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17 Augusta
Russia/Poland/Finland 2009 62'
Regie: Alexander Gutmann
Drehbuch: Alexander Gutmann
Kamera: Maxim Efros, Nikolay Volkov, Alexander Gutmann
Ton: Leonid Lerner
Schnitt: Alexander Gutmann
Musik: Vladimir Tasarov
Stichworte
Russland
Locarno
Dokumentarfilm
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17 Augusta
Alexander Gutman
Ein Tag im Leben von Boris Bezotechestvo. Ein Tag, wie der vergangene gewesen ist, ein Tag, wie der kommende sein dürfte. Zähneputzen als Ritual, Rasieren als Beschäftigung, Leibesübungen, um sich fit zu halten – wofür auch immer. Eine Katze schaut durch ein vergittertes Fenster herein, sie mag gerade noch durchschlüpfen. Ein Vogel flattert vorüber, eine Spinne kommt zu Besuch, bisweilen plätschert draussen der Regen. Die Kamera blickt durch ein quadratisches Fenster in der Zellentür und beobachtet, wie der Gefangene endlos seinen engen Raum durchmisst, als müsste sie die zurückgelegte Wegstrecke registrieren.
Bisweilen werden die Wanderungen unterbrochen: durch Nahrungsaufnahme aus dem Blechnapf, durch einen kurzen Ausflug ins Freie, ebenfalls in einen Käfig. Und das Kreisen im Gitter beginnt aufs Neue. Wer ist dieser Mann? Warum ist er gleichsam eingemauert, isoliert? Die Kamera schwenkt auf eine Tafel neben der Zellentür. Da steht geschrieben: «Gefangener Boris Bezotechestvo. Lebenslänglich. Artikel 102. Ausbruchsgefahr. Aggressiv. Dreifacher Mörder.» Er ist eingesperrt im ersten russischen Gefängnis für lebenslänglich Inhaftierte. Seine Welt sind vier Wände und der Ausblick aus einem vergitterten Fenster. Die Zelle beginnt, ihn aufzufresssen.
Der Film zeigt – ungeachtet der Verbrechen, die der Insasse begangen hat – zunächst die Unmenschlichkeit der lebenlänglichen Einzel haft, die erst dann endet, wenn der Einge sperrte aus einem Seitenausgang des ver gitterten Gebäudes getragen wird. Er zeigt darüber hinaus die völlige Vereinsamung eines Menschen, der, auf sich allein zurückgeworfen, mit sich selber spricht und mit einem Gott in Dialog zu treten versucht, an den er, wie der Filmautor meint, ja gar nicht glaubt. Der Film versucht, die Auswegslosigkeit seiner Hauptfigur aus verschiedensten Blickwinkeln, aber am Ende immer durch das kleine Gitterviereck in der Zellentüre zu reflektieren.
Am Beispiel eines Einzelnen entwirft Alexander Gutman eine visionäre Parabel über den Niedergang einer Gesellschaft, wobei er in formaler Strenge und stark gedrosselten Far ben ein düsteres Bild der Auflösung gesell schaftlicher und moralischer Ordnung zeichnet. Sein Film entwickelt sich zu einer ästhetischen Entdeckungs- und Wahrnehmungsreise, die sich in ständig wechselnden Perspektiven zu einer magischen Meditation über Zeit und Vergänglichkeit verdichtet, die im Horizont von Schöpfung und Apokalypse eine metaphysische Dimension erreicht. Zu Beginn der Filmes verschwindet ein Mann mit klopfenden Schritten im Grau der Nebelschwaden. Am Endes des bannenden Dokuments taucht ein Pferdewagen aus diesem Nebel auf. Auf dem Wagen liegt eine längliche Holzkiste. Boris Bezotechestvo blickt durchs Zellenfenster dem Wagen so lang wie möglich nach. Bewusst verzichtet Gutman auf nähere Angaben, wo, wann und wie die Bilder seines Films entstanden sind. Für ihn ist diese Einzelzelle, die Enge des Raums zwischen den Betonwänden, ein Symbol für sein Land. Die Gesellschaft in Russland – das will er zum Ausdruck bringe –, hat sich nicht geändert. Seine Aussage wird Bild: «The prison where the character of my film stays is contemporary Russia.»
Rolf Niederer, Semaine de la Critique Locarno 2009


