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4 Kurzfilme von Peter Liechti
Peter Liechti
THEATRE DE L'ESPERANCE mit Ronald Reagan, Roman Signer, Michail Gorbatschow
Heute ist es doch so: Weltfrieden, Auf - und Abrüstung sind abgedroschene Themen und die Bilder aus TV und Zeitung dazu sind abgedroschene Bilder. Im Bewusstsein dieser Tatsache habe ich mich - nicht ohne Lust - daran gemacht, die längst verbrauchten Bilder vom Genfer Gipfeltreffen zwischen Reagen und Gorbatschow noch einmal ans Licht zu zerren ...
Der Film ist eine Wiederaufführung jener Tage, und zwar möglichst exakt so, wie sich die Bilder, herrlich fluoreszierend, in mein Gedächtnis eingebrannt haben. Material hierzu habe ich zum einen als Zaungast in Genf gesammelt, zum andern sind die alten TV-Bilder so lange bearbeitet worden, bis sie gefügig wurden.
Den Rahmen zur Geschichte hat Roman Signer beigesteuert: Refrain, Kommentar und frische Luft.
Ein Ausflug in die Bilderwelt
von Ralph Hug, Ostschweizer AZ
Ronald Reagan, Michail Gorbatschow und nicht zuletzt Kurt Furgler sind die Hauptdarsteller in Peter Liechtis neuem Film THEATRE DE L'ESPERANCE, der heute abend in der St.Galler Grabenhalle zu sehen ist. Liechti ging mit der Super8Kamera nach Genf zum Gipfeltreffen 1985, um Bilder dieses THEATERS DER HOFFNUNG einzufangen. Was er subjektiv filmte, konfrontierte er später mit den objektiven Bildern, die den TVZuschauern in aller Welt vom selben Anlass in die Stube geliefert wurden. Daraus entstand keine Politsatire, sondern eine filmischkünstlerische Neuinszenierung mit Bildern. die von Liechti so lange bearbeitet wurden, bis sie gefügig wurden.
Wie nahe kommt man überhaupt an die Sache heran? Von welcher Erlebnisqualität sind die Bilder? Welchen Erfahrungsschatz bergen sie und wie kann dieser hervorgeholt, sichtbar gemacht werden? Das waren Fragen, mit denen Liechti, von der Faszination des Grossunternehmens «Gipfeltreffen» angezogen, nach Genf fuhr. Er und sein Begleiter, der Künstler Roman Signer, suchten mit der Kamera nach einer Wirklichkeit, die dem Normalbürger sonst nur künstlich per Bildschirm zugänglich ist. Tatsächlich waren sie überrascht: Statt in die Hände von Sicherheitsbeamten und «Gorillas» zu geraten, gelang es ihnen, unerwartet nahe an die Ereignisse zu stossen:
Im Vorortszug nach Versoix machten sie den Punkt ausfindig, an dem der amerikanische Konvoi trotz täglich wechselnder Routen immer vorbeifahren musste. Dort filmten sie schemenhafte, gepanzerte Limousinen, die mit Vollgas die Repräsentanten der Macht an den Konferenzort transportierten, und erhielten so erste Bilder von symbolhafter Prägnanz.
Schliesslich stiessen sie gar ins Hotel vor, wo die Delegationen unter scharfer Bewachung konferierten, dies mit Hilfe einer Verwechslung: Der Gastwirt, bei dem sie ein Taxi bestellt hatten, hielt sie für Gäste des Hotels und bestellte prompt das luxuriöse Hoteltaxi, in welches Liechti und Signer nach einigem Zögern kurzerhand einstiegen...
«Es war zum Teil wie Science Fiction», berichtet Liechti über seine Genfer Erlebnisse, die ihm viel authentisches Bildmaterial lieferten, das es nach radikalsubjektiven Kriterien auszulesen galt. Der besondere Reiz lag nun in der Konfrontation mit den privilegierten TV-Bildern, die Liechti allerdings nicht einfach unbesehen übernehmen mochte: Die abgedroschenen Bilder eines auch abgedroschenen Themas (Abrüstung) mussten neu ans Licht gezerrt, es musste ihnen ein neuer Realitätsgehalt gegeben werden, damit sie wieder zu sprechen anfingen. Dies besorgte Liechti in langwieriger Schneid und Studioarbeit, wobei das Super-8 und Videomaterial auf 16 mm verarbeitet und zu einem Werk zusammengefügt wurde. Die Rahmenhandlung lieferte Liechti eine Aktion von Roman Signer, der auf der Hundwiler Brücke einen Koffer übers Geländer sausen lässt, aus dem Tausende von Makulaturblättern in die Tiefe regnen.
