verhältnisse berechnet vier- bis fünfhunderttausend Franken für Dreharbeiten in Farbe. Wenn man ein solches Unterfangen dennoch mit den begrenzten Mitteln des "Dokumentarfilms" riskiert, ist die Gefahr gross, dass man am Ende mit einem langweiligen Film im Stil des "Soldat Schmutz" dasteht, ein Film, den alle wehrtüchtigen Männer der Schweiz im Alter von zwanzig Jahren freiwillig oder gezwungenermassen zu sehen bekommen. Es sei noch angemerkt, dass man den Stil "Fiktion als Vorwand" nicht mit beispielsweise einem Film wie "Fellini-Roma" verwechseln darf, einem überragenden Werk reinster lyrischer Inspiration, in dem alle Szenerien und alle Figuren ausnahmslos im Studio nachgestellt wurden.
Drittens, die Methode des "nicht zwingenden Grundgerüsts", für die ich mich entschied: Das Wesentliche der Arbeit bestand darin, auf der Grundlage zahlreicher Recherchen und einer umfangreichen Dokumentation eine Liste von zehn bis zwölf für diese "mittlere Stadt" charakteristische Themen auszuwählen. Jedes dieser Themen beinhaltete Fragen, auf die ich eine objektive Antwort geben wollte, ohne meine persönliche subjektive Haltung einzubringen. Bei jeder Sequenz habe ich mich bemüht, so neutral wie möglich die (real existierenden) Orte und Figuren auszuwählen, die in meinen Augen das interessanteste Ausdruckspotenzial aufwiesen. Das Szenario wurde somit eine Art Schema, das aus voneinander vollkommen unabhängigen Zellen bestand, die untereinander durch rein formelle Elemente verbunden wurden.
Mit dieser Vorgehensweise verzichtete ich von Anfang an darauf, ein erschöpfendes Bild der Stadt zu vermitteln, indem ich beispielsweise versucht hätte, sämtliche existierende Probleme zu erfassen und zu dokumentieren. Es schien mir wichtiger, einige typische Züge des sozialen und kulturellen Profils der Stadt Biel vielleicht ein wenig willkürlich auszuwählen, anstatt eine lange und oberflächliche Liste von Aspekten zu erstellen, die allen kleinen und grossen Städten gemeinsam sind. Diese Methode schien mir am besten geeignet, um während der Dreharbeiten so viel Spontaneität wie möglich zu erreichen. Dadurch, dass der Film auf einer Grundlage aussagekräftiger Anekdoten aufbaute, wurde er lebendiger und kommunikativer.
In einer nächsten Etappe galt es dann, den Personen, deren Auftritt im Film geplant war, die Grundmaterie ihrer Sequenz vorzulegen, die stets in einer sehr einfachen Idee bestand, wie zum Beispiel: "Zieht die Stadt Biel aus ihrem See Nutzen?", "Die Zukunft der Uhrmacherei in Biel", "Gastarbeiter in Biel" oder "Ist die Fastnacht noch immer ein volkstümliches Fest?" usw. usw. Ich bat diese Personen, ihre Sequenz so persönlich wie möglich zu gestalten. Auf diese Weise wurden alle Texte, die in diesem Film zu hören sind (mit Ausnahme der geschichtlichen Sequenz über die Reform), von den "Schauspielern" konzipiert, die sie gesprochen haben. Ich habe auch stets versucht, die Darsteller miteinzubeziehen bei der Wahl der Szenerie und der Ausstattung um ihnen dadurch ein Höchstmass an Freiheit im Ausdruck zu ermöglichen. Von meinem Gesichtspunkt aus waren die einzigen zulässigen Beschränkungen gewisse unvermeidbare rein technische Zwänge, insbesondere zeitliche und räumliche Begrenzungen.
Dieses Vorgehen hatte ein doppeltes Ziel: Erstens galt es, ein möglichst lebendiges Resultat zu erreichen, indem ich nicht in den herkömmlichen Strukturen des Dokumentarfilms verharrte. Zweitens, und dies ist der wichtigste Punkt, wollte ich ein Bild von Biel geben, in dem meine eigene Subjektivität zu Gunsten der Subjektivität der Figuren im Film fast völlig verschwand. In anderen Worten, nicht ich sagte, was ich über die verschiedenen Aspekte der Stadt dachte, sondern die Darsteller sollten ihre eigenen Ideen in ihren eigenen Worten ausdrücken können. Und sie haben es getan!
Eine einzigartige Erfahrung
Für die Behörde einer Stadt von der Grösse von Biels sollte die Produktion eines offiziellen Films kein einmaliger und isolierter Akt darstellen. Man sollte sich zum Beispiel hüten davon auszugehen, dass ein einziger, im Jahr X produzierter Film ein endgültiges und nicht mehr zu veränderndes Bild dieser Stadt vermitteln wird.
Im Gegenteil, die Erfahrung des Filmeproduzierens sollte ständig erneuert und mit anderen Teilnehmern, anderen Autoren wiederholt werden. Dies mit dem Ziel, bestimmte lokale, für diese Stadt spezifische Probleme immer von Neuem zu hinterfragen, und andererseits die Probleme von mehreren Seiten zu beleuchten, das heisst, in regelmässigen Abständen, beispielsweise alle zwei Jahre, einer anderen Person oder Gruppe die Möglichkeit geben, mit filmischen Mitteln ein neues und originelles (nicht unbedingt immer schmeichelhaftes) Bild der Stadt zu zeichnen.
Letzter wesentlicher Punkt: Egal wieviel Subjektivität von den verschiedenen Autoren dieser Filme zum Ausdruck gebracht wird, das gedrehte Filmmaterial stellt unbestreitbar eine ernst zu nehmende Dokumentation dar, Basismaterial für eine systematische audiovisuelle Chronik einer Stadt. Selbst auf kurze und mittlere Sicht könnten sich Archive dieser Art als von beträchtlichem Wert erweisen.
Jean-Daniel Bloesch
November 1972
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