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Festival del film Locarno

Semaine de la Critique


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Carte Blanche
Israel/CH 2011 90'
Regie: Alexandre Goetschmann
Kamera: Alexandre Goetschmann
Ton: Ronen Nagel
Schnitt: Yoni Trzuya
Musik: Daphna Keenan
Produktion: Yael Biron, AMC-Migrations de culture

Stichworte
Gesundheit
Israel
Locarno
Dokumentarfilm

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Carte blanche (Goetschmann)

Alexandre Goetschmann

«Vor meinem Gericht sind alle zum Leben verurteilt» sagt mit einer Prise Ironie einmal Dr. Dror Soffer, der Chefarzt der Traumatologie des Krankenhauses Sourasky in Tel Aviv. Denn seine Aufgabe ist es, den Tod von den Patienten seines Krankenhauses fern zu halten, auch von jenen, die sich willentlich selbst töten, auf das Leben verzichten wollten. Sein Gebaren scheint kaltherzig, unberührt, fast zynisch, doch schon bald wird klar, dass es der einzige Weg ist, sich vor dem allgegenwärtigen Leiden zu schützen, die einzige Möglichkeit, seiner Arbeit weiter nachzugehen, ohne selbst von den Ereignissen überfahren zu werden. Als Goetschmann Dr. Soffer kennen lernte und ihm einen Film über dessen Abteilung vorschlug, lautete die einzige Bedingung, dass sich das Filmteam ständig in fünfzehn Minuten Reichweite vom Krankenhaus aufhalten solle. Nach diesem Versprechen erlaubte Dr. Soffer die achtmonatige Anwesenheit eines reduzierten Filmteams: im Operationssaal, bei der Notaufnahme oder den Patientengesprächen, ohne je etwas zu verheimlichen, auch nicht die schlimmsten Momente wie die Säuberung des Operationssaals nach dem Noteingriff bei einem Opfer eines gewaltsamen Streits oder den stummen Dialog mit einer Patientin, die grad knapp einem Selbstmordversuch entkommen ist. Ein Krankenhaus kommt nie zur Ruhe, es muss allen Mitbürgern versichern, dass dort immer jemand parat steht, ihr Leben zu retten. Es ist fast, als wolle diese Institution für unserer Gesellschaft den Ursprung vom Mythos des ewigen Lebens darstellen, und die Traumatologie hält dazu die Schlüssel in der Hand, hat sozusagen "carte blanche". Diese Abteilung füllt sich unablässig mit Menschen, die auf die eine oder andere Weise von der Gesellschaft zurückgewiesen wurden, und Dr. Soffer und seine Mitarbeiter suchen nach einem Ausweg. In all diesen Mienen, in der Verzweiflung der Leidenden, die heimkehren wollen oder sich fragen, wieso sie noch am Leben sind, finden wir Momente grosser Menschlichkeit wieder, eine Menschlichkeit die aus Blicken, Worten und Schweigen besteht und überzeugend von der Filmkamera eingefangen wird.
Mariano Morace, Semaine de la Critique Locarno

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 Carte blanche (Goetschmann)