Auch als inhaltlicher Kommentar zum Genfer Gipfel ist diese Aktion gedacht, aus der leicht eine Vielzahl symbolischer Bezüge herausgelesen werden können, von der Papierflut bis zur Tatsache, dass der Koffer letztlich in einem Strudel verschwindet…
TAUWETTER
Zur Zeit der Schneeschmelze, wenn die Hügel im Appenzell mit einem Netz von grünen und weissen Flecken überzogen sind, gleiten gefüllte Wassereimer langsam den Hang hinauf und hinab. Schliesslich gerät die sanfte Bewegung in heftiges Schwingen. Schüsse peitschen durch die Luft, die Eimer werden durch löchert. Langsam kommt das Wasser ins Fliessen. Das ist der Höhepunkt eines Rituals, das tief im Innern des Berges seinen Anfang hat. Dann leiten Wasserspuren durch die Luft hin zu den tauenden Hängen, das Wasser beginnt zu strömen und lässt den Brunnen im Tal fast überfliessen...
AUSFLUG INS GEBIRG
Während seiner Ferien macht einer einen Ausflug ins unbekannte Nachbarland. In der alpinen Enge dort findet er ein ideales Echo auf seinen mitgebrachten Koller: Bergkoller, Zivilisationskoller, Mentalitätskoller... zeitweise wird ihm dieses ungehemmte Kollern gar zum Vergnügen. - Er braucht diese Ausflüge ins Gebirg. Er braucht seinen Ärger, um seinem Unbehagen auf die Spur zu kommen.
«Glatz und Schlund. Saustein und Schätteregg. Üble Schlucht und Schrecken. Motten, Stollen, Tote, Eisengülle, Metzgertobel, Nonnenalp und Ritzenspitzen. Schmalzberg und Saustein. Höllritzeralp und Kackenköpfe. Gurgen, Wäldle, Töbele, Kratzer, Krottenkopf, Mädelegabel, Madloch, Schiggen, Totenfeld und Schrottenkopf. Krofen, Gufel, Schritzer, Schlipfbalden und Kahlrücken. Hoher Riffler, Knittelkarspitzel, Laufbichel, Schreierkopf und Sinnesbrunnen. Gungelgrün und Grottenkopf. Pestkapelle, Säuling, Faselfad und Gries und Schön. Köpfle, Mösle, Roter Schrofen, Schönjöchle, Schnatzerberg, Hintergiggel, Grins und Schweig. Hirschhals und Mutterkopf. Hexenkopf und Schruns. Beim Herrgott…»
Da macht einer einen Ausflug ins Gebirg, mietet sich hoch oben in der Kahlheit der Berge ein und bleibt in der alpinen Enge stecken mitsamt dem mitgebrachten Koller, der in solcher Umgebung sich nur weiter in ihn frisst, ja seine Wut noch verstärken muss, denn er hasst die Berge, die «blöd» machen, diese Kofel und Schrunden und Steine und den Regen, wenn es nur schneien würde, der Schnee diese «Sauhänge» zudecken würde.
Er hätte ja weiterfahren können, warum hat er es nicht getan, tut es nicht, und dann diese fürchterliche Himbeertorte, die man auffressen muss, damit sie einen nicht selber auffrist. Er ist kein Wanderer, ja alles andere als ein Wanderer, eine Sesselbahn wünscht er sich, überlang, um sich über Wüsten tragen zu lassen und sich in Meeren zu spiegeln...
Peter Liechti dokumentiert in 26 Minuten den eigenen Ärger, der, von Gipfeln und Kofeln bestätigt, wie ein Echo zurückgeworfen wird, und in ihnen Entsprechung findet: einen Ärger, den er misslaunig geniesst und in bissig-bösem Selbstgespräch in diese Landschaft hineinwirft und sich von ihr bestätigen lässt. Er weiss gar nicht, was er hier zu suchen hat, von etwas finden kann keine Rede sein, und doch bleibt er, bis er kein Geld und kein Filmmaterial mehr hat, angezogen und abgestossen von sich selber und dem, was ihn hier umgibt. Schliesslich fährt er noch zum «Lech» dem Fischteich in den Bergen, wo er - als letzte Bilder - das Sterben eines Fisches verfolgt. Damit bringt er die Belustigung der Zuschauer scharf zum Kippen.
Bild und Sprache (eine nach Österreich passende Eigensprache, die an eine Mischung aus Achternbusch und Bernhard denken lässt), Ton, Stil und Rhythmus situieren, ohne genau zu fixieren, und der dramaturgische Faden hält genaue Balance zwischen persönlich saurem Missbehagen und geschändeter Landschaft. In diesem kleinen geschlossenen, beeindruckenden Kunstwerk gibt es weder Störendes noch Überflüssiges.
Elsbeth Prisi, ZOOM
Dieser «Ostschweizer Achternbusch» frönt hier schamlos narzisstisch seiner Obsession durch die Berge, denen er offensichtlich nicht entfliehen kann, will, ist er nun mal unter ihnen zu Hause. Sein provokativer Ausspruch «Berge machen blöd», sein Ausflug ins Gebirge sind formuliertes und visualisiertes Unbehagen an seiner Umgebung, erinnern an den unverdauten 1980-Spruch «Weg mit den Alpen, freie Sicht aufs Mittelmeer».
Beatrice Leuthold, Tages Anzeiger
Je unwirtlicher die Städte, desto lockerer die Bergwelt: Fredi Murers HÖHENFEUER, Francis Reussers DERBORENCE, Xavier Kollers DER SCHWARZE TANNER - auf höherer Ebene schlägt das Schicksal offenbar telegener zu als in den Tälern. Mein Fast-Lieblingsfilm in Solothurn spielt auch in den Bergen: AUSFLUG INS GEBIRG, 26minütiger Super-8 von Peter Liechti. Noch keiner hat hässlichere Bilder von den blöden Bergen gemacht, wo dermassen nix läuft, dass jeder vorbeizurrende Helikopter zum freudigen Ereignis wird, wo's nicht mal richtig regnet, sondern nur gerade dämlich tröpfelt, wo einem unglaublich dumme Hänge immerfort elend anstarren. Eine Meistersatire vom Schlage eines Henscheid.
Marianne Fehr, WochenZeitung
SENKRECHT / WAAGRECHT
Die Aktionen Roman Signers verstehen sich in ihren Bewegungs- und Handlungsabläufen als Raum/Zeitplastiken. Die Bewegungsrichtungen in den vorliegenden Dokumenten verlaufen ausgesprochen gegensätzlich, und so heisst der Film auch ganz einfach: SENKRECHT / WAAGRECHT. Unterstrichen wird diese Gegensätzlichkeit durch die Handlungsorte:
Winter/Eis/Wasser/Sommer/ Wolken/Luft. «Kommentiert» wird die Geschichte mit den abstrakten Zeichen der Taubstummen-Sprache und vor allem mit der Musik von Möslang/Guhl.
Peter Liechti
* 1951 in St.Gallen. Matura Typ B. Abgebrochenes Medizinstudium. Diplom für das Höhere Lehramt im Zeichnen, HGKZ. Kunstgeschichte, Universität Zürich. Freie Lehrtätigkeit, Malerei und Zeichnung. Mitbegründung KinoK in St.Gallen. Seit 1986 freier Filmschaffender als Autor, Regisseur, Kameramann und Produzent.
2013 VATERS GARTEN
2009 THE SOUND OF INSECTS
2006 HARDCORE CHAMBERMUSIC
2004 NAMIBIA CROSSINGS
2003 HANS IM GLÜCK
1997 MARTHAS GARTEN
1996 SIGNERS KOFFER
1990 ROMAN SIGNER, ZÜNDSCHNUR
1990 GRIMSEL
1989 KICK THAT HABIT
1987 TAUWETTER
1987 THEATRE DE L'ESPERANCE
1987 Drei Kunsteditionen zu Roman Signer
1986 AUSFLUG INS GEBIRG
1985 SENKRECHT, WAAGRECHT
1984 SOMMERHÜGEL
Buch:
2010 LAUFTEXT - AB 1985
Videos
News
- THE SOUND OF INSECTS von Peter Liechti ab heute im Kino 2009-09-24
- THE SOUND OF INSECTS von Peter Liechti 2009-04-24
- HARDCORE CHAMBERMUSIC von Peter Liechti ab 30. November im Kino 2006-11-28
- Roman Signer im Centre culturel cuisse in Paris 2006-08-30
- Peter Liechti Retrospektive im Stadtkino Basel 2006-04-30
Internet
Preis: 36.00 CHF
An Lager
DVD5
PAL 4:3
Region 0
Sprachen: Deutsch
Untertitel: English (only Ausflug ins Gebirg)
4 Kurzfilme von Peter Liechti
Tauwetter
CH 1987 8'
Regie: Peter Liechti
Drehbuch: Peter Liechti
Kamera: Peter Liechti
Ton: Florian Eidenbenz
Schnitt: Peter Liechti
Schütze: Roman Signer
Ausflug ins Gebirg
CH 1986 33'
Regie: Peter Liechti
Drehbuch: Peter Liechti
Kamera: Peter Liechti, Jörg Eigenmann
Ton: Peter Liechti
Schnitt: Peter Liechti
Musik: Res Wegmann
Senkrecht / Waagrecht
CH 1985 7'
Regie: Peter Liechti
Kamera: Peter Liechti
Schnitt: Peter Liechti
Musik: Norbert Möslang, Andy Guhl
Aktion: Roman Signer
Théâtre de l'Espérance
CH 1987 19'
Regie: Peter Liechti
Drehbuch: Peter Liechti
Kamera: Clemens Steiger
Ton: Florian Eidenbenz
Schnitt: Peter Liechti
Musik: Sun Ra, Elvis Presley
Koffer: Roman Signer















